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Die Welt · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 8 DIE LT Rumänisches Auch in Rumänien entfaltet die antisemitische „Propaganda der Tat" neuerdings wieder ein förmliches Kesseltreiben. Wüste Exzesse gegen die Juden, deren eigentliche Urheber, soi-disant Intellektuelle, sich fein im Hintergründe halten, werden in vielen Städten nach allen Regeln der Kunst in Szene gesetzt. Der Blutdurst der rohen Massen wird mit teuflischem Raffinement geweckt, und es ist gar nicht abzusehen, wohin das systematische Schüren des Pogromfeuers noch führen wird. Zudem ist eine Bereicherung der judenfeindlichen rumänischen Gesetzgebung in Aussicht genommen, indem eine ganze Reihe von Verfügungen Gesetzeskraft erhalten soll, die an den Lebensnerv der jüdischen Bevölkerung rühren. Dem Situationsbericht eines gelegentlichen Korrespondenten entnehmen wir die folgenden Einzelheiten: Auf Crajova, wo eine zionistische Versammlung gesprengt, jüdische Frauen und Kinder geprügelt wurden, folgte Bukarest, dann Jassy, wo ein zugunsten der jüdischen Schulen veranstaltetes Abendfest wegen antisemitischer Drohungen unterbleiben mußte. Nun kommen schlimme Nachrichten aus Berlad. Die Schüler des Lyzeums Codreanu rotteten.sich am 17. v. M. zusammen, zogen mit wildem Gejohl durch die Straßen, plünderten eine ganze Reihe von jüdischen Läden, zertrümmerten Fensterscheiben und haranguierten den Straßenmob, gegen die Juden loszuziehen. Auch in Focsani wird der Pöbel seit Wochen „bearbeitet" und das lichtscheuesteGesindel zu Ausschreitungen gegen die Juden aufgestachelt. Vor kurzem wurden in der jüdischen Mädchenschuledie Fensterscheiben eingeschlagen, und die jüdische Bevölkerung sieht mit Bangen und Beklommenheit den kommenden Tagen entgegen. Die freisinnige Zeitung „Adeverul" ließ es sich angelegen sein, nach den Anstiftern dieser, das ganze Land umspannenden Hetze zu forschen und hat folgende Tatsache ermittelt: Der Professor an der Universität Jassy, Jorga, bereist seit einiger Zeit die bedeutenderen Städte Rumäniens und hält Brandreden gegen die Juden. Namentlich reizt er die Gymnasialjugend auf, die seinen Worten begeistert lauscht und ihm allerorten zujubelt. Er führt eine ausgedehnte Korrespondenz mit den Gymnasiasten des ganzen Landes und läßt ihnen seine von giftigstem Judenhaß durchtränkte Zeitschrift ,Neamul Romanesce" zukommen. . . Die jüdischen Arbeiter gehen infolge der neugeschaffenen Arbeitergesetznovelle der Brotlosigkeit entgegen; der größte Teil von ihnen wird wohl in allernächster Zeit zum Wanderstabe greifen, und es stehen uns Ereignisse bevor, gleich denen, die sich im Sommer 1890 abspielten und auch unseren westeuropäischen Brüdern erinnerlich sind. Die Auswanderung wird aber schließlich — sollte nicht bald Wandel eintreten — auch das letzte Auskunftsmittel der jüdischen Krämer und Kleinhändler sein, denen durch fortgesetzte legislative Maßnahmen und administrative Chikanen der Brotkorb immer höher gehängt wird. Das jüdische Intelligenzproletariat ist in keinem Lande so zahlreich wie in Rumänien. Mit jedem neuen Tage verschließt sich der studierenden jüdischen Jugend ein neuer Erwerbszweig. Bald wird ihnen auch die ärztliche Laufbahn unzugänglich gemacht werden . . . Das Ergebnis der Besuche, die die Herren Schneider und Lueger aus Wien ihren Bukarester Gesinnungsgenossen abgestattet haben, ist, daß sich hierzulande — Tierfreundschaft zu regen beginnt. Die Schechitah-Frage befindet sich auf ■■ler Tagesordnung. Der zweite Bürgermeister von Bukarest, Herr -iurcu, führt in der rumänischen Presse im Namen der Wissenschaft und Humanität einen Vernichtungsfeldzug gegen die mrbarische, „aller Menschlichkeit hohnsprechende" Prozedur des ^chächtens. Ihm akkompagniert ein ganzer Chorus tierfreundlicher Journalisten und Politiker. Den vielen Beschränkungen rein wirtschaftlicher Natur dürfte sich also in nächster Zeit eine Vergewaltigung unseres religiösen Gewissens in der Form des Schächterbotes angliedern ... So stellt sich nach dem oben in knappen Federstrichen reproduzierten Situationsberichte die augenblickliche Lage unserer 1 umänischen Brüder dar. Unterdessen trifft das diplomatische Europa feierliche Vorbereitungen zur Haager Friedenskonferenz. Die erleuchtetsten Geister werden — sagt man — beflissen sein, Mittel und Wege zu ersinnen, um dem Moloch des Völkerschlachtens Opfer zu entreißen und die Menschheit in Stufengängen zum „ewigen Frieden" emporzuführen. Sollte da die Abrüstung in Rumänien nicht als eine der nächstliegenden Aufgaben die des zivilisierten Europa harren, in Betracht kommen? Wie vor¬ Vorsicht bei der Auswanderung nach Amerika . u,. Ä sichtig man mit der Propaganda für eine jüdische Auswanderung nach Amerika und insbesondere nach Südamerika sein sollte, geht aus einer offiziellen Veröffentlichung des k. k. Ministeriums des Innern in Wien hervor. Diese Veröffentlichung, die eine eindringliche Warnung vor der Auswanderung nach Argentinien enthält, lautet: „Nachrichten, welche aus Argentinien einlangen, lassen erkennen, daß die Auswanderung nach diesem Lande aus den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern wieder im Wachsen begriffen ist Angesichts dieses Umstandes macht das Ministerium des Innern darauf aufmerksam, daß, soweit demselben bekannt, es gegenwärtig ohne besondere Verbindungen fast unmöglich ist, guten Boden zu entsprechenden Preisen selbst in den entlegensten Gegenden Argentiniens zu erwerben. Die staatlichen Ländereien, welche die argentinische Sektion für Kolonisation an die Einwanderer unter anscheinend günstigeren Bedingungen abgibt, sind wenig ertragsfähig und bedarf es jahrelanger schwerer Arbeit, bis der Boden nur einigermaßen gewinnbringend wird. Die Kolonisationsgesellschaften und Private besitzen allerdings unter anderem auch vorzüglichen Boden, doch wird derselbe nur zu übertrieben hohen Preisen abgegeben. Sehr oft sind die Kolonisten weit abseits eines jeden Kommunikationsmittels situiert und infolgedessen gezwungen, ihre Feldfrüchte an Agenten zu niedrigen Preisen abzugeben. Außerdem häufen sich die Fälle, in welchen den Kolonisten die Raten des Kaufpreises für den Boden von hierzu nicht berechtigten Personen in betrügerischer Weise entlockt werden. Feldarbeitern ist von der Reise nach Argentinien ebenfalls abzuraten, da Arbeit mit Ausnahme der Erntezeit nur sehr schwer zu finden ist und auch die Lohnverhältnisse keineswegs günstig sind. Das Leben in Argentinien ist im allgemeinen mindestens doppelt, in den größeren Städten drei- oder viermal so teuer wie in Europa.u Das „Argentinische Wochenblatt" in Buenos Aires ergänzt diese Warnung durch folgende Ausführungen: „Linter allen Umständen verdient diese Warnung, welche sich anscheinend auf eingehendere Berichte stützt, Aufmerksamkeit und sollte von argentinischer Seite nicht unbeachtet bleiben, denn es ist Tatsache, daß die Einwanderung aus der österreichisch-ungarischen Monarchie in andauernder starker Zunahme begriffen ist, und niemand wird bestreiten, daß durch die Einwanderung aus dem Donaustaate der Republik sehr schätzbare, nützliche Elemente zugeführt werden. Die Behauptung des Ministeriums des Innern, daß zu Kolonisation geeignete Regierungsländereien nicht zur Verfügung stehen, trifft — vorläufig wenigstens — vollkommen zu. Es ist eine allzubekannte Tatsache, und ich könnte mir füglich ersparen, auf diesen Punkt einzugehen, daß die Staatsländereien in den südlichen Territorien, vermöge ihrer schweren Erreichbarkeit, nur dann für die Kolonisation in Betracht kommen könnten, wenn sehr bedeutende Kapitalien dafür verwendet würden, geignete Gebiete durch Straßen-, Brücken- und Bahnbauten, wo es nötig ist, auch durch Bewässerungsanlagen, zugänglich zu machen, eine große Zahl von Einwanderen nach jenen Gebieten zu leiten und durch geeignete Maßnahmen, liberale Zahlungsbedingungen usw., die Grundbedingungen zu schaffen, daß die Leute auch wirklich vorwärtskommen können. Der Staat tut nichts oder will nichts tun. Man kann den Staat als heute in Betracht kommenden Kolonisator gänzlich ausschalten, und er möge die nur zu berechtigten Auslassungen des Wiener Ministeriums ruhig auf sich sitzen lassen.---- Die private Kolonisation: ein anderes Kapitel, das jahraus jahrein, aber doch viel zu wenig, die Presse beschäftigt. Der privaten Kolonisation in Argentinien wirft man in Österreich vor, daß sie die Ländereien zu teuer verkaufe. Man drückt sich wörtlich aus: „zu übertrieben hohen Preisen". Auch dieses Urteil trifft den Nagel auf den Kopf. Die Preise, die heute „gemacht" werden, sind für den im allgemeinen über nicht sehr großes Kapital verfügenden Einwanderer geradezu unerschwinglich; sie sind zum Teil abenteuerlich.

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