Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Liebe zum „armen jüdischen Volke" heucheln und ihre Hände nach jüdischen Mandaten in den sogenannten jüdischen Bezirken ausstrecken, um die „jüdischen Interessen zu wahren". Um sich aber die Gunst der polnischen Presse nicht dadurch zu verscherzen, werden sie natürlich nicht verfehlen, bei allen Versammlungen die polnische Nationalhymne mit der Eintönigkeit eines Leierkastens anzustimmen, auf marktschreierische Weise werden sie ihre polnischen Gefühle preisgeben — uns hingegen als berüchtigte „Polenfeinde" brandmarken und die Feindseligkeit gegen das Polentum als Hauptpfeil gegen unsere Kandidaten loslassen. In Wirklichkeit jedoch wissen sie selbst ganz genau, daß sie sich einer unehrlichen Waffe bedienen. Sie wissen, daß unsere Polenfeindschaft nichts als erdichtete Mär ist, daß der Zionismus eine Idee ist, die die Geschichte zur Grundlage, die Selbsterlösung zum Ziele, die Gerechtigkeit zur Richtschnur, aber die Rechte anderer Nationen zur Grenze hat. — Und fürwahr! Nicht die Sorge um das angeblich bedrohte Polentum ist die Triebfeder der Agitation der antizionistischen Helden, nichts anderes vielmehr als dieAngst vor dem Verluste ihres Einflusses und ihrer Mandate. Denn sie fühlen, daß im Judentum eine Macht sich regt, die den bisherigen Führern ganz fremd gewesen, eine Macht, die -ie in ihrer Unwissenheit Jahre lang geringschätzten, und die jetzt den Anbetern des status quo Furcht einflößt. Diese Macht ist zum erstenmal bei den Herbstwahlen in Brody zum Vorschein gekommen, wo Hunderte von Wählern trotz des zynischen Terrorismus von oben und des wühlerischen Treibens 'on unten dem zionistischen Banner folgten und den zionistischen Zettel in die Wahlurne warfen. Versunken ist dort der Glaube der;üdischen Bevölkerung an die Autorität und die Macht der galizischen Bezirkshauptmänner und ihrer Hausjuden, auferstanden ist >vieder der Glaube an die eigene Solidarität, an die stolze Selbstvürde und erfolgreiche Selbstwehr. — Und abermals ist jene geheime Volksmacht in dem gehäuften Stoß von Telegrammen zum Ausdrucke gelangt, in denen am 6. Jänner Tausende von Juden aus allen Städten und Städtchen Gabens gegen die Einberufer und Teilnehmer des von Löwenstein arrangierten Wahlkonventikels ihr scharfes Veto einlegten, wie sie später am 4. Februar gegen den vom israelitischen Schulratsmitgliede Prof. Sternbach geplanten Angriff auf den jüdischen Religionsunterricht in den Mittelschulen durch ihre zahllosen Proteste die Wortführer der diesbezüglichen Enquete gezwungen haben, ihren Plan zurückzuziehen. — In Brody noch konnte man viele Stimmen streichen, die allgemeine Stimmenzahl fälschen und die öffentliche Meinung täuschen. Aber der jüdisch-nationale Gedanke, der seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten, gefrondet hat, ist bereits erwacht. — Dieser Gedanke ist unser schönstes Eigentum, er läßt sich nicht fälschen! — Für den 17. bis 27. Mai sind die Wahlen ausgeschrieben, und schon in allernächster Zeit wird der Kampf mit aller Wucht ausbrechen. Und der Erfolg läßt sich heute schon voraussehen. Die alten Kämpfer der veralteten Politik werden vielleicht noch hie und da ein Mandat an sich reißen, aber ihre Kraft ist ein für allemal erstarrt, und in kurzer Zeit müssen sie von der politischen Oberfläche verschwinden. —Wer wäre denn naiv genug, noch zu zweifeln, daß ein Schiff nicht vorwärts kommen kann, sobald die wenigen Kapitäne die Empörung der ganzen Mannschaft hervorgerufen haben? Entweder muß alles untergehen oder die Kapitäne müssen zurückweichen, damit das Schiff mit allen Passagieren gerettet bleibt. — Wie der römische Senator an die Machthaber Karthagos, so traten wir häufig an die Kapitäne des jüdischen Zukunftsschiffes heran und forderten sie auf: Wählet: Frieden oder Krieg! Entweder werdet ihr Hand in Hand mit dem Volke gehen zu seinem Heil und Nutzen, oder das Volk wird gegen euch gehen zu seinem Wohle und eurem Sturze. — Die Machthaber Israels haben gewählt. Sie haben ihre egoistische Karrierenpolitik fortgesetzt, bis das Volk sich endlich genötigt fühlte, seine eigenen Wege zu gehen --- zu seinem Wohle und ihrem Sturze. — Die Entscheidung lag in ihren Händen. Und endlich haben sie entschieden. Sie wollten Krieg -— sie mögen ihn haben! Lemberg, Ende Februar 1907. Dr. Leon Reich SPEZIALBERICHT UBER DIE JAHRESKONFERENZ DER BELGISCHEN ZIONISTEN-FEDERATION Wie alljährlich fand auch dieses Jahr Montag den 28. und Menstag den 29. Januar die Jahreskonferenz der B. Z. F. statt. Außer!en von den Vereinen abgeordneten 13 Delegierten waren auch inige Mitglieder der vor kurzem hier gegründeten Propagandaommission anwesend. Im Namen des Landeskomitees begrüßte Präsident Dr. L. Herz iie Gäste und verlieh dem Wunsche Ausdruck, daß wir im nächsten 'ahre in unserer Organisation noch manche Vervollkommnung erielen mögen. Hierauf wurde das Bureau für die Dauer der Kon- -renz gewählt, bestehend aus den Herren Dr. Marco use, Präsident, >. Weinberg, Vizepräsident, R. Cohn und S. Gottdiener, Schriftührer. Der Tagesordnung entsprechend erstattete hierauf der Sekretär es Landeskomitees, Herr M. D. Horowitz, den Bericht über ie Tätigkeit der Belg. Zionisten-Federation im abgelaufenen Jahre. Referat des Sekretärs der Federation Bhe ich auf den eigentlichen Gegenstand meines Referats, ämlich den Rechenschaftsbericht über unsere Tätigkeit während es Jahres 1906 zu sprechen komme, möchte ich Ihnen, den gegenwärtigen Stand unserer Bewegung im allgemeinen flüchtig skizzieren, -•h tue dies, um Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß wir hier in Belgien keinerlei Sonderinteressen haben, keinerlei individuelle Begebungen verfolgen, sondern als integrierender Teil der großen ationalen Bewegung, welche einem ganzen Volke durch politische •Uttel eine freie Heimstätte schaffen will, es als unsere Pflicht ereilten, uns immer und überall von den höheren Interessen der "evvegung leiten zu lassen und unsere Anstrengungen in die vom Kongreß vorgezeichneten Bahnen zu lenken. Nach dem Tode unseres tief betrauerten Herzl hatte der Zionismus eine starke Krise durchzumachen. Sie kennen alle die Entstehungsgeschichte des Territorialismus. Hervorgegangen aus der leidenschaftlichen Debatte, welche die Ugandafrage erregte, erhielt er seine Fassung und Organisation#durch einen unserer besten Zionisten und wurde aufgegriffen von heterogenen Elementen, die kein festes Band zusammenhält und die keine klare Vorstellung von einer Volksheimat, keine richtige Kenntnis unseres Volkes besitzen. Unter diesen Umständen trug der Territorialismus, kaum geboren, die Keime eines nahe bevorstehenden Zerfalles in sich. Wenn er dem Zionismus eine Anzahl wankelmütiger Anhänger abspenstig zu machen, sich einerseits mit philanthropischen Millionären, anderseits mit nationalseinwollenden Arbeitermassen zu umgeben wußte, wenn er „geographische Kommissionen" schaffen konnte, in denen die Assimilanten verschiedener „Nationalität", der Ica-Gewaltige und der russische Revolutionär, nebeneinander Platz finden, so hatte er dies unhaltbaren Kompromissen, nichtigen Voraussetzungen und einem gewissen trügerischen Schein zu verdanken. Doch die täuschende Luftspiegelung verblaßt und zerflattert allmählich, und bald wird die ganze Wirklichkeit sichtbar werden. Indem die Ito sich anfangs anmaßte, den jüdischen Massen eine unmittelbar wirksame Hilfe zu bringen (während sie den Zionismus als Zukunftsmusik hinstellte), begab sie sich auf die Suche nach einem Lande, das dem jüdischen Volke eine autonome Heimstätte werden könnte. Nach und nach gab sie alle ihre Prätensionen, alle ihre unerfüllbaren Wünsche preis. Ihre autonomistische Politik verfiel einem Auflösungsprozesse und mündete schließlich, 2