Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316253--49058-3343980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wie Sie wissen, in das Bestreben, die jüdische Emigration nach'1 den Ländern des amerikanischen Far West abzulenken. Heute hören' wir aus dem Munde Zangwills nichts mehr von einem autonomen1 Landgebiete, das sich den Pogromopfern unmittelbar erschlösse._t Das „Ito-Land" ist in eine ferne Zukunft gerückt; für uns ist es nichts als ein Phantom, das sich schon zu verflüchtigen beginnt. Wir erwarten zuversichtlich, daß diejenigen, die unser Lager verlassen haben, zu uns zurückkehren werden; wir wollen sie wie verlorene Söhne, die sich ins Vaterhaus zurückgefunden haben, liebe-,, voll wieder aufnehmen. Nachdem der Zionismus diese Krise heil und unversehrt überstanden hat, sieht er sich derzeit einer neuen Schwierigkeit interner Natur gegenüber, deren friedliche Überwindung zu den Aufgaben des nächsten Kongresses gehören wird. Die Frage der palästinensischen Gegenwartsarbeit berührt nicht im geringsten die Prinzipien des Zionismus, sie betrifft lediglich die zionistische Taktik, und selbst wenn diese momentan falsch wäre, würde der Zionismus sich keiner ernsten Gefahr aussetzen und könnte höchstens einen geringfügigen Schaden erleiden, der leicht wieder gutzumachen ist. Es würde den Rahmen dieser Darstellung weit überschreiten, wollte ich die Frage der realen Palästinaarbeit eingehend erörtern. Ich bescheide mich daher, Ihnen kurz zu sagen, daß es gegenwärtig zwei Strömungen in unserer Mitte gibt, deren eine der Richtung des alten Charterismus folgt, während die andere in der Aufrichtung des nationalen Gebäudes in Palästina der unmittelbaren Gegenwartsarbeit zustrebt. Die Anhänger der erstgenannten Richtung betrachten den diplomatischen Weg als einen, der am sichersten zur Erschließung des Landes führt; die andere Gruppe hingegen will Palästina wirtschaftlich erobert wissen und damit die Grundlage des künftigen jüdischen Gemeinwesens schaffen. Die einen wollen nach dem Tode Herzls die alte Taktik des Führers fortsetzen und auf jeden Fall die Ausdehnung des kolonisatorischen Werkes auf Kosten der diplomatischen Notwendigkeit vermeiden. Die anderen möchten eine neue Politik inaugurieren, die sich stützen müßte auf das Bedürfnis nach sofortiger Aktivität, das sich in einem Teile der jüdischen Massen geltend macht. Alle diese Fragen finden ihren konkreten Ausdruck in der Verwendung des Nationalfonds für Landankauf in Palästina, in der Ausdehnung der Landbearbeitung, in industriellen Unternehmungen und kolonisatorischen Versuchen, endlich in einer ganzen Reihe kultureller Einrichtungen. Es wird die Aufgabe des VIII. Kongresses sein, auf der Basis der Privatinitiative die integrale Formel zwischen praktischer und diplomatischer Arbeit zu finden. Trotz dieser Schwierigkeiten hat die zionistische Bewegung sich überall gut entwickelt. Referent schildert den Aufschwung des Zionismus namentlich in Amerika, Südafrika usw., berichtet hierauf über die Tätigkeit der Zionisten in Palästina, kommt sodann auf die ausgedehnte Hilfsaktion zu sprechen, die die Zionisten nach den Pogromen von 1906 eingeleitet haben, und verweilt schließlich mit besonderer Genugtuung bei den Erfolgen, die die Zionisten Rußlands und Österreichs dank ihrem entschlossenen Auftreten im innerpolitischen Leben errungen haben. Der Referent bespricht ferner die politische Situation des Zionismus und weist besonders auf die neuerlichen Proben wohlwollender Gesinnung hin, die der Beherrscher der Türkei angesichts der jüdischen Katastrophen der letzten Zeit an den Tag gelegt habe. Nach der allgemeinen Übersicht wendet sich der Referent den speziell belgischen Verhältnissen zu. Die Bewegung in Belgien, erklärt er, hat deutlich an Intensität gewonnen. Die Zahl der organisierten Zionisten hat sich um 545 vermehrt, ein Ergebnis, das bisher in einem Jahre, in dem kein Kongreß stattfindet, noch nicht erreicht worden ist. Abgesehen von den bereits bestehenden Vereinen gebe es in mehreren Städten eine beträchtliche Zahl von Schekelzahlern, deren Zusammenschluß zu Vereinen zu erstreben sei. Die Agitationsarbeit sei ebenso intensiv wie erfolgreich gewesen. Ein häßlicher Kampf, den die Territorialisten hier gegen uns inszenieren wollten, hat uns viel Arbeit gemacht. Es war ein Zufall, daß gerade Belgien zu einem gewissen Zeitpunkt das Gebiet war, wo sich der ganze Kampf konzentrierte. Wir sind aus diesem Kampfe als Sieger hervorgegangen. Niemand wird es zu bestreiten wagen, und unsere Kräfte wurden geläutert. Jetzt haben wir einen starken und festen Kern, auf den wir immer und überall rechnen können, und wir dürfen uns beglückwünschen, daß wir das erreicht haben, ohne ein Wort unseres Programms, ohne ein Jota unserer Überzeugungen geändert zu haben. Für den Nationalfonds haben wir dank unserem Generalkommissar glänzende Resultate erzielt. Die Selbstbesteuerung und die Ölbaumspenden beginnen sich immer mehr einzubürgern. Weniger gut waren die Ergebnisse der Shareklubs, die noch einer Reorganisation bedürfen. Nunmehr auf die Tätigkeit der Einzelvereine eingehend, konstatiert der Referent mit besonderer Genugtuung, daß die Einrichtung der Federation, obwohl erst zwei Jahre alt, sich außerordentlich bewährt habe, daß im Rahmen des Ganzen die einzelnen Vereine unermüdlich arbeiten und daß die vereinigte Aktion der verschiedensten zionistischen Elemente die erfreulichsten Resultate gezeitigt habe. Der Verein „Agudath Zion" war in der Lage, seine Bibliothek und seinen Lesesaal (mit 22 jüdischen Zeitungen) auszugestalten und dieses Institut zu einem wirklich volkserzieherischen zu gestalten. Auch der Verein „Bnei Zion", der unter der orthodoxen Judenheit wirkt und zunächst gerade aus dieser Schicht viele Feindseligkeiten erfuhr, ist in stetem Aufschwung begriffen und verfügt gleichfalls über eine schöne Bibliothek. Der „Cercle des Dames Sionistes" will vor allem zwei Zielen dienen: die in Belgien arg vernachlässigte jüdische Erziehung bei der Jugend zu vervollkommnen und durch nationale Feiern und Kinderfeste das jüdische Volksbewußtsein zu stärken. Die „ZeTre Zion" arbeiten hauptsächlich unter jungen Männern und suchen einerseits die geistige, anderseits die körperliche Ausbildung zu befördern. Allwöchentlich am Mittwoch haben alle Vereine von Antwerpen eine Zusammenkunft, die geselligen Zwecken oder literarischen Darbietungen dient, eine Einrichtung, die sich außerordentlich bewährt hat. Der Referent berichtet sodann über die Tätigkeit des Zentralkomitees im gleichen Zeiträume. Es hat seine Aktionen auf das Zusammenarbeiten der föderierten Vereine, auf die Bedürfnisse der Propaganda und namentlich auf die Notwendigkeiten höherer Art der zionistischen Gesamtbewegung basiert. Wie in der Vergangenheit, hat es auch im Berichtsjahre sorgfältig vermieden, das Selbstbestimmungsrecht der Einzelvereine irgendwie anzutasten: nur in Ausnahmefällen hat es — zur Schlichtung aufgetauchter Differenzen — erfolgreich interveniert. Das Zentralkomitee hat im Jahre 1906 eine Anzahl Propagandavorträge veranstaltet; anderseits war uns zuweilen Stillschweigen geboten in dem Kampfe, den der Territorialismus gegen uns heraufbeschwor. Der Kontakt zwischen dem Zentralkomitee und den Einzelvereinen wurde günstig beeinflußt durch die Institution der Delegiertentage, die alle drei Monate zusammentraten und auf denen sich ein nützlicher und fruchtbarer Ideenaustausch entwickelte. In einer dieser Konferenzen wurde die Schaffung einer Toynbee Hall angeregt, was dann auch zur Ausführung gelangte. Unter den vom Zentralkomitee veranstalteten Vorträgen verdient derjenige, den Herr Merländer im April vorigen Jahres über „Zionismus und Territorialismus" hielt, besonders hervorgehoben zu werden. Dieser Vortrag trug viel dazu bei, die Situation zu klären und eine reinliche Scheidung anzubahnen. Ferner ist der Vortrag des Gesinnungsgenossen Rothblum aus Wien über die ökonomischen Fragen im Zionismus erwähnenswert. Im Mai wurde ein Schekeltag veranstaltet, wobei die Herren Herzberg, Grünau, Dr. Herz und Samuel Spira Reden in flämischer, deutscher und französischer Sprache hielten. An] Sterbetage Herzls wurde eine Trauerfeier abgehalten. Endlich lud das Zentralkomitee in jüngster Zeit den Sekretär des Aktionskomitees, Herrn Sokolow, zu einem Vortrage in Antwerpen ein. Der Eindruck, den Herr Sokolow mit seinen Ausführungen über „Die gegenwärtigen Resultate des Zionismus" hervorrief, ist noch in aller Erinnerung. Das Zentralkomitee hat auch für die Verbreitung guter Agitationsbroschüren Sorge getragen. Insbesondere wurden die Flugschriften „Zehn Jahre Zionismus", „Die Jüdische Volksbewegung" und eine Reihe von Schriften über den Nationalfonds und die Ölbaum Pflanzungen in großer Anzahl abgesetzt. Ferner hat das Zentralkomitee selbst aus Anlaß des Schekeltags vier Aufrufe in deutscher französischer, jüdischer und flämischer Sprache herausgegeben Auch legte es den obengenannten Vortrag des Herrn Merländer ir Druck und verbreitete ihn in Belgien und Deutschland. Endlich hat es die Herausgabe unseres offizielles Organs, der „Hatikwah", besorgt, die bereits auf ihren zweiten Jahrgang zurückblickt. Diese Zeitung sowie die Propaganda-Abende, Vorträge und sonstiger Agitationsbehelfe haben unser bescheidenes Budget stark belastet und Ausgaben verursacht, die durch unsere Einnahmen bei weitem nicht gedeckt sind. Aus diesem Grunde hat das Zentralkomitee die Gründung eines Propaganda-Ausschusses beschlossen, desser vornehmste Aufgabe die Aufbringung der für den Fortschritt unsere] Bewegung unentbehrlichen Fonds bildet. Dieser Ausschuß löste seine Aufgabe bisher in erfolgreichster Weise, indem er alsbale die Subskription von nahezu 2000 Francs veranlaßte. Jedes Mit glied des Ausschusses — ihre Zahl beträgt 25 — verpflichtete sich, der Zentralkasse für Propagandazwecke mindestens 50 Francjährlich einzuliefern. Durch diese Einrichtung glauben wir die Zukunft der Bewegung in unserem Lande wenigstens in materielle Hinsicht sichergestellt zu haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.