Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 8 — die: werden. Aber die fortschrittlichen Elemente der Duma werden genügend innere Überzeugungskraft und genügend Mut finden, um diese Angriffe mit derjenigen Festigkeit zurückzuweisen, mit der sie auch alle anderen Angriffe zurückweisen werden, an denen es seitens der Reaktionäre gewiß nicht fehlen wird. Was die Frage der Möglichkeit einer jüdischen Massenemigration betrifft, so ist das nach meiner Meinung Zukunftsmusik, die bei der Lösung der jüdischen Frage von heute nicht in Rechnung gezogen werden kann und darf. Prof. M. M. Kowalewski: Ob nun die Juden in Rußland bleiben oder in Zukunft auswandern werden,.— es ist für mich vollständig klar, daß kein freiheitlich gesinnter Mann dem Gedanken Raum geben kann, daß Menschen, die alle bürgerlichen Pflichten erfüllen, die ihre Geld- und Blutsteuer entrichten, ihrer politischen und bürgerlichen Rechte beraubt werden könnten. Deswegen halte ich es für überflüssig, in die mir übrigens als unwesentlich erscheinenden Details der Frage einzugehen. P. B. Struwe: Ich bin Antizionist. Im Interesse Rußlands hätte ich gewünscht daß die Juden sich assimilierten. Ich glaube, daß das auch dem Interesse der Judenheit entspräche. Ich halte den Zionismus für unerfüllbar, aber indem ich das behaupte, muß ich den Juden daß vollständige Recht zuerkennen, Zionisten zu sein, wie ich den Arbeitern das Recht zuerkenne, die Lösung der sozialen Frage ^ELT-- --7 im Sozialismus zu suchen. Was die aktuelle Sache, die Stellung der jüdischen Gleichberechtigungsfrage auf die Tagesordnung der nächsten Duma, anbelangt, so glaube ich, daß der Zionismus dabei nicht nur bei dem fortschrittlichen Teile der Duma nicht schaden kann, sondern sogar auch bei den Antisemiten ein sie günstig stimmendes Moment darstellen wird. ... Ich glaube, daß der Antisemitismus in Rußland nicht nur nicht schwächer, sondern im Gegenteil noch viel stärker werden wird, wenn die Juden Gleichberechtigung bekommen werden. Jetzt sehen Wir nur die Knospen des Antisemitismus, später werden wir seine Früchte genießen. Und da glaube ich, daß die Perspektive der jüdischen Auswanderung, die für mich eine?o traurige Tatsache darstellt, den Antisemiten verlockend erscheinen wird. Und wäre dem auch nicht so - - ich wiederhole es nochmals, der progressive Teil der Duma hat nicht das geringste moralische Recht, die Juden daran zu hindern, ihre Selbstbestimmung zu treffen bis zu den letzten Konsequenzen des Zionismus. I. W. Schilkin: Ich erkläre: Die Zionisten sind bereit, mit uns in Reih und Glied für die Befreiung Rußlands zu kämpfen. Was anders als ein freundschaftliches Verhältnis ist uns ihnen gegenüber geboten? Werden die Juden mit uns bleiben, -— sehr gut. Wird es ihnen gelingen, ihren Traum zu erfüllen und ein selbständiges, unabhängiges, freies Nationalleben zu beginnen, ■— ich würde mich dessen von Herzen freuen. Denn was wir erstreben, ist: daß alle Menschen sich wohl fühlen sollen. Unmaßgebliches zur Frage der zionistischen Politik Mit fliegenden Fahnen hat sich die zionistische Partei in Rußland und in Österreich auf die Walstatt der Politik begeben. Was erst vor drei — vier Jahren ein Gegenstand der Diskussion -- und sogar oft einer ziemlich müßigen — war, ist jetzt eine Tatsache, an der sich nichts mehr ändern läßt. Noch ist die Frage der „Gegenwartsarbeit" nicht erschöpfend erörtert worden, und die Zionisten treiben allenthalben Gegenwartspolitik im großen und im kleinen, großzügig oder bescheiden. Allerdings — sie sind durch die Verhältnisse gezwungen. Sie müssen zu den Fragen der Gegenwart Stellung nehmen, ob sie wollen oder nicht. Was konnten z. B. die Zionisten, sogar die strammsten und konsequentesten, anderes tun, als mit der Zeit gehen, am allgemeinen Leben aktiv teilnehmen, die bessere Zukunft mitschmieden helfen. Und wenn es sich um das Schicksal der russischen Judenschaft handelt, sollten die nationalsten Juden etwa die Arme verschränken? Nein — sie konnten es nicht und haben mit richtigem Instinkt Partei für die Freiheit genommen. Die Stellung der Zionisten, wie sie im Helsingforser Programm formuliert wurde, ist gewiß die einzigberechtigte. Nicht, weil dieses Programm das am leichtesten zu erreichende ist. Bs ist ein verbreiteter Irrtum vieler „gemäßigter" Politiker, den Wert eines Programms von seiner momentanen Durchführbarkeit abhängig zu machen. Die großen und kleinen Philister fürchten sich natürlich vor jedem starken Worte, vor jeder kühnen Idee. Aber sie vergessen, daß das „Durchführbare" gewöhnlich die diagonale ist, die aus der Kreuzung grundverschiedener Richtungsiinien entsteht. Solche Philister und Kleinpolitiker sind namentlich in Rußland die Herren „Erreicher" und ihr Gefolge, die Petersburger Advokaten, für die das ganze gigantische Bemühen der russischen Revolution schließlich in einen russischen „Nationalliberalismus", in tjine Kompromißpolitik mit der Bureaukratie ausläuft. Diese Kompromißnaturen, mit Winawer an der Spitze, haben bekanntlich gegen den Zionismus einen Kampf auf Tod und Leben begonnen. Allerdings einen unblutigen, ungefährlichenKampf, der eigent- Hch die Schwäche der „Erreicher" eher verdecken, als ihre Stärke offenbaren sollte. Die Erfahrung der Wahlen zur vorigen Duma wie auch der bereits vollzogenen Wahlen der Wahlmänner erwies, daß unter den „jüdischen Parteien" keine siegreicher war als die zionistische. Denn die anderen jüdischen Parteien unterlagen oder kämpften unter fremder Fahne. So finden wir z.B., daß die ,.Bundisten" und „Seimisten" bei den Wahlen schlecht abschnitten. Daß die „Erreicher" sich 'hinter die K.-D. Partei verschanzten und dadurch an vielen Stellen den Sieg davontrugen, ist nicht ihr Verdienst. Im Gegenteil, es ist eine moralische, und wenn man streng sein will, auch eine politische Niederlage. Die Ereignisse haben gezeigt, daß im Judentum keine andere Partei wirklich fußen kann, als die, die wir unter dem Gesamtnamen Zionismus zusammenfassen. Die Beobachter der Entwicklung der Dinge in Rußland und der Lage des Zionismus daselbst werden diese Behauptung vielleicht für paradox halten. Müssen wir uns denn nicht eingestehen, daß die Entwicklung des Zionismus in Rußland nicht den von uns gehegten Erwartungen entspricht? Müssen wir denn, um uns keiner Täuschung hinzugeben, nicht einen gewissen Stillstand im Wachstum der reinen und konzentrierten nationalen Idee konstatieren? Jawohl, — und trotzdem können wir die Behauptung aufstellen, im Judentum habe keine andere Partei Platz, könne keine andere Bewegung Wurzel fassen, als die zionistische. Dr. Nordau hat es einmal gesagt: Der Zionismus ist keine Partei — er ist das Judentum. Und dieser Satz ist in seinem innern Kern richtig. Während jede andere Partei im Judentum nur einen Teil, eine „pars" des nationalen Lebens erfaßt, umfaßt, zum Ausgangspunkte oder zum Endziele macht, zielt der Zionismus auf das Ganze, auf den Grund der jüdischen Existenz hin und berührt die Tiefen der jüdischen Gemeinschaft. Welche Partei kann im Judentum auf Erfolg rechnen? Etwa diejenige, deren Hauptziel die Herbeiführung eines leidlichen Rechtszustandes für die Juden ist? Das Beispiel Westeuropas hat gezeigt, welche Bedeutung diese Partei innerhalb und außerhalb des Judentums, intra muros et extra, haben kann. Sind nicht die „Erreicher" von morgen der „Verband deutscher Juden" von heute?