Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Träumen und Visionen. Jawohl — Träumen und Visionen. Etwas Unbeholfenes lag in seinen Erzählungen, etwas ungeheuer' Naives, J Aber das Naive eines Sehers, die Wucht eines Schöpfers, wenn auch die eines noch nicht freigewordenen, noch gebannten.- Seine Visionen waren Weltenträume. Es waren Bilder, wie sie Hesekiels Phantasie erdichten konnte, Bilder von Tod und Grausen, von Vergehen und Auferstehen. „Ich ging hinaus auf das Feld, -— und sieh' da, die Welt war tot. Alles Seiende lag wüst. Nur ich und ein alter Mann — mein Vater — blieben als die Einzigen. Am Pfluge zogen wir, die Plugschar hoben wir, und unsere Furchen waren neue Welten, neues Leben schöpften wir aus der toten Erde . . So sind seine Träume geartet. So schaut er in die Welt. Kein Wunder, daß er den Messias so auffaßt, wie er ihn auffaßt. Wie jeder Mystiker spürt er die Momente der Dämmerung, wo ein Leben aufhört und das andere sich der Schwelle nähert. Er wendet sich vom Seienden ab, — sich dem Schauen des Werdens zuwendend. Oder vielmehr dem Momente vor dem Werden, dem Momente, wo die „Schechina" die Seele aus der Tiefe des Thrones Gottes heraushebt, sie ins Leben schickend. So ist auch sein „Bar-Kochba", den er jetzt in Berlin ausstellt, so sein „Moses". Er nennt sie so. Auf den ersten Blick willkürliche Benennungen. Es ist nichts Traditionelles, geschichtlich Vererbtes an seinen Schöpfungen. Wir denken uns einen „Bar- Kochba" als Kämpfer, als mächtigen Gladiator. Er lebt für uns in den Momenten seiner höchsten Kraftsteigerung, in der Schlacht bei Bethar, wie er auf einem Löwen reitend, selbst ein Löwe — „ein Leu ist Jehuda" — sich in die heiße Schlacht stürzt — und den Heldentod stirbt. Wir sehen ihn im Moment des Wirkens, Glycenstein sieht ihn anders. Er sieht den Bar-Kochba, wie er sich erst zum Sprunge rüstet. Noch ein Moment, — und er ist schon der Führer, der. Held, der unglückliche Messias. Aber vor diesem Momente —- ist er noch der Gebannte, der Nichterwachte. Und diesen faßt Glycenstein in seiner Seele. Ist es Bar-Kochba? Vielleicht nicht, —■ aber die Dichtung eines Künstlers. Da steht ein Jüngling. Ein scharfes, sinnendes Gesicht. Noch Jüngling und schon Mann. Auf der Schulter ein Stab. Ein Fuß vorgestreckt, wie wenn er im Weiterschreiten innehielte. In den Zügen eine Unentschiedenheit. Nicht Zagheit nicht Irren, — sondern das Zögern eines Suchenden, der vor einem Wendepunkte steht — und nicht weiß, ob es der seinige sei. Technisch etwas unvollkommen, — aber ein packendes Ganzes. „Was ist das?" — „Moses vor dem Dornbusch!" Moses? Und da erscheint einem die majestätische Figur des „treuen Hirten", des „Knechtes Gottes", wie ihn Michel Angelo gemeißelt hat. Moses? Der gewaltige, unvergängliche Mann, aus dessen Haupte Lichtstrahlen hervorgingen, einem Volke, einer Welt den Weg weisend, — und dieser unentschlossene sinnende Jüngling! Und doch! Glycenstein interessiert sich mehr für den Moses der einsamen Wüste, den noch nicht gereiften, nicht zielwissenden. Er steht schon vor dem Dornbusch, weiß noch aber nicht, daß die Flammender Ewigkeiten dort lodere. Es ist der noch nicht erwachte, der noch gebannte Moses . . . Für jeden Dichter ist nicht das Wirkliche wertvoll, sondern der Traum. Was schon erschaffen wurde, — ist beschränkt. Was der Schöpfer erschaffen wollte, — das ist unendlich. Hat Moses, in seiner einsamen Wüste, unter den Felsen und Höhlen, oder auf dem Berge Horeb, in den vierzig Tagen und Nächten seiner Weltentrücktheit das geträumt, was geworden ist? Er hat von einem „Volke der Heiligen" geträumt, von einem „Reiche Gottes". Und die Wirklichkeit hat seinem Traume die Glorie genommen. Und nicht nur das, -— im Momente, wo Moses zum Volke hinabsteigt, — da ist er schon von Erdenschwere belastet. Er muß mit Menschen nach Menschenart reden. Moses, der noch nicht gesprochen hat, der vor dem brennenden Dornbusch, vordem Rätsel des Unendlichen stand, war ganz Traum, ganz Dichtung, \ eins mit dem Unbeschränkten, Namenlosen, Ungestalteten . . . Daran wird vielleicht die Kunst Glycensteins scheitern, — daß; er das Nichtzugestaltende gestalten will. Aber das ist Schickal des Dichters .... Auch die Gegenwart sieht er so, mit Ewigkeitsaugen. Das brandende Leben ringsumher interessiert ihn als Sturmzeichen einer neuen Zeit. Wie wird die sein? Ganz gleich, — aber sie ist in das Dunkel der Zeiten gehüllt und darum von der Wirklichkeit unbefleckt. Er hat seiner Sehnsucht nach dem Neuen in einer Gruppe, die er „Vorläufer" nennt, Ausdruck gegeben. Ein Student, ein Arbeiter, ein Bauer halten sich an den Händen, strebend, einander fortreißend. Die Gruppe ist hübsch. Besonders der Bauer, der sich nur mühsam von der Scholle losreißen kann, dem das Kleben an der Erde Natur ist. . . Die Auffassung in ihrem Ideeninhalt ist naiv, — in ihrem Ahnungsinhalt tief .... Wir standen in dem Atelier des Künstlers in Grunewald. Der Abend dämmerte schon hinein. Beschneite Baumwipfel blickten wehmütig durchs Fenster.... Ringsumher standen verschiedene Werke Glycensteins, neue und ältere. Da ist eine Büste D'Annunzios, die ein Meisterwerk ist. Es ist ein D'Annunzio, mit Phantasie aufgefaßt, ein D'Annunzio, wie er am liebsten sein möchte, — ein Venezianer aus der Zeit Tizians. Glycenstein hat auch hier die Seele in ihren Anfängen erfaßt. Und vielleicht noch besser als der Vater ist die Tochter getroffen. Die Büste des jungen Töchterchens D'Annunzios ist ein Werk im Stile der Glycensteinschen, ahnenden, träumenden Kunst. Dort, wo es noch nichts Geformtes auszusprechen gilt, da ist sein Reich, da ist seine Kraft. . . „Ich schaffe keine jüdischen Werke, und doch ist alles, was ich schaffe, jüdisch", — sagte mir Glycenstein. Und eine Wahrheit ist darin. Nationale Motive machen noch keinen nationalen Künstler. Die italienischen Meister haoen biblische Stoffe gemalt — und sind doch italienische Künstler. Israels malt holländische Motive und ist doch ein jüdischer Künstler. Weil er nach jüdischer Art sieht, auffaßt, erlebt. Hirschenberg z. B. ist ein nationaler Künstler im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat mit erschütternder Wahrheit das Leiden, das Leben der Juden erfaßt und dargestellt Eine unendliche Wanderschaft, ----- jung und alt, immer weiter, immer fort -— das ist das „Golus". Hirschenberg ist der Maler des jüdischen Lebens, der jüdischen Gebärde. Wenn man aber unter die Schichten der Gegenwart steigt, in Tiefen, wo die Quellen eines Volkes, eines Lebens fließen, da verschwinden die Schichten der Aktualität, die Züge der geschichtlichen Wirklichkeit. Da sieht man nur Möglichkeiten. Dorthin führt uns Glycenstein. Auch er hat viele Möglichkeiten. Ein Künstler, der sein großes Wort noch nicht gesagt hat. Was wird er sagen? Was hat er gesagt? Wir können, wir wollen es nicht in eine Formel fassen, aber wir fühlen, daß zu uns eine künstlerische Seele spricht, — eine jüdische, nicht schablonenhaft jüdische. . . Etwas Neues tönt uns leise entgegen. Es murmelt, wie traumverloren. Wir kennen noch nicht die tiefste jüdische Note. Wir fühlen aber, daß sie in dieser Kunst leise widerhallt. . . Weltenträume! Verzweiflung und zugleich Hoffnung! Wie grausam, nie die Wahrheit über die Güte stellend, — die jüdische Geisteswelt! Und wenn man diesen kleinen Juden aus Türk in Polen sieht, der in Rom lebt, in München studierte, in Berlin ausstellt, keine Sprache sein eigen nennt, gleichzeitig jüdisch, deutsch, italienisch- und polnisch spricht, — und doch voller Stil, scheinbar heimatlos und doch tief in der Seele seines Volkes wurzelt, und im Halbdunkel des Ateliers seinen Worten, von mystischem Hauch umgeben, lauscht, — da sagt man sich unwillkürlich, — der ist ein jüdischer Künstler, ein Dichter. . . Aus dem Formlosen die Form, — vom Ungestaltigen zur Gestaltung. — Das ist die Entwicklung der jüdischen Seele, wie wir sie schon jetzt beobachten können. Ist Glycenstein auch ein „Vorläufer"?.. . A. Cor.