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Die Welt · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die Alliance-Schulen in Bulgarien Wie in den übrigen orientalischen Ländern, hat die „Alliance Israelite Universelle" auch in Bulgarien ihre Schulen. Allerdings werden diese hierzulande nicht von der „Alliance" unterhalten, — die „Alliance" bezahlt lediglich den Direktor der Schulen —, doch nennt man sie nichtsdestoweniger Alliance-Schulen. Freilich, die absolute Herrschaft, welche die „Alliance" in Asien ausübt, hat sich bei uns nicht eingebürgert. Wohl gab es eine Zeit, wo der Direktor der Alliance-Schule in der Regel zugleich Vorsteher der jüdischen Gemeinde w ar; seit einigen Jahren haben die bulgarischen Juden jedoch die Herren Direktoren aus den Vorständen der Gemeinden entfernt. Noch mehr: die Vorsteher der Gemeinden haben sich erkühnt, auf die Leitung der Schulen Einfluß zu nehmen, so daß der Direktor oft in derselben Anstalt, wo er in der guten alten Zeit unumschränkter Gebieter war, gegenwärtig faktisch nichts weiter ist als dirigierender Lehrer und Vertreter der „Alliance", der sich sogar die Einmischung des Vorstandes in die Unterrichtsordnung gefallen lassen muß. Ieh habe mir sagen lassen, daß in früheren Jahien der Direktor überhaupt alles war: Gemeindesekretär, Tempelverwalter usw. Wenn man heute mit einein bulgarischen Juden über die Alliance-Schulen spricht, so weist er haarklein nach, daß die „Alliance" hierzulande keinerlei Existenzberechtigung besitzt. Alle Disziplinen werden in den bulgarischen Alliance-Schulen in der Landessprache gelehrt; Französisch wird bloß als eine fremde Sprache getrieben. Heute beginnt man sogar die Notwendigkeit dieses bloßen Sprachunterrichts in Zweifel zu ziehen. . In Philippopel z. B. wurde beschlossen, den französischen Sprachunterricht in der Schule einzustellen. Da die Gemeinde aber den Zuschuß, welchen die „Alliance" leistet, nicht aus eigenen Mitteln aufbringen mag, wandte sie sich an den Deutschen Hilfsverein, gab der Alliance den Abschied und stellte anstatt der französischen deutsche Lehrer an. Sie begründet ihr Vorgehen damit, daß die deutsche Sprache für die bulgarischen Juden notwendiger sei als die französische. Beweis: die statistisch festgestellte Tatsache, daß von den ehemaligen Zöglingen der Alliance-Schulen lediglich 2% den empfangenen französischen Sprachunterricht praktisch verwerten. Die Schüler, die im Lande bleiben, bedienen sich eben im kommerziellen Leben und anderweitig nahezu ausschließlich der bulgarischen Sprache. Kommt es einmal ausnahmsweise doch vor, daß sie eine fremde Sprache gebrauchen müssen, so ist es die deutsche. Der bulgarische Außenhandel beschränkt sich auf Österreich und Deutschland; will einer studienhalber ins Ausland reisen, so wendet er sich in den allermeisten Fällen nach Wien. Überhaupt ist die Situation der Alliance-Schulen in Bulgarien ganz merkwürdig. Die Schulkommissionen in allen Städten sind durch und durch zionistisch und bestreben sich, hebräisch-nationale Lehrer anzustellen. Diese müssen aber unter der Direktion eines Assimilanten arbeiten. Der hebräische Lehrer predigt nationale Gesinnung, veranstaltet mit den Schülern nationale Abende, hält Abendkurse für die schulentlassenen Zöglinge ab; der Direktor hingegen opponiert alledem. Der hebräische Lehrer beschwert sich bei dem Schulstuhl, daß der Direktor ihm Hindernisse bereite; anderseits beschwert sich der Direktor, daß der hebräische Lehrer die Schüler überanstrenge. Er behauptet, es genüge für die Mädche ein wöchentlich zweistündiger Unterricht im Hebräischen, und ma: müsse sie überhaupt nur hebräisch lesen lehren; der hebräisch Lehrer betont demgegenüber, daß es ihm unmöglich sei, in zwe Stunden irgendwelchen Unterrichtserfolg zu erzielen und daß e die Schülerinnen doch nicht zu „sprechenden Puppen" erziehe könne, die ihr Pensum ohne den Schimmer eines Verständnisse hersagen. Außer den fortwährenden Differenzen zwischen dem Direkte und dem hebräischen Lehrer gibt es auch stets Reibungen zwische jenem und den übrigen Lehrern. Der Direktor, der meist aus de Türkei nach Bulgarien kommt und gewohnt war, in seiner Schul selbstherrlich zu schalten und zu walten, mag sich den Forderunge der hierländischen Lehrer nicht anbequemen, die auf gemeinsame Korferenzen dringen und ein Mitbestimmungsrecht in allen Unterricht: fragen für sich in Anspruch nehmen. Er besteht darauf, daß di Lehrer, die an einer Allianceschule wirken, sich willenlos den Ar Ordnungen des Direktors zu fügen haben. Fälle, wie der folgende, kommen alltäglich vor: Der Direkt« weist einen Lehrer an, irgendetwas durchzuführen. Dieser antworte er sei hierzu nicht verpflichtet. Der Direktor versetzt: der Lehrt habe den Anordnungen usw. nachzukommen, wogegen der Lehre einwendet, daß er lediglich seinen Pflichten nachzukommen hak Ein hitziges Wortgefecht entspinnt sich, die Sache kommt vor di Schulkommission, und die bemüht sich im Schweiße ihres Angl sichts, den bösen Streit zu schlichten, — fragt mich nur nicht, wie. . Die bulgarischen wie die hebräischen Lehrer erklären es fi: unzulässig, den fünf- bis sechsjährigen Schülern der ersten Klass drei Sprachen — Französisch, Bulgarisch und Hebräisch -— au zubürden, und fordern die Eliminierung einer Sprache. Femer sage sie, es sei ein Verbrechen, in den Kindergärten Französisch z lehren, da ja die Kindergärten schließlich keine Sprachschulen sluv sondern die Bestimmung haben, die Kinder zum Denken in ihn Muttersprache anzuleiten. An ihren Früchten erkennt man die? sonderbare Erziehungsmethode. Sagt man z. B. einem Kinde, da den Kindergarten der Alliance besucht, es möge die fünf Finge seiner Hand zeigen, so zeigt es drei Finger, — und dergleiche mehr. Kinder, die die Gegenstände des täglichen Lebens noch nie!: zu benennen wissen, läßt man französische Gedichte auswendi lernen! Ja, sie müssen sogar Französisch lesen lernen! Die Antworten, die man von einem sechsjährigen Alliance schulkinde zu hören bekommt, sind oft ein wunderliches Gemisc dreier Sprachen, das einen wider Willen zum Lachen reizt. Un, so ein Knirps bekommt auch noch Hausaufgaben! Da sind doc die Chadarim wahre Musteranstalten dagegen . . . Setzt man nun all dies einem Alliance-Direktor auseinande so sieht er einen groß an. Die Allianceschulen sollten reformb* dürftig sein? — Das ist ja geradezu eine revolutionäre Forderum. Weiß doch alle Welt, daß die Anstalten der „Alliance" auf dt höchsten Stufe der Pädagogik stehen. -— Es klagen also die Lehrer, es klagen die Eltern, die Kind( und auch der Herr Direktor . . . Sind dies normale Zustände? Tatar Bazardjik. Salomon Goldmann. WIENER BRIEF Dr. Bloch redivivus! Das ist ein schlechter, aber ernster Scherz, den die Wahlkampagne den Wiener Juden beschert. Die Zionisten, durch die in weiteste jüdische Kreise die Erkenntnis getragen wurde, daß die österreichischen Juden ihre eigenen und nationalgesinnten Vertreter im Parlamente haben müssen, haben es nicht verdient und haben auch nicht erwartet, daß gerade Herr Dr. Josef Bloch die Früchte dieser Erkenntnis einheimsen und auf dem Rücken der zionistischen Organisation in die Höhe klettern will. Die Kandidatur zeigt, wie wenig nationales Denken und ernstes politisches Streben trotz einer gewissen Besserung bei den österreichischen Juden zu Hause ist. Wer ist Dr. Bloch, welches Programm vertritt er, wie kann seine parlamentarische Tätigkeit beschaffen sein? Eine leidenschaftslose Betrachtung, die durch keinerlei Parteibrille getrübt zu sein braucht, kann einen fast zu der Antwort führen, mit der die Wiener „Arbeiter-Zeitung" diese Purim- Kandidatur ankündigte: „Der Kandidatenmarkt zeitigt ja verschiedene, recht seltsame Dinge. Aber daß man Wiener Wählern den ehemaligen Abgeordneten für Kolomea, ein früheres Mitglide des Polenklubs, als Kandidaten wird empfehlen können, hätten wir doch nicht iv möglich gehalten. Schlimmer könnten die Wiener Juden von de; gehässigsten Antisemiten nicht beleidigt werden!" Sehr offiziell und angesehene Persönlichkeiten der Wiener Kultusgemeinci haben dieses Urteil in noch schärfere Form gekleidet. Wer, vc keines politischen Gedankens Blässe angekränkelt, ,'die jüdische Dinge beurteilt und im publizistischen oder parlamentarischen G. zänke mit Antisemiten Endzweck und Hauptinhalt einer jüdische Politik erblickt, mag immerhin Herrn Dr. Bloch als passenden ur. würdigen Kandidaten ansehen, ja als Ideal eines jüdischen Politiken verehren. Wer aber vom jüdischen Politiker nicht allein Talmue kenntnisse, sondern auch feste nationale Grundsätze, Gesinnun ein modernes Programm, Charakter verlangt, wird Herrn Dr. Bloi sehr entschieden ablehnen, mag ihn das „Deutsche Volksblatt" noe so oft angreifen und ihm damit bei jüdischen Gimpeln seine Wah Unterstützung leihen. Es ist wahr, Dr. Bloch hat Verdienste um das Judentum, Sei Blatt, das — nebenbei bemerkt — ein erträgnisreiches Zeitungsuntei

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