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Die Welt · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 diee|eelt No. 8 Oder wird etwa eine jüdisch-sozialistische Partei, die nur deshalb „jüdisch" ist, weil sie kraft der Umstände einstweilen noch nicht ganz in der allgemeinen Sozialdemokratie aufgehen kann, das jüdische Volk vertreten können? Oder etwa die zwitterhafte „Volkspartei", die von Dubnow gegründet, den Stempel dieses Denkers, d. h. eine gewisse Unklarheit und Abstraktheit bei den besten Absichten und ehrlichen Bestrebungen, an der Stirne trägt? Oder die im Entstehen begriffene, wundersame Partei der „Sejmisten" die einen problematischen „Landtag" der Juden zum Hauptpfeiler ihres Programms gewählt haben? Das jüdische Volk wird für all' diese vagen Versprechungen, unklaren Formeln, nebelhaften Programme, träumerische Präludien einer Zukunft möglichst wenig Sinn und Sympathie finden. Was ihnen der Zionismus geben will, ist klar. Denn der Zionismus gehtauf die Totalität der Erscheinungen hin. Und wo die Totalität als Ziel dient, dort hört der Gegensatz zwischen Revolution und Evolution, zwischen den verschiedenen, oft entgegengesetzten Entwicklungsstufen auf. Im Endziele werden die Gegensätze ausgeglichen. Und darum kann das politische Gegenwartsprogramm der Zionisten alle Forderungen aller Parteien enthalten, ohne von ihnen verschlungen zu werden, ohne in ihnen aufzugehen. Denn es ist das Ganze. Von diesem Gesichtspunkte ist die Haltung der Zionisten in der inneren Politik Rußlands (von Österreich werden wir ein anderes Mal reden) berechtigt. Mögen sie mehr oder weniger Deputierte in die Duma schicken, mögen sie dort schwächer oder stärker als das vorige Mal sein — die Position als Volksbewegung bleibt dem Zionismus in seiner Integrität. Aber nur als Volksbewegung. Nicht als Partei unter den Parteien. Und dies ist ein Fehler, den die Zionisten jetzt zu begehen in Gefahr sind. Sie dürfen ihre eigentliche Rolle nicht vergessen, ihren Glauben an sich selbst auch nicht im Kleinen verlieren. Glaube an die eigenen Kräfte ist selbst eine Kraft. Solange die Zionisten sich der historischen Rolle, die ihnen zugewiesen, der national-kulturellen Mission, die sie zu erfüllen haben, bewußt bleiben, sind sie unüberwindlich. Sie werden verwundbar, wenn sie das große Ziel, die Neuwertung des gesamten jüdischen Lebens, aus den Augen verlieren. Und diesen Fehler muß man meiden. Auf eine höhere Warte muß man steigen. Die Gegner in der Ebene werden um so leichter zu besiegen sein.---— ' Dr. A. Gitels. Die russische Regierung und die Judenfrage (Von unserm Korrespondenten) Nach dem größten Ereignisse der verflossenen Woche, dem glänzenden Siege der Kadetten in Moskau, begann ein Unbehagen, das sich schnell bis zur Bestürzung steigerte, sich in den höheren Regierungskreisen bemerkbar zu machen. Man war dort sicher, daß die erste russische Residenz, wenn nicht ganz reaktionär, so doch wenigstens halbreaktionär, im Geiste der Oktobristen oder der Friedenserneuerer, wählen werde. Nun haben die Tatsachen ein ganz entgegengesetztes Resultat gezeitigt. Die Friedenserneuerer sind auf ein kleines Häuflein zusammengeschmolzen, die Oktobristen haben eine schwache Minorität erreicht, und die ganz Schwarzen sind so gründlich auf den Kopf geschlagen worden, daß der berüchtigte Reaktionär, der Antisemit Gringmut, wie die russischen Zeitungen ironisch berichten, einstimmig, d. h. tatsächlich nur mit seiner eigenen Stimme aus den Wahlen hervorgegangen ist. Die Enttäuschung der regierenden Kreise, die durch dieses Moskauer Resultat hervorgerufen worden ist, verstärkte sich noch mehr, als die Nachrichten über den Sieg der Radikalen in Odessa einliefen. Odessa wurde, wie bekannt, unter den Schutz des dickhäutigen und rücksichtslosen Kaulbars gestellt. Kaulbars verfügte nicht nur über die Machtmittel der Regierung und über die unermeßlichen Ressourcen und Vollmachten eines Kriegszustandes, sondern auch über zahlreiche Cadres von sogenannten „Barfüßlern" (Bossjaki), die an der Krippe der Geheimpolizei sich satt fressend und an ihrem Wodka-Reservoir tüchtig schlürfend, förmliche Regimenter (Druschyny) bildeten, deren Aufgabe darin bestand, die Freiheitsstrebenden, insbesondere die Juden, durch Angriffe auf den Straßen vor den Augen der Polizei in unerhörter Weise zu terrorisieren. So kam es, daß die Leiter der Reaktion und auch die zentrale Regierung in Petersburg sicher zu sein glaubten, daß, wenn nicht die autochthonen Russen, so doch wenigstens die Juden sich nicht erkühnen würden, in die Wahllokale zu gehen und ihre Stimmen zugunsten der freiheitlichen Kandidaten abzugeben. Außerdem wurde, wie bekannt, ein törichter Versuch in Odessa gemacht, die Juden für die lauen kunktatorischen Friedenserneuerer zu gewinnen. Beides ist erfolglos geblieben. Die Juden ließen sich nicht einschüchtern, und Odessa hat mehr als liberal, es hat radikal gewählt. In all diesen Entwicklungen hat die Judenfrage eine große Rolle gespielt. Die Friedlichen Erneuerer scheiterten an der Judenfrage. Sie konnten die Sympathien der Kadetten wegen ihres zu sanften Tones nicht gewinnen; anderseits sind sie bei den Schwarzen dadurch in Mißkredit geraten, daß sie die Gleichberechtigung der Juden angeblich in ihr Programm aufgenommen hatten. Auch die Oktobristen haben infolge der Judenfrage ein schmähliches Fiasko erlitten. Es ist ein offenes Geheimnis, daß viele von ihnen Gegner einer Judengleichberechtigung sind; besonders sind es die Oktobristen in den Provinzstädten, im Westen und im Süden. Doch konnte es die Zentralleitung in Moskau nicht über sich gewinnen, diesen Standpunkt offen und ehrlich zu markieren; sie sagte Ja und Nein und sie faselte von einer stufenmäßigen Emanzipation. Dadurch konnte sie die Peschschwarzen nicht für sich gewinnen. So wurde das reaktionäre Lager zersplittert, und dieser Umstand erwarb den Kadetten und den noch mehr links stehenden Parteien einen Sieg, der die kühnsten Erwartungen übersteigt. Im Lichte dieser Erscheinungen wird man die Mitteilung begreifen, die von Petersburg gemacht wird, daß inbezug auf die Judenfrage eine vollständige Verwirrung in den höheren Regierungskreisen herrscht. Die Stellung der Regierung läßt sich folgendermaßen charakterisieren: das Stolypinsche Ministerium ist ungefähr oktobristisch; die Hofkamarilla hingegen ist „echt-russisch"-reaktionär. Stolypin selbst ist verschämt antisemitisch; er paktiert mit den Wiinaer Polen und macht es ihnen möglich, durch einen wahlgeometrischen Schwindel die Juden an die Wand zu drücken; beschwert sich die Odessaer Bevölkerung gegen die Ausschreitungen der organisierten schwarzen Banden, so drahtet er sofort an Kaulbars, dem Unwesen ein Ende zu bereiten. Aber das Unwesen nimmt kein Ende. Und ist es in Odessa nicht möglich, so gelingt es in Kischinew, wo der bluttriefende Banditenhäuptling Kruschewan frank und frei hetzen darf, oder in Alexandrowsk (Gouv. Cherson), wo ein im Dienste stehender Rittmeister die arme jüdische Bevölkerung durch Pogromdrohungen und Knutenhiebe paralysiert hat, den Sieg der Reaktionäre zu sichern. Aber Stolypin rettet den Schein und sucht vor dem In- und Auslande, besonders vor dem letzteren, auf das es ihm sehr ankommt, das Dekorum zu wahren. Was die Lösung der Judenfrage betrifft, so ist er für das System der „Abstufungen" und wäre nicht ungeneigt, gewisse Konzessionen zu machen, natürlich je weniger und je später, desto besser. Dies ist auch die Methode der anderen Minister, und vielleicht ist gerade der Finanzminister Kokowzew der reaktionärste, wenn auch europäischste unter allen. Soweit die Regierung, Nun existiert aber eine Kamarilla. Und die ist inbezug auf die Judenfrage unversöhnlich und manifestiert immer und immer wieder ihre intransigente Stimmung. Ein Neidhardt, auf dessen Haupt das jüdische Blu; der vorjährigen Massakres in Odessa fällt, wird in diesen Tagen berufen, die vakant gewordene Gouverneurstellung in Pensa einzunehmen — ganz bestimmt ohne Wissen und ohne Einverständnis des Ministeriums. Ein Kurlow, der mit dem vorjährigen Minskes Pogrom in der engsten Verbindung steht, macht sich in der Ver waltung breit, weil er ein ProtegS der Hofkreise ist. Ein Komarow (Redakteur des dumm-obskurantistischen Blättchens „Swjet") wiri im Namen des Zaren zu irgend einem „Jubiläum" beglückwünscht Dies sind die Symptome der Kamarilla-Herrschaft. Denselben Unterschied kann man auch an den Richtungen der Zeitungsorgane die die Stimmungen der verschiedenen gouvernementalen Kreist widerspiegeln, beinahe mit Händen greifen. Die „Rossija", daministerielle offiziöse Blatt, reflektiert die Ansichten der Regierung der „Swjet", die „Moskowskija Wjedomosti", der Kischinewer „Drugk>-

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