Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Xo. g DIE^ELT 11 nehmen ist, hat Einfluß in jüdischen Kreisen und wird vom Provinzjuden, dessen jüdischer Erzieher und hauptsächlichste jüdische Lektüre es ist, gerne gelesen, sogar wie ein Evangelium befolgt. Aber all das gibt seinem Herausgeber nicht die Qualitäten, die man heutzutage bei einem jüdischen Abgeordneten voraussetzt. Dr. Bloch ist ein guter Talmudkenner, aber er war nie ein verläßlicher Politiker. Er ist ein tüchtiger Zeitungsmann, aber kein ernst zu nehmender Parlamentarier. Er wirkt vielleicht, wenn er schreibt, aber er wirkt grotesk oder stößtab,wenn er spricht. ErtaugtnichtfürdiegroßeÖffentlichkeit. Leute, die ihn anfangs der achtziger Jahre im Parlamente gehört und gesehen haben, sind entsetzt, wenn sie an die Möglichkeit denken, daß er wiederum im Hause auftauchen könnte. Dr. Bloch als Redner ist eine Figur, die zum Nicht-Ernstnehmen förmlich aufreizt. Das ist eine Tatsache, die in Wiener jüdischen Versammlungen, in denen er auftritt, immer wieder beobachtet werden kann. Das könnte als ein allzu persönliches Argument denunziert werden, obwohl es unleugbar und auch von ganz unparteiischen und Herrn Dr. Bloch ganz gut gesinnten Juden anerkannt ist. Für uns Zionisten ist maßgebender das sachliche Moment, daß Dr. Bloch nicht als nationaler Kandidat auftritt und sich um jede moderne nationalpolitische Forderung ängstlich drückt, und das persönliche Moment, daß wir Herrn Dr. Bloch nicht nur nicht mit Vertrauen, sondern mit tiefem und begründetem Mißtrauen begegnen. Wenn ein jüdischer Kandidat nur mit dem Refrain: „Ich bin nichts als Jude" Wähler — religiöse, nationale, indifferente einfangen will, und jeden Ballast eines wirklichen politischen, nationalen, wirtschaftlichen Programms in geschickter, aber nicht minder zweideutiger Weise vermeidet, dann hat er keinen Anspruch, von Nationaljuden gefördert und gewählt zu werden. Eine solche Taktik wäre ein schwerer politischer Rückfall und kann ernsten, denkenden Nationalisten, die nicht Personenfragen über alles stellen, nicht zugemutet werden. Die Zionisten haben allen Grund, Herrn Dr. Bloch nicht zu trauen. Sie müßten ein gar zu kurzes Gedächtnis besitzen, und das kann man auch im politischen Leben nicht verlangen. Die Österreichische Wochenschrift hat fast ein Jahrzehnt hindurch durchaus nicht zu unseren loyalen Gegnern, sondern zu unseren verbissensten und rücksichtslosesten Feinden gehört. Sie hat unsere Führer, Herzl und Nordau vor allem, einigemal in unqualifizierbarer Weise in den Kot gezerrt; sie war an der Verleumdungskampagne gegen die Kolonialbank beteiligt, sie hat unsere Agitation in Österreich Schritt für Schritt behindert und herabgesetzt. Dr. Bloch war nicht immer der Autor der empörenden Angriffe. Aber sein Blatt stand allen Hassern und Angreifem der Zionisten jederzeit offen, und er selbst wurde so unser gehaßtester, auch verachtetster Wiener Gegner. Allerdings, er hat dann umgesattelt und hat in den letzten zwei Jahren seine Haltung klugerweise geändert. Das Wie und Warum bleibe dahingestellt. Das Vertrauen der Zionisten hat er auch durch diese korrektere und entgegenkommende Haltung nicht gewonnen, nur die persönlichen Gegensätze haben sich gemildert. Dies kann allenfalls dem Wahlkampf Leidenschaftlichkeit und Gehässigkeit nehmen, wird ihn jedoch nicht ausschließen oder unnütz erscheinen lassen. Und endlich, ein sehr praktisches Bedenken! Durch Dr. Blochs Kandidatur kann dieser Wahlkreis, der über 60% jüdischer Wähler zählt, den Juden überhaupt verloren gehen. Selbst wenn, wozu keine Aussichten vorhanden sind, Dr. Bloch mit den christlichsozialen Gegenkandidaten in die Stichwahl kommt, ist seine Wahl fast ausgeschlossen, weil er auf christlich-freisinnige und alle sozialdemokratischen Stimmen verzichten muß und sogar hunderte jüdischer Wähler aus Gründen persönlichen Geschmackes und Widerwillens zur Abgabe leerer Stimmzettel veranlassen wird. Mit einem Worte: Die Leopoldstadt wird unter allen Umständen und in allen ernslen politischen Kreisen auf das zweifelhafte Glück verzichten wollen, Herrn Dr. Bloch ins Parlament zu entsenden. Die erste Wählerversammlung des Herrn Dr. Bloch kann darüber keinen Zweifel lassen. Ihr Vorsitzender, ein Advokat, der sich zum erstenmal als Wahlmacher so undenkbarer Art versucht, hat wohl mutig das wahre Abstimmungsresultat, das gegen seinen Protege entschied, in das Gegenteil verdreht, und die „Wochenschrift" konstruiert aus der offenbaren Niederlage ebenso dreist eine einstimmige Annahme. Die Herren beginnen zu früh das Corriger la fortune. Solche Mittelchen werden höchsten vorübergehend die öffentliche Meinung fälschen und verwirren, Dr. Bloch zu einem Mandate zu verhelfen vermögen sie nicht, weil politische Vernunft, guter Geschmack, reale Machtverhältnisse und moralische jüdische Interessen sich mit aller Macht dagegen sträuben. R. N. BEI HENRYK Ich sah ihn zum erstenmal in Basel auf dem VII. Kongreß. Es war eine Vorkonferenz der russischen Delegierten. Die Parteileidenschaften waren bis zum höchsten Siedepunkte gestiegen. Die Wetterwolke der Krise hing drohend über den Häuptern. Es war ein Heidenlärm. Keiner hörte auf die Worte des andern. Hände flogen in der Luft, abgerissene Laute schwirrten umher. Man sah die Leidenschaft eines Volkes, das zum Schweigen und Dulden verdammt ist, mit unbändiger Gewalt hervorbrechen. . . . Und in einer Ecke stand ein kleines Männchen mit dunklen, rätselhaften Augen, die etwas zu sehen scheinen, was andere nicht sehen können, ein kleiner Jude mit einem ausgeprägten Künstlergesichte und gestikulierte und schien erregt zu sein. „Bambini!" sagte er, „Bambini! So ist's gut. Man schreit, man spricht! Das ist gut! Ich bin unter Juden!" Und als er so sprach, schwand die Gegenwart und ihre Bitterkeit. Die Parteiinteressen verstummten, — und der Höllenlärm, das Unförmliche, Ungezügelte des Augenblicks nahm eine tiefe, beinahe symbolische Bedeutung an. Früher war es die eine zionistische Gruppe, die die andere bekämpfen, überwinden wollte, — jetzt schien es der Sprung eines alten Löwen, der lange im Käfig lag und der mit donnerndem Gebrüll seinen Freiheitssprung macht. Alle Personen gingen in einer auf, einer mystischen, großzügigen, großgebärdigen. So wurde das Häßliche zum Schönen, der Moment zur Ewigkeitsetappe unter dem sehenden Auge eines Künstlers . . . Dieser kleine Jude mit den Augen eines Träumers — war Henryk Glycenstein! * * Einige Tage darauf standen wir wieder zusammen im Kongreßsaale vor dem Werke des Künstlers „Messias". „Messias" nennt er es. Ich würde es nicht so nennen. Es ist ein Messias, wie ihn die Phantasie eines Mystikers erfinden kann, ein Erlöser der sündigen Welt, nicht der Erlöser Israels. Noch nie hat die Phantasie eines Volkes sich einen alten Messias vorgestellt. Buddha war ein Jüngling, als er ausging, die Welt zu erlösen, von der Schwere des Daseins zu befreien, in das Nichts hinüberzuführen. Und der Erlöser der Christenheit ist als junger Mann im Gedächtnis des Glaubens geblieben. Auch der Messias der Juden war stark und mächtig und kraftstrotzend gedacht. Es schadet nicht, daß er kettenbeladen, wundenbedeckt vor den Toren Roms, der Bezwingerin, sitzt. Wenn die Stunde kommt, — da erwacht er, der Riese, der Junge, der Schöne, — alles verjüngend. Das ist Messias. Die Gestalten der Pseudomessiasse sind die plastischen Beweise dafür. — Glycenstein hat uns einen Messias vor seiner Messiaswerdung gegeben. Nicht den Erwachenden, Verjüngenden, Führenden, sondern den Kettenbeladenen, den noch nicht Gesühnten. Eher alt als jung, ein Greis trotz seiner mächtigen Glieder. Nur in seinen Händen ein Horn. Aber das Horn, der Schofar des Weltgerichts, der die Toten im Tale von Josaphat erwecken, der aus dem Staube der Geschlechter neues Leben hervorlocken wird, — liegt stumm in seinen Händen. Es ist der gebannte Messias. „Jisroel sowo" - Israel, der Greis, der an Jahren reiche, das ist eine Dichtung der spätem Zeiten, der Mystik, die Israel und Welt verschmelzen, den „König" und die „Königskinder" vereinigen wollte. Dieses Motiv lebt in Glycenstein nach, wie in ihm der tief mystische, alles verklärende Zug des jüdischen Geistes webt und lebt..... Vor der Statue des „Messias" standen wir, schauend, betrachtend, jeder nach seiner Art, er das Werdensollende sehend, ich das Gewordene und das nicht Gewordene. Aber der Künstler sprach mir von seinem Werke und dem letzten Grunde seines Schaffens. Vom letzten? Den kennt er selbst nicht! In gebrochenen, aus verschiedenen Sprachen zusammengelöteten Sätzen erzählte er mir von seinen