Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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drescher, die sie in die Duma entsenden, um dort die sprichwörtlich gewordenen „Karetka-Reden" zur Belustigung des Publikums vom Stapel zu lassen. Aber dies ist ihnen gleichgültig, wie ihnen überhaupt die freiheitlichen und demokratischen Interessen, mit denen sie sich brüsten, ganz „Wurst" sind. Nicht gleichgültig hingegen ist ihnen der Plan, die Juden parlamentarisch absolut nicht zur Geltung kommen zu lassen. Sie sollen verschwinden — die Juden, die den dritten Teil der Bevölkerung Warschaus und die große Mehrheit der städtischen Bevölkerung Polens ausmachen; ihre Stimme soll in der Duma nicht gehört werden. Daß dieser Plan sich auch auf Litauen erstrecken würde, — war die Überraschung, die uns für die letzten Tage aufgespart worden ist. Und sie möchten die Juden Litauens für sich als Freunde gewinnen, und sie wundern sich, daß die Juden nicht gerne ins Schlepptau gehen, und sie klagen sie eines verblendeten Chauvinismus an! Ja, sie geben eine Probe der Autonomie, die sie anstreben, ein Präludium der Zukunftsmusik, die sie anstimmen. Das ist der pure Antisemitismus, viel schlimmer und aggressiver als derjenige des alten russischen Regimes, denn das alte russische Regime erkühnte sich nicht, die Juden aus der Duma auszuschließen. Die Bulygins und die Trepows sind weit übertroffen worden. Wir beneiden nicht die dritten im Bunde, — die Bundisten. Sie behaupten, das jüdische Komitee trage die Schuld, weil es nicht auch ihren Kandidaten Raum geben wollte. Deshalb haben die Bundisten einen eigenen Block mit ganz radikalen, extremen Elementen der christlichen Bevölkerung gebildet und eine Ablenkung eines unbedeutenden Teiles der Stimmensumme herbeigeführt. Weshalb diesen Freiheitspionieren der aufrichtig freisinnige, wackere Grusenberg nicht genügte, — ist klar. Er war der Kandidat des jüdischen Wahlkomitees, also der sogenannten Burschujs und darunter auch der Kleinkrämer, der Großhändler, der Industriellen, der Handwerker, der Zionisten, der Nationalen — mit einem Worte der Juden, wie sie sind, wie sie in ihrer großen, faktischen Mehrheit sind. Dies der Grund der Sezession. Mit einem Zynismus, der einen unbeabsichtigten, aber deutlichen antisemitischen Unterton hat, faseln die unreifen, überspannten, mit Schlagwörtern herumwerfenden Volkstribunen von einer — „Klal-Jisroel-Politik", als ob dies der Ausbund von Reaktion und Klerikalismus wäre. Es ist eine traurige, pathologische Erscheinung. Ja, allerdings wäre es „Klal-Jisroel-Politik" gewesen, einen Grusenberg zu wählen. Es ist auch Gerechtigkeits- und Wahrheitspolitik, daß die Majorität so wählen soll, wie ihr ihr Gewissen diktiert und wie ihre Interessen erheischen. Eine despotische Laune hingegen ist es, von einer Majorität zu verlangen, daß sie nach einer Schablone, die nur den Gesinnungen eines Häufleins entspricht, wählen soll. Wir könnten eine Opposition gegen die Kandidatur eines zionistischen Parteimannes noch begreifen, aber das Auftreten des „Bundes" gegen einen Grusen berg und gegen ein jüdisches Wahlkomitee, weil es ein jüdisches Wahlkomitee ist, — hat uns diese Partei in ihrer wahren Gestalt gezeigt und gibt uns für die Zukunft eine Lehre mehr. Die Liberalen, die Juden und die Reichstagswahlen*) Die heftigen Vorwürfe, die anläßlich des starken Anwachsens der antisemitischen Parteien bei den Reichstagswahlen gegen die liberalen Parteien und die sie unterstützenden Juden gerichtet worden sind, sind vollauf berechtigt, — aber leider an die falsche Adresse gerichtet. Die Schuld trägt nicht der latente Antisemitismus der leitenden liberalen Kreise und die Schwachmütigkeit des Zentralvereins, sondern die mangelhafte Organisation und Disziplin sowohl der Liberalen wie der Juden in Deutschland. Die Berliner Zentralen haben — im letzten Augenblicke — fast alles getan, was sie tun konnten, die jahrzehntelang vernachlässigte Provinz hat glatt versagt. Die beiden Hauptangriffspunkte sind: 1. Die Nichtwahl jüdischer liberaler Abgeordneter. 2. Die Unterstützung von Reaktionären aller Schattierungen in der Stichwahl gegen die Sozialdemokratie. Die Berliner Zentralen der linksliberalen Parteien haben durchaus das Bestreben gehabt, Juden als Abgeordnete durchzubringen. Es .haben — und ich zweifle daran, daß meine Liste vollständig ist —- kandidiert für die Freisinnige Volkspartei: Rosenow in Berlin III, Cassel in Berlin V, Weil in Karlsruhe, alle drei durchaus ernste Kandidaten, für die mit größtem Hochdruck gearbeitet wurde. Besonders Karlsruhe war sehr aussichtsreich und Weil wäre beinahe gewählt worden. Für die „Vereinigung" kandidierten Braband in Hamburg, Preuß in Czarnikau-Filehne als ernsthafte Kandidaten, Peyse in Königsberg-Küstrin als Zählkandidat. Daß nicht noch mehr Juden aufgestellt wurden, ist vor allem Schuld der Juden in den kleinen Städten selbst, die aus Furcht vor antisemitischer Agitation jüdische Kandidaten nicht haben wollen. Daß aber gerade die jüdischen Kandidaten nicht gewählt wurden, liegt nicht an den schlechten Wahlkreisen, sondern an der Schwäche der Liberalen und der Unsicherheit jedes einzelnen Wahlkreises. Kann es dafür einen deutlicheren Beweis geben, als daC so hervorragende liberale Führer wie die freisinnigen Volksparteilei Schmidt-Elberfeld, die Süddeutschen Quidde und Blumenthal, von der „Vereinigung" Barth, v. Gerlach und v. Liszt durchfielen, daß es wochenlang *) Die Diskussion über deutsch-jüdische Politik, die wir vor einiger Zeit in der „Welt" eröffneten, hat jetzt durch die Erfahrungen der letzten Wahl neue Anregung bekommen und wird nunmehr auch in nichtzionistischen Blättern aufgenommen. Indem wir den vorstehenden — und den nachfolgenden Artikel des Herrn Dr. Bernfeld veröffentlichen, erklären wir ausdrücklich, daß wir uns mit den vielfach rein subjektiven Anschauungen der Herren Verfasser nicht identifizieren. dauerte, bis für Naumann ein Wahlkreis gefunden wurde, dessen Gewinnung noch bis zur letzten Minute überaus unsicher war? Der Vorwurf der Unterstützung der Reaktion ist weit bitterer und schwerwiegender. Die Linksliberalen haben allerdings etwa 30 Wahlkreise den Reaktionären in der Stichwahl ausgeliefert und haben in vier Kreisen selbst Antisemiten den Sozialdemokraten vorgezogen. Aber auch hier liegt die Schuld nicht an den Parteileitungen. Die Freisinnige Vereinigung hat ihre Wähler ausdrücklich aufgefordert, in der Stichwahl unter keinen Umständen für Angehörige der Rechten zu stimmen, und trotzdem sind im ganzen Lande ihre Anhänger genau so wie die der Volkspartei Mann für Mann für die Reaktionäre eingetreten — einschließlich der Juden, die das rote Gespenst und den Verlust ihrer ländlichen Kundschaft fürchten. Es soll hierbei übrigens nicht vergessen werden, daß die Sozialdemokratie ihrerseits 7 Linksliberale in den Stichwahlen gegen die konservativ-klerikale Reaktion hat durchfallen lassen. Die liberale Wählerschaft in der Provinz hat in den Stichwahlen immer reaktionär gewählt; selbst bei der Auflösung von 1887 galt ihr der Sozialdemokrat als das größere Übel. So bedauerlich und für die Entwicklung des deutschen Parteilebens verhängnisvoll diese Tatsache ist, so hat gerade bei diesen Wahlen die Stichwahihaltung der Liberalen keinen Einsichtigen überrascht. Aber ändern läßt sie sich nicht dadurch, daß man die Flinte ins Korn wirft und den Liberalismus in Bausch und Bogen verdammt. Der einzige Erfolg wäre ein noch stärkeres Anwachsen der Reaktion und des Antisemitismus. Und den deutschen Juden ist mit dem Hinweis auf die jüdisch-nationale Sonderpartei, die ein totgeborenes Kind schon in der Idee ist, wahrhaftig nicht gedient. Hier hilft nur eins: Organisierung und Disziplinierung der liberalen Wähler, wie der deutschen Juden, — der Liberalen, damit sie besser die Macht der Masse auch in der Stichwahl in die Wagschale werfen, — der Juden, damit sie ihre Feigheit aufgeben und auf die gesamte Linke einen Druck zum Zusammengehen gegen die Reaktion ausüben können. Uns geht hier nur die Organisation der Juden an. Wir müssen aus dem Zentral verein und dem Verband brauchbare Werkzeuge machen können und zu einem einheitlichen politischen Programm aller deutschen Juden kommen, das die Forderungen enthält: 1. Nach Gleichberechtigung.