Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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eine kleine Zahl von Stimmen mitunter ausschlaggebend sein. Aber die Verhältnisse liegen so, daß die Juden in den ländlichen Wahlkreisen gar nicht in Betracht kommen, weil dort die Wahl des Konservativen oder des Zentrumskandidaten unter allen Umständen sicher ist. In den großen Zentren wiederum, wo im Laufe der Zeit Wahlkreise mit 80 000 bis rund 250 000 Wähler angewachsen sind, kommt es auf die jüdischen Wähler auch gar nicht an. Bei den letzten Wahlen gab es bloß drei Wahlkreise, die den Sozialdemokraten entrissen wurden, und von denen man annehmen kann, daß das Wahlergebnis von dem Verhalten der jüdischen Wählerschaft abhängig war: Frankfurt a. M., Breslau Ost und West. Aber wissen wir, daß da die Juden geschlossen gegen die Sozialisten gestimmt haben? Zweifellos haben sich die jüdischen Wähler in ihrer politischen Gesinnung ebenso geteilt wie die christlichen, und wahrscheinlich haben die meisten doch für die sozialistischen Kandidaten gestimmt Darf man das tadeln? Es ist bei ruhiger Betrachtung geradezu eine Ungeheuerlichkeit, daß man das jüdische Volk samt und sonders als Anhängsel der sozialistischen Organisation erklären möchte. Ich sage ausdrücklich der „sozialistischen Organisation", denn das bedeutet noch keineswegs den Sozialismus. Es wäre zu begreifen, wenn man die soziale Idee, d. h. die soziale Gerechtigkeit und den sozialen Frieden als Ideal des modernen Judentums aufstellen wollte. Denn dieser Sozialismus ist in seinem Wesen jüdisch, oder sagen wir richtiger prophetisch. Der moderne Sozialismus ist die wissenschaftliche Formulierung und Begründung des Gerechtigkeitsgedankens, den die jüdischen Propheten als Postulat der Sittlichkeit aufgestellt haben. Aber was hat dies mit der deutschen Sozialdemokratie als einer politischen Partei zu tun? Es muß entschieden zurückgewiesen werden, wenn man den Juden zur Pflicht machen will, überall als Mitläufer der Sozialdemokratie zu gelten. Am allerwenigsten ist diese Forderung vom Standpunkt des nationalen Judentums zu billigen. Wenn man mir sagt, daß in Rußland oder in Galizien die sozialistische Bewegung bei den Juden möglich sei, ohne daß sie zur Assimilation führte, so ließe sich darüber noch diskutieren. Da gibt es jüdische Massen, und diese verfallen nicht so leicht der Assimilation. Allerdings ist auch dies mit einem „Quentchen grano salis" zu nehmen, wie Wippchen zu sagen pflegte. Denn wir sehen ja, wie leicht der jüdische „Genosse" selbst im Osten sein Judentum abstreift und ganz im „Genossentum" aufgeht. Aber in Deutschland, wo es gar keine jüdischen Massen gibt, ist es doch gewiß klar, daß der Sozialismus zur völligen Assimilation führt. Hat man denn schon vergessen, daß Kautsky den jüdischen Nationalismus gänzlich verworfen hat? Ich werde es stets als ein schmachvolles Ereignis im jüdischen Volk bezeichnen, daß man in jüdischen Kreisen dieses Urteil mit großer Gewichtigkeit erörterte. Wahrlich, es ist schon sehr weit mit uns gekommen. Ob Assimilatoren oder Nationalisten, uns ist das Gefühl für nationale Ehre abhanden gekommen, und wir glauben unsere nationale Existenz nicht fristen zu dürfen, wenn Herr Kautsky es uns nicht erlaubt. Von meinem Standpunkte aus erblicke ich in der deutschen Sozialdemokratie kein ethisches Ideal, sondern eine politische Bewegung, das Streben einer Partei nach Macht, nicht mehr und nicht weniger, wie es die städtische Bourgeosie oder die Klasse der Großgrundbesitzer tut. Es kann dies praktisch und auch nützlich sein, aber das geht mich nichts an. Anderseits erblicke ich darin ein hohes, vielleicht das höchste Ideal, eine gesellschaftliche Ordnung zu schaffen, in der es nur Gerechtigkeit und Glückseligkeit geben würde. Es ist auch ein hohes Ziel, die Menschheit zu befreien, die Völker gesellschaftlich und wirtschaftlich wirklich frei zu machen. Wenn man zugunsten dieses Ideals, das ein allgemein menschliches ist, auf die nationale Individualität der Juden verzichten soll, so begreife ich dies vollkommen. Tun wir dies aber nicht, d. h. leisten wir nicht diesen Verzicht, so drücken wir damit aus, daß wir die Erreichung jenes Ideals nicht für möglich halten. Nun, es mag ja der Jude sich jener politischen Partei anschließen, die er für die beste hält. Aber mit demselben Recht, wie der eine assimilatorisch-sozialistisch sein will, darf der andere auch assimilatorischliberal oder -konservativ sein. Es zeigt sich nur, daß der nationale Gedanke unter den westeuropäischen Juden, weil er leider nicht in der nationalen Erziehung und im geschichtlichen Bewußtsein wmrzelL sich in Absurditäten verlieren kann. Die deutschen Juden, sowreit sie ihr Heil nicht in der Assimilation suchen, befinden sich in einer sehr schwierigen Lage. Wir dürfen nicht ungerecht sein, und nicht mehr verlangen, als möglich ist. Was ihre bürgerliche Stellung betrifft, so empfinden diejenigen, welche nicht in der Taufe die Zukunft erblicken, ein weitgehendes Gefühl der Beängstigung. Manche glauben, eher dadurch dem Unheil zu entgehen, daß sie sich nicht der extremen Opposition anschließen. Davon mag man halten, was man will, aber zwei Gesichtspunkte sind dabei zu berücksichtigen: erstens ist dies die Taktik, die sich in der jüdischen Leidensgeschichte noch am besten bewährt hat, und zweitens bekunden gerade diejenigen, die im politischen Leben zur Mäßigung und zu ruhigem Verhalten raten, ein Gefühl der nationalen Solidarität, das wir bei den extremen Politikern vergeblich suchen werden. Diese mögen gute Bürger sein, nationale Juden sind sie gewiß nicht. [□JD^^ □ I □ o T^TTfT :- KORRESPONDENZEN 3) OB ooooOO (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Sehr geehrter Herr Redakteur! In Ihrer letzten Nummer sprachen Sie in einem leitenden Artikel von der programmatischen Einheit innerhalb der zionistischen Organisation. Sie nannten dieFederationen von Amerika, Rußland, Kanada, England und Südafrika, die auf ihren Jahreskonferenzeii nachdrücklich und mit Begeisterung die direkte Palästina-Aktion als politische und praktische Grundlage des Zionismus erklärt haben. Die deutsche Landsmannschaft haben Sie in dieser Reihe nicht erwähnt, und ich frage mich, welcher Gedankengang diese — wahrscheinlich nicht beabsichtigte - Auslassung veranlaßt haben mag. Der Delegiertentag von Hannover hat ein für allemal die Palästinatreue auch der deutschen Zionisten dokumentiert, und es ist bekannt, daß die Bewegung für sofortige Arbeit in Palästina, die heute die zionistische Organisation durchwogt, einen ganz bedeutenden Impuls erhalten hat gerade durch das in Hannover erstattete Referat des Professors Warburg über Palästinafragen. In Deutschland erscholl zuerst der Ruf nach einer intensiveren Unterstützung der Palästina-Kommission, in Deutschland wurde der erste Palästinaverein gegründet Und doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß diese Begeisterung für Palästina-Aktionen in Deutschland weniger als in den anderen Ländern der zionistischen Welt zum praktischen Ausdruck gelangt. Wenn wir die jüdischen Zeitungen der anderen Länder durchblättern, (es brauchen durchaus keine zionistischen zu sein ) lesen wir überall von Äußerungen der jüdischen Öffentlichkeit in Hinsicht auf Palästinaarbeit. In Amerika insbesondere wird überall fleißig in dieser Richtung gearbeitet. Das von der Federation eingesetzte Palästinakomitee ist rastlos tätig. Allwöchentlich enthalten die jüdischen Zeitungen Amerikas Informationen aus Palästina, und auch von der nichtjüdischen Presse ist eine ganze Anzahl gerne bereit, Nachrichten über den Fortschritt der Auf schließung Palästinas durch jüdische Kräfte zubringen. Aber derErfolg beschränkt sich nicht darauf allein. Anteile des Industrie-Syndikates werden ver-