Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 8 DIE3^ELT 9 der in fortschreitendem Marasmus begriffene „Graschdanin" geben ein richtiges Bild von den Stimmungen der Hofkamarilla. Zwischen diesen Blättern pendelt die noch immer einflußreiche reaktionärdemagogische „Nowoje Wrenija". Nach dem Moskauer Kadettensiege erläßt sie einen Kassandraruf: die Juden hätten dieses Unglück herbeigeführt. Wir bemerken beiläufig, daß die Juden einst tatsächlich in Moskau einen gewissen Einfluß besessen haben; allerdings, aber das war noch ehe 60 000 Juden aus Moskau beim Amtsantritt des Großfürsten Sergius ausgetrieben worden waren. Jetzt aber sind die Juden in Moskau nur ein ganz unbedeutendes Häuflein. Doch es kommt hier nicht auf die Tatsachen an, sondern auf die systematische Hetze, die seitens eines Blattes, wie „Nowoje Wremja" nicht einmal ehrlich und konsequent, sondern per Kommando und in der launischsten Weise betrieben wird. Dies der Grund; weshalb die „Nowoje Wremja" auch das Ministerium Stolypin in letzterer Zeit sehr oft angreift. Sie richtet sich nach den direkten oder indirekten Inspirationen der Hofkamarilla, die ihren Standpunkt bezüglich der Juden bis jetzt nicht aufgegeben hat. Unter diesen Umständen wird man es begreifen, daß, wie von allen Seiten berichtet wird, Stolypin sich jetzt in einer sehr prekären'Lage befindet. Seine Hin- und Herfahrten nach dem Zarenhof seien, sagt man, die Zuckungen einer Agonie. In der Reihe der Schwierigkeiten, die dem Ministerium das Leben sauer machen, ist die Judenfrage das komplizierteste Problem. Es handelt sich garnicht um die sozialdemokratischen Wirren. Denn werden einmal die Kadetten am Ruder sein, so werden sie es allem Anschein nach verstehen, diese Wirren in gesetzlicher und humaner Form in den Strom einer parlamentarischen Arbeit, wo nicht die Faust, sondern der Verstand und die Mehrheit entscheiden, hinüberzulenken. Es ist auch nicht die Bauernfrage, trotz ihrer großen, technischen Kompliziertheit — es ist vor allem ,die Judenfrage, die für die Schwarzen den Kernpunkt im gegenwärtigen Freiheitskampfe bildet, die Jtidenfrage, die zugleich auch für die Hofkamarilla, die Großfürstenpartei und dergleichen, eine unübersteigbare Mauer bildet. Belehrend sind in dieser Beziehung die Redeturniere in den öffentlichen Versammlungen, die sich zwischen den Oktobristen und den Echt-Schwarzen abspielen. Erst unlängst wurde der arme Bobrischtschew-Puschkin wegen der Judenfrage in einer Versammlung in Petersburg von einem „Monarchisten" interpelliert. „Seid Ihr für die Gleichberechtigung der Juden oder dagegen?" Bobrischtschew-Puschkin ist ein Oktobrist und antwortete wie ein Oktobrist in einem verschnörkelten, zweideutigen Kanzleistil. Der Interpellant hat sich aber mit dieser Antwort nicht zufrieden erklärt und stempelte die Oktobristen als Vaterlandsverräter und Reichsfeinde! In den öffentlichen Versammlungen wiederholt sich in einer vorlauten, heftigen Form nur das, was sich zwischen der Kamarilla und den A^inisterien abspielt. Stolypin befindet sich zurzeit der Kamarilla gegenüber in derselben Situation, in der sich Bobrischtschew-Puschkin seinem Interpellanten gegenüber befand: er will die einen und die anderen befriedigen, doch wird ihm weder das eine noch das andere gelingen. Es wiederholt sich jetzt die vorjährige Tragikomödie: Witte. Auch er war seiner ganzen Tendenz und seinein Temperament nach eigentlich Oktobrist. Auch er wollte die einen und die anderen zufriedenstellen, und das Resultat war die erste Duma. Jetzt ist das Resultat — die zweite Duma, die unbedingt radikaler als die erste sein wird. Wenn man sich nicht von offiziellen Phrasen blenden läßt, so kann man leicht voraussehen, daß der Mißerfolg Stolypins in demselben Verhältnis, wie der Radikalismus d°,r Duma stärker sein wird, den Mißerfolg Wittes übertreffen wird. Die Schwarzen sind in ihrer Richtung konsequent, wenn sie Witte für die ganze Entwickelung Rußlands während der letzten zwei Jahre verantwortlich machen. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß das Schornsteinattentat in Wities Hause von den Schwarzen angestiftet worden ist — denn die Revolutionäre haben jetzt wahrhaftig andere Sorgen und viel nähere Ziele als die Schornsteine in den „Osobniak auf dem Kamienno-Ostrowskij-Boulevard". Stolypin und seine Kollegen aber täten gut, ihre Schornsteine sorgsam revidieren zu lassen. AUS DER JUDISCHEN WAHL BEWEGUNG IN RUSSLAND Die Wahlmännerabstimmung in Wilna hat ein Übergewicht der Polen ergeben. Der jüdische Kandidat, Rechtsanwalt Grusenberg, ist durchgefallen. Dies bedeutet eine Niederlage für die Juden Wilnas. In der vorigen Duma war Wilna durch Dr. S. Lewin vertreten; in diesem Jahre wurde die Kandidatur Grusenbergs aufgestellt, erstens, weil Lewin als einer der Unterzeichner des Wyborger Manifestes nicht gewählt werden konnte, und zweitens, weil man der Kandidatur in diesem Jahre wahrscheinlich nicht einen zionistischen Stempel aufdrücken wollte. Rechtsanwalt Grusenberg schien der rechte Mann zu sein, um sämtlichen Ansprüchen genügen zu können. Er ist einer der hervorragendsten Redner Rußlands und einer der erfolgreichsten Rechtsanwälte; seine politische Farbe war in den letzten Jahren rot genug, um die radikalsten Freiheitskämpfer zufrieden zu stellen. Was politische Klugheit und revolutionsprofessionelle Tüchtigkeit anbetrifft, hat ihm seine reiche Erfahrung als Anwalt der politischen „Verbrecher" eine Summe von Kenntnissen, Beobachtungen und Verbindungen an die Hand gegeben, die ihn vielleicht wie keinen zweiten befähigen, die richtigen Wege und Mittel für den Kampf mit dem alten Regime zu finden. Man konnte wohl annehmen, daß die Freiheitskämpfer diese Kandidatur mit Enthusiasmus begrüßen würden, wiewohl Grusenberg sich bescheiden nur als linker Kadett bezeichnet hatte. Als jüdischer Kandidat besitzt Grusenberg nicht die spezifisch jüdischen Qualifikationen, die ihn befähigten, vom Standpunkte des Wissens oder von dem der erprobten Tüchtigkeit als Deuter und Dolmetsch dieser Gefühle und Stimmungen gelten zu können. Dies jedoch war ein Grund mehr, um die Kandidatur nicht als eine exklusiv jüdische erscheinen zu lassen, und wenn die Zionisten und die national gesinnten Juden im „Litauischen Jerusalem" sich dazu hergegeben haben, für Grusenberg eine so eifrige Propaganda zu entfalten, so haben sie wahrlich nicht von ihrem Parteistandpunkte, sondern vom allgemein freiheitlichen und fortschrittlich bürgerlichen Standpunkte die Frage betrachtet und in diesem Sinne gehandelt. Ein Grusenberg könnte ebensogut die berechtigten Interessen der nach Freiheit strebenden Polen, Litauer und Russen wie diejenigen der Juden vertreten; verteidigt er doch mit einem beispiellosen Erfolg die Unschuld der Opfer des despotischen Regimes ohne Unterschied der Nationalität und wird er doch von letzteren zu diesem Zwecke gewählt, und erfüllt er doch so oft diese Aufgabe in edelster und selbstlosester Weise. Und dieser Mann wurde nicht gewählt. Zu wenig Jude für einen Vertreter des Ansiedlungsrayons, zu wenig Kenner der eigentümlichen Angelegenheiten der jüdischen Masse, zu wenig, vielleicht gar nicht im jüdischen Schrifttum bewandert, von allgemeinen Gesichtspunkten geleitet, von russischer Kultur durchtränkt, - war er doch zu viel'Jude für die russische Regierung, für die Polnische Nationale Demokratie und für die jüdischen Bundisten. Die russische Regierung hat daher alles getan, um diese Wahl zu verhindern. Einen Band könnte man schreiben, wollte man die Kunststücke, die Verdrehungen, die Unregelmäßigkeiten und die Fälschungen schildern, die bei der Wahltechnik und bei der Geometrie der Bezirkseinteilung begangen worden sind, um die Zahl der jüdischen Stimmen zu verkleinern. Der Geist Stolypins schwebte über dem Wilejkagewässer, das die Straßen Wilnas umspült. Den Wahlbezirken des vorigen Jahres ist plötzlich in diesem Jahre ein funkelnagelneuer Wahlbezirk hinzugefügt worden, in dem die Polen über eine beträchtliche Stimmenzahl verfügen. Bei der Fertigstellung und Auslieferung, bei der Verteilung und Versendung der Wahlzettel ist alles geschehen, um die natürliche jüdische Alehrheit zurückzudrängen. Die Machinationen wurden von Petersburg aus unterstützt und in Wilna von den Schergen der Nationalen Demokratie in der rücksichtslosesten V/eise gehandhabt. Die Polnisch-Nationale Demokratie wollte ä tont prix siegen. Es genügte ihr nicht, die Alleinherrschaft im Königreiche Polen an sich zu reißen und dort keinen einzigen Juden durchdringen zu lassen; sie ging darauf aus, auch die litauische Residenz zu erobern und die "dortige große jüdische Masse jeder Vertretung zu berauben. Mets-toi de lä, que je m'y mette. Wo die nationalpolnische Demokratie sich befindet, da läßt sie keine Juden aufkommen. Sie sollen verschwinden, mit ihren Lewins und Grusenbergs! Es ist eine belehrende Lektion, und sie sollte endlich die Beschuldigung zum Schweigen bringen, daß es der Zionismus sei, der Scheidewände bildet und Vorurteile nährt. In diesem Falle kam der national - jüdische Gedanke gar nicht zur Geltung, und wären die Polen tatsächlich national-demokratisch, wie sie es zu sein angeben, so wäre Grusenberg trotz seines Judentums oder, wie wir es auffassen, dank seinem Judentum, ein viel tüchtigerer Verteidiger ihrer Interessen, als zwei Dutzende der obskuren Gräflein, der Urbanen Mittelmäßigkeiten und der naiven, dörfischen Heu-