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Die Welt · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE2&ELT No. 8 In verhältnismäßig noch sehr dünn besiedelten Gegenden sind die Landpreise im Zeitraum von drei bis vier .Jahren auf das Vierfache gestiegen. In der Pampa verlangt man heute für durchaus nicht erstklassiges Land siebzig Pesos für den Hektar, für das gleiche Land, weiches vor zwei Jahren zwanzig und fünfundzwanzig Pesos kostete. Die Preise wurden mit allen Mitteln gewaltsam in die Höhe getrieben. Der Kolonisator maühte den Anfang, die Estancieros kletterten nach und drückten ihrerseits dem Kolonisator unverschämt hohe Preise heraus. Wo soll das hin bei Ländereien, welche auf nicht mehr als drei bis vier Ernten rechnen lassen, wie z. B. gewisse Teile der Pampa, wro außerdem die Gefahr von Mißernten infolge der klimatischen Verhältnisse eine sehr bedeutende ist? Was an Preistreiberei geleistet wurde, grenzt ans Fabelhafte. Die reinste Akrobatik. Sanguinische Hoffnungen sind ja recht schön, so lange die Sache gut geht. Heute schon macht sich aber in den beteiligten Kreisen eine trübe Katerstimjnung geltend, die man als sicheres Anzeichen dafür nehmen kann, daß der Rausch vorüber ist. Es ist ein geradezu unmöglicher Zustand, daß Leute, welche mit dem Willen herüberkommen, Land zu kaufen, und das nötige Kapital mitbringen, hier wie verirrte Schafe herumlaufen müssen, weil sie kein Land finden können." Und daß es in anderen Staaten Südamerikas nicht viel besser bestellt ist, geht aus einer Notiz aus Uruguay hervor, die besagt: — Seil 2 Jahren warten viele Kolonisten in Paysandü auf die ihnen versprochenen Ländereien. Außerdem haben sie seither aus eigener Anschauung erfahren, daß die Regierung sich weigerte, gegen Heuschrecken, Hagel und Dürre Hülfe zu leisten; sie wollen darum nach Entre Rios auswandern. Man kann nur wünschen, daß diese Mitteilungen möglichst ausgiebig unter den osteuropäischen Juden verbreitet werden. Insbesondere sollten diejenigen Institutionen und Gesellschaften, die sich neuerdings die Förderung der Auswanderung nach Südamerika angelegen sein lassen, den oben mitgeteilten authentischen Informationen ihre ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden. ZIONISMUS UND STAATSBÜRGERTUM In der liberalradikalen russischen Zeitung „Ruß" wurden vor kurzem die Meinungen einiger hervorragenden Vertreter verschiedener freiheitlichen Parteien Rußlands über den Zionismus abgedruckt, die wir im folgenden wiedergeben wollen. Die Zeitung schildert die Veranlassung dieser Meinungsäußerungen folgendermaßen: „Unter den Juden haben die Wahlen in die Duma den Kampf der Parteien verschärft. In der Reihe der Argumente gegen die Zionisten und jüdischen Nationalisten befindet sich Hinter 'anderm dasjenige, daß man, falls Zionisten in die Duma kommen werden, den Juden keine bürgerliche Gleichberechtigung erteilen werde. Nicht nur die Juden selbst, auch die Vertreter der progressivem Parteien Rußlands, würden die Juden nicht verteidigen können, solange in der Duma die Interessen der Juden durch solche Deputierte vertreten sein werden, die sich als Zionisten bekennen, d. h., als Menschen, die daran glauben, daß die Juden einst aus Rußland in ihr Stammland auswandern werden. Da diese Argumentation das Verhältnis der russischen progressiven Kreise zum Zionismus, den wir als innere Angelegenheit der Juden betrachten, vollständig falsch darstellt, so geben wir sehr gerne einer Rundfrage Raum, die von einem Zionisten unter den hervorragendsten politischen Persönlichkeiten Petersburgs veranstaltet wurde. Soweit dei „Ruß". Indem wir nun die Äußerungen der Politiker nachfolgend unseren Lesern vermitteln, möchten wir noch bemerken, daß Annenski der Führer der radikalen Sozialisten, Miljukow und Kowalewski die Leiter der Kadettenpartei sind, der auch der in Westeuropa bekanntere Struwe angehört. Schilkin ist Sozialist und Mitglied der „Arbeitsgruppe". N. F* Annenski: Ich verneine entschieden und kategorisch, daß die Frage der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Juden irgendwie - und sei es im kleinsten von einer Bedingung abhängig gemacht werden kann. Die Notwendigkeit, die Juden den anderen russischen Bürgern gleichzustellen, ist eine absolute. Diese Frage liegt auf einem ganz anderen Gebiet als die Frage unseres Verhältnisses zum Zionismus. Und dadurch, daß in der Gossudarstwennaja Duma zionistische Deputierte auftreten werden, die sich offen als Zionisten bekennen, kann die Gleichberechtigungsfrage sich für uns auch nicht um ein Jota verändern. Ich selbst hege den Wunsch, daß die Juden in Rußland verbleiben mögen. Und wenn die Russen begonnen hätten, eine jüdische Massen-Auswanderung zu fördern, so hätte ich gesagt, daß sie unrichtig und unpatriotisch handeln. Aber ich muß anerkennen, daß nach all dem, was geschah, die Juden das volle sittliche Recht besitzen, einen Ausweg aus ihrer unerträglichen Lage zu suchen. Und insoferne wir Russen den Juden tatsächlich nicht bewiesen haben, daß wir imstande sind, ihnen in Rußland ein sie zufriedenstellendes Leben zu sichern, haben wir keine innere Berechtigung, sie von der zionistischen Lösung der Judenfrage abzulenken. Und unser Antizionismus könnte nur eine Form besitzen: Wir müssen alles daransetzen, daß die Juden keinen Grund haben, sich in Rußland als Fremde zu fühlen. Wir müssen ihnen vollständige Gleichberechtigung gewähren und sie so behandeln, daß das Bedürfnis, einen anderen Ausweg zu suchen, bei ihnen vollständig verschwinden soll. Wären die zionistische Stimmung und die zionistischen Aspirationen der Juden tatsächlich imstande, unser Verhältnis zur Fragt der jüdischen Gleichberechtigung zu verändern, so hätte das niu bewiesen, daß wir von dem Gefühle der wirklichen Gleichheit nocl; nicht durchdrungen sind — und das wäre das stärkste Argumen zugunsten des Zionismus. Nein — der Zionismus der Juden kam in keinem Falle unserem Kampfe für ihre Gleichberechtigung hin derlich sein. Prof. P. N. Miljukow: Als der Interviewer einleitend Prof. Miljukow berichtete, mai hätte von ihm erzählt, er solle die Äußerung getan haben: „Wem Zionisten in die Duma kommen werden, dann wird es keine Gleich berechtigung geben", — lächelte Prof. Miljukow und sagte: „Ic; habe immer den Zionismus als einen unerfüllbaren Traum betrachte aber als einen Traum, der nicht nur das jüdische Leben ver schönert hat, sondern auch einen wirklichen und greifbaren Nutze brachte, indem er den jüdischen Geist aufgerichtet, in den Jude das Bewußtsein ihrer Rechte und das Gefühl ihrer Würde gewec! und sie auf diese Weise zum Kampfe für eine bessere Zukun vorbereitet hat. Insoweit Zionisten in der Gossudarstwenna; Duma sich als Verbündete des fortschrittlichen Rußland erweise und zusammen mit ihm für die Freiheit in der Gegenwart kämpfe werden, widerspricht der Zionismus der Juden nicht im geringste > unserer Vorstellung, wonach wir die Juden als vollberechtig' russische Bürger betrachten. In dieser Beziehung ist es aber gar' gleich, durch wen die Juden in der Duma repräsentiert sein werde:. durch Zionisten oder Nicht-Zionisten. Es ist zweifellos, daß cU Feinde der jüdischen Gleichberechtigung diese Dinge ausnütze:

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