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Die Welt · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 8--- DIEMKE LT 11 2. Nach Schaffung eines modernen Fremden- und Natura- Jedenfalls haben aber die Juden, die die Liberalen durch Arbeit lisationsrechts. * und Geld unterstützten, der Sache des Judentums treuer gedient, 3. Nach Anerkennung unserer historischen und kulturellen als diejenigen, die durch Forderung zweckloser und kryptoantisemijüdischen Eigenart. tischer Eigenbröteleien den Zionismus kompromittierten. H. Q. H. DIE JUDEN IN DEUTSCHLAND Von DR. SIMON BERNFELD Das Ergebnis der letzten Reichstagswahlen hat bei einem großen Teil der deutschen Juden Unbehagen hervorgerufen. Die äu!3erste Linke in der Volksvertretung, die Sozialdemokratie, ist über eine Lappalie gestolpert und hat im Wahlkampf nahezu die Hälfte ihrer Mandate verloren. Was die Sozialdemokraten eingebüßt haben, ist nur zum geringen Teil dem Liberalismus zugute gekommen; das meiste ist der rückschrittlichen Rechten, einschließlich der Nationalliberalen, zugefallen. Die Zahl der antisemitischen Stimmen hat zugenommen und dementsprechend auch die Stärke der antisemitischen Partei im Reichstage, abgesehen davon, daß auch die sogenannten Konservativen in ihrer Judenfeindlichkeit nicht viel hinter den „reinen" Antisemiten zurückbleiben. Anderseits ist auch den Liberalen bis auf wenige Ausnahmen nicht viel zu trauen. Insbesondere der Freisinnigen Volkspartei wird seit Jahren, und zwar nicht ganz mit Unrecht, wenn auch nicht Antisemitismus, so doch gewiß Asemitismus zum Vorwurf gemacht. Was sich daraus in der Zukunft entwickeln kann, läßt sich vorläufig nicht überblicken. Betrachten wir aber die Situation, wie sie jetzt gegeben ist. Es ist ausgeschlossen, daß die durch die deutsche Reichsverfassung und die Landesverfassungen der deutschen Bundesstaaten den Juden verbürgte bürgerliche Gleichberechtigung formell aufgehoben oder auch nur eingeschränkt würde. In der Praxis den Juden die bürgerlichen Rechte verkümmern, das kann nicht vom Reich ausgehen, sondern nur von den einzelnen Staaten. Wie es mit den Juden in Preußen steht, ist zur Genüge bekannt. Ähnlich ist ihre Lage auch in Sachsen, Hessen und seit den letzten Jahren auch in Bayern. Man wird sich erinnern, daß in dem letztgenannten Staat vor einigen Jahren durch die ultramontane Kammermehrheit der Regierung eine gesetzliche Bestimmung nach langem Widerstreben aufgedrängt wurde, wonach jüdische Richter nur bis zu einem gewissen Prozentsatz angestellt werden können. Ebenso hängt die Anstellung der Juden im Staatsdienst überhaupt und ihre Zulassung zu besoldeten Kommunalämtern lediglich von den Einzelregierungen ab. Inwiefern gefährdet also die Zusammensetzung des neuen Reichstags die politische Lage der Juden? Es gibt eine praktische Frage, die seit Jahren das deutsche Parlament beschäftigt. Ich meine das Schächtverbot, das von den antisemitischen Parteien bereits wiederholt beantragt, aber jedesmal abgelehnt wurde. Entscheidend war immer das Verhalten des Zentrums, das prinzipiell eine Störung der religiösen Freiheit irgendeiner Glaubensgemeinschaft nicht zulassen wollte. Beharrt die katholische Partei auch im neuen Reichstag bei diesem - Prinzip, so bleibt es auch für die Zukunft ausgeschlossen, daß von Reichs wegen ein. Schächtverbot erlassen würde. Es gibt jedoch manche andere Angelegenheit, die wahrscheinlich in der nächsten Zeit den Reichstag beschäftigen wird, und es steht zu befürchten, daß der „Ruck nach rechts", der am 25. Januar vor sich gegangen ist, den Juden zum Schaden gereichen könnte. Man wird sich erinnern, daß die Antisemiten einige Male bereits ein Gesetz gegen den Aufenthalt ausländischer Juden in Deutschland gefordert haben. Unter „ausländischen Juden" verstehen die Herren Judenfresser natürlich nur die russischen oder höchstens nur noch die aus Galizien. Denn das wissen sie sehr gut, daß die französische, englische oder amerikanische Regierung die Belästigung eines ihrer Staatsangehörigen, gleichviel welchem Glauben er auch angehören mag, nicht ruhig hinnehmen würden. Nur von der russischen und der österreichischen Regierung nimmt man an, daß sie untätig bleiben, wenn „nur" ein Jude als „lästig" ausgewiesen wird. Es ist wahrscheinlich, daß die antisemitische Partei, der ihr „Wahlsieg" zweifellos zu Kopf gestiegen ist, wiederum einen dahingehenden Antrag stellen wird. Aber ich glaube kaum, daß die Reichsregierung ihm Folge geben würde, selbst wenn er im Reichstag angenommen werden sollte, denn schließlich kann eine derartige Bestimmung zu ernstlichen internationalen Verwicklungen führen. Es läßt sich nicht mehr mit Sicherheit darauf rechnen, daß die jetzige Nagaikaherrschaft in Rußland sich lange behaupten wird, und eine neue Regierung könnte es doch krumm nehmen, wenn man die russischen Juden von „Reichs wegen" drangsaliert. Anders steht es hingegen mit der von der Reichsregierung beabsichtigten Reform des Heimatsrechts. Auch dies ist bekanntlich Landesangelegenheit, nur mit der Einschränkung, daß allen Deutschen im allgemeinen im Bundesgebiete Freizügigkeit zugesichert ist. Die Erwerbung des Bürgerrechts seitens Nichtdeutscher ist in den einzelnen Bundesstaaten nach Gesetz und Praxis verschieden. In manchen Staaten ist den fremden Juden die Naturalisation sehr erschwert oder fast unmöglich, in anderen wiederum etwas leichter. Erwirbt aber ein ausländischer Jude in irgendeinem deutschen Bundesstaat das Bürgerrecht, so kann er natürlich in ganz Deutschland unangefochten davon Gebrauch machen. Die Reichsregierung hat bereits ihre Absicht kundgegeben, im Reichstag eine Vorlage einzubringen, wonach die Naturalisation fremder Staatsangehöriger im Reiche einheitlich geregelt werden soll Von Juden ist natürlich nicht die Rede gewesen. Nichtsdestoweniger läßt sich annehmen, daß man jüdischen Ausländern die Einbürgerung in Deutschland erschweren wird, und mit Ausnahme der Sozialdemokratie kenne ich keine Partei im Reichstag, von der ein ernstlicher Widerstand zu erwarten wäre. Zentrum und „entschiedene Liberale" werden sich um solche Kleinigkeiten ntit dem Fürsten Bülow gewiß nicht zerwerfen. Auch die deutschen Juden selbst werden sich deswegen nicht sonderlich aufregen. Man sieht demnach, daß unmittelbar die deutschen Juden durch den Ausfall der letzten Reichstagswahlen nicht besorgt zu sein brauchen, und doch ist ihr Mißbehagen kein unbegründetes, denn sie fühlen instinktiv, daß sie in ihrer bürgerlichen Stellung nicht ganz sicher sind. Eine kleine Minderheit, wie sie die Juden in Deutschland sind, findet ihre Stütze lediglich in dem starken Hervortreten der politischen Moral. Es gibt leider dagegen kein materielles Hindernis, wenn man den Juden ihre Rechte streitig machen will. Ihre Sicherheit liegt nur im Rechtsgefühl des deutschen Volkes. Wenn dieses abgestumpft wird, so ist für die Zukunft tatsächlich manches Üble zu befürchten. Es wurde den deutschen Juden in den letzten Tagen vielfach vorgeworfen, sie selbst hätten dazu erheblich beigetragen, der Reaktion zum Siege zu verhelfen. Das ist aber durchaus irrig. Die Zahl der Juden irr Deutschland ist verhältnismäßig gering; sie bilden bloß l°/o der gesamten Bevölkerung. In keinem Wahlkreis haben sie die absolute Mehrheit, in einem einzigen (Berlin V) bilden sie eine beträchtliche Minderheit, in wenigen anderen Wahlkreisen verfügen sie über mehr als 1000 Stimmen. Nun kann ja zufällig auch

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