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Die Welt · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 8 DIE^KELT 17 ooooooooooooooo /?= NOTIZEN An einen russisch-jüdischen Freiheitskämpfer! Das Organ der amerikanischen Poaie-Zion „Der jüdische Kämpfer" hat dem bekannten russisch-jüdischen Revolutionär Gerschuni, dem es gelungen ist, aus der Schlüsselburger Festung nach Amerika zn entkommen, einen Artikel gewidmet, den wir im"folgenden auszugsweise wiedergeben. Hierzu eine kurze Vorbemerkung: In Amerika haben die Juden Herrn Gerschuni eine geradezu festliche Aufnahme bereitet. Bei einem Bankette nun hielt Gerschuni eine Rede, in der es unter anderem hieß: „Ich kann Ihnen einen Gruß von unseren Freunden überbringen, die in dm Gefängnissen schmachten. . . Ich kann Ihnen einen Gruß überbringen von dem vielgeprüften jüdischen Volke, von unserer Heimat, wo so viele Völker unter dein Joche der Autokratie stöhnen. Einen Gruß Ihnen von mir, Gregor Gerschuni, dem Sohne des unglücklichen jüdischen Volkes, einem Kämpfer für das jüdische Volk, dessen Leben und dessen Blut diesem Volke gehört! Ich begrüße Sie, meine Brüder und Schwestern!" Auf diese Rede antwortete Herr Woliner im „Jüdischen Kämpfer" folgendes: „Gruß Dir, Ger£chuni! Ich begrüße dich, mutiger Kämpfer gegen Unterdrückung! Ich begrüße dich, Held der russischen Freiheitsbewegung! Ich grüße dich! Es wird einem seltsam warm ums Herz, die Seele weitet sich, der Kopf richtet sich auf, wenn man den Namen Gerschuni hört. . . Feuer und Flamme, sagt man, waren seine Reden. Hell und freudig wurde es dort, wohin seine begeisterte Stimme drang. Er brachte Licht den im Dunkel Schmachtenden, Mut und Feuer den Gedrückten und Eingeschüchterten . . . Und wir sagen: Sei willkommen, Gregor Gerschuni, sei willkommen, du, der "Held des sich befreienden Rußland! Gregor Gerschuni, Sie haben uns einen Gruß gebracht.----- Vielleicht besuchten Sie vor Ihrer Abreise die Gräber derjenigen, die zu Hunderten in den Städten und Städtchen Rußlands bestattet sind, nachdem man sie zu Krüppeln gemacht, entehrt, geschändet hat? Vielleicht haben Sie uns ein Häuflein Erde von ihren Gräbern mitgebracht? Haben Sie auf diese Gräber eine Träne fließen lassen? Haben Sie ihnen dort erzählt, daß ihr Blut uns hier zu einem neuem Leben erweckt, in uns den Willen zu einer freien, schönen, glücklichen Zukunft entfacht hat? Haben Sie uns einen Gruß von unseren Brüdern mitgebracht, die die jüdische Zukunft bauen, unsere nationale Zukunft? Haben Sie dort mit denjenigen zusammen gearbeitet, die geschworen haben, ihr Leben dem jüdischen Volke zu weihen? Man sagt — Sie sind ein hervorragender Organisator, eine bedeutende Kraft, die zu titanischen Heldentaten befähigt ist — haben Sie Ihre bewundernswerte Kraft in den Reihen der Juden ausgenützt? Sagen Sie, waren S i e es, der die unerschrockene jüdische Selbstverteidigung geschaffen hat, haben Sie sie verstärkt? Waren Sie es, der in den Juden ihr Selbstbewußtsein, ihren Stolz, ihr Gefühl der Selbstachtung geweckt hat? Waren Sie es, der vor den Juden die jüdische Fahne einhergetragen hat? Oder liebten Sie die Juden und kämpften für die Nichtjuden? Rasch doch, rasch Gregor Gerschuni, — übermitteln Sie uns den Gruß der toten und lebenden jüdischen Brüder! Indem man für die Befreiung Rußlands kämpft, kämpft man zugleich für die Juden. Mit der Erneuerung des Lebens werden die Pogroms aufhören .... So sagt man oft. Aber diese Wohltat den Juden gegenüber vollbringen alle Russen, die an der Befreiungsbewegung Anteil nehmen .... Worin unterscheidet sich von all denen „unser" Gerschuni? Warum müssen wir Gerschuni dankbarer sein als den Anderen? Warum bringen uns die Anderen keinen Gruß von unserem Volke? Warum müssen die Anderen um Unterstützung bitten und Gerschuni kann fordern? Durch welche besondere Art von Sohnesliebe hat Gerschuni eine brüderliche und väterliche Unterstützung verdient? Wodurch? Wir begreifen Gerschuni, den russischen Revolutionär, der im Namen der Freiheit, der Befreiungsbewegung,* der Menschlichkeit, Geld für die russische Freiheit verlangen kann. Er kann zu uns <'ds zu freien Menschen, als zu Sozialisten sprechen. Das könnten wir begreifen. Aber wir können den Gerschuni nicht verstehen, 'licht als „einen Sohn des jüdischen Volkes" ansehen, der vom russischen Volke zu uns Juden herkommt .... Gregor Gerschuni, ich glaube an Ihre Ehrlichkeit — ich will daran glauben. Hätte ich daran nicht geglaubt, ich hätte kein Wort an Sie gerichtet. Aber hören Sie selbst, wie sonderbar Ihre Worte klingen. „Weh Euch, wenn ich von Euch mit leeren Händen wegziehe:14. Was ist das? Eine Drohung? Aber was kann schlimmer werden, als es war? Ist es vielleicht ein Ratschlag? Wir sind dafür sehr dankbar. Doch, Sie kamen zu spät mit"Ihren Ratschlägen. Sie sagen: „Unsere Bankiers leihen der russischen Regierung Gelder, und wir müssen uns von dieser Schande dadurch reinwaschen, daß wir dem Volke Geld geben werden." Das ist logisch. Aber Ihre Hooligans vergießen unser Blut — warum wälzt das russische Volk diese Schande nicht von sich, indem es uns bei der Verteidigung hilft, indem es in unsere Reihen eintritt? Ihr Volk . . . hat mehr Hooligans, als wir Bankiers, und es hat eine größere Schuld zu sühnen als wir. „Ihr müsset Geld geben — sonst seid Ihr keine Juden", ■— das sind Worte eines Sohnes des jüdischen Volkes, der in Rußland geblieben wäre auch in dem Falle, wenn es für das jüdische Volk möglich geworden wäre, im eigenen Lande zu leben. Bruder Gerschuni! Für unser langes, langes Leben im Golus haben wir stets „regelmäßig" bezahlt, bezahlt für alles, für das Gute und das Schlechte, für Wind und Sturm, wir zahlen noch immer, zahlen mit einer freigebigen Hand, zahlen mit Blut und mit Geld, zahleii mit unserem Leben und unserer Ehre, zahlen früher als alle, und mehr als alle, wir zahlen, wir zahlen .... Aber jetzt haben wir so viel zu zahlen, daß Sie uns verzeihen müssen, Bruder im Volke! Wir haben noch vor kurzem für Leichengewänder zu zahlen gehabt, für heilige Leichengewänder, und sammeln schon für neue. Da und dort läßt man schon Juden in die Dörfer hinein, — damit die Pogrome noch schrecklicher wären, (das ist ja ihre eigene Überzeugung). Wir müssen für die Ausgaben in unserem Lande zahlen, für die Waisen in Palästina, wir zahlen für die Kosten des Selbstschutzes, wir zahlen für die Ausbildung unseres Volkes.....Wir zahlen genug! Verzeihen Sie, wenn wir vielleicht zu wenig Achtung „unserem" Gerschuni gegenüber äußern, und ihm nicht mehr und nicht weniger geben werden wie den anderen. Wir sind einfach zahlungsmüde, wir sind fast bankerott, — verehrter Gerschuni! Und wenn wir noch weiter zahlen, ist es nicht deswegen, weil unser Gerschuni uns mahnt oder uns droht! Wir werden das tun, weil wir Juden sind und mit jedem Unterdrückten mitfühlen..... Ein Interview mit Morris Rosenfeld „The Modern Review" berichtet über ein Interview, das ihr Berichterstatter mit Morris Rosenfeld hatte, der jetzt in seinem Hause in Yonkers weilt. Der Berichterstatter gibt seiner Zeitung folgende Schilderung: Die Zusammenkunft hat mich sehr schmerzlich berührt. Ich habe Morris Rosenfeld zum letztenmale vor 15 Jahren gesehen, aber welcher Gegensatz! Ich fand einen Mann, verhältnismäßig jung an Jahren, aber trotzdem alt, schwach und vor allem — blind. Morris Rosenfeld saß, als ich zu ihm kam, auf einem Rohrstuhl, er hielt einen Stock zu seiner Stütze in der Hand. Er sagte, daß er sich freue, daß ich ihn besuchte, nur bedauere er, mich nicht sehen zu können. Ich sprach ihm von dem Auftrage, der mir geworden, und erzählte ihm von der Veranstaltung, die man zu seinen Gunsten in St. Louis unternehmen will. Auf die Frage nach seinem Gesundheitszustande antwortete er: „Die Lähmung ist beinahe beseitigt, nur meine rechte Hand kann ich noch nicht rühren, aber meine Augen sind sehr schwach geworden und ich sehe nur mehr Schatten. Meine Arzte raten mir, eine Reise zu machen. Sie meinen, daß eine Seereise und eine Luftveränderung von gutem Einfluß auf meine Gesundheit sein werden." „Mr. Rosenfeld", fragte ich, „haben Sie irgendwelchen Beistand von Ihren Freunden in der Welt erhalten?" „Ich bin sehr gerührt", antwortete er, „über die herzliche Teilnahme, die ich erfahren habe. Es ist mir in meinen schweren Leiden ein großer Trost, zu sehen, daß ich so viele treue Freunde in der ganzen Welt habe. Die Anklage, die man gerne gegen das jüdische Volk richtet, daß es seine Dichter und Denker vernachlässige, trifft in meinem Falle nicht zu. Aber meine Krankheit hat solch große Ausgaben für Arzt und Arznei verursacht, daß alles, was ich hatte, dahin ist. Mein Unglück ist wahrlich groß. Der einzige

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