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Die Welt · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIEE^ ELT No. 8 Wunsch eines Juden nach einer jüdischen Heimstätte außerhalb Rußlands, irgendwie sein oder seiner Staminesgenossen Anrecht auf Vollberechtigung in Rußland beeinträchtigen könne. Die Erfüllung aller bürgerlichen Pflichten bedingt den Anspruch auf alle bürgerlichen Rechte — das ist der Kern der Frage, den Kadetten, Sozialisten und Radikal-Demokraten richtig erfaßt haben und in ihren Antworten unzweideutig klarstellen. Die Erfüllung alier Bürgerpflichten, denen sich die Zionisten nie entzogen haben, ist die Grundform des Patriotismus. Was er an anderen Elementen enthält, sind individuell oder gruppenweise differenzierte Akzessorien, z. B. der patriotische Nationalismus. Den russischen Nationalismus können und wollen die russischen Juden nicht mitmachen, weil sie dem ihren, dem jüdischen, treu sind. Aber nicht nur, daß die Juden deswegen keine Gegner des russischen Nationalismus sind, sie sind seine Freunde und wünschen seiner Entwicklung das Beste, weil sie wissen, daß auf der Pflege der nationalen Eigenart die Wohlfahrt und Gesittung eines Volkes beruht und weil sie dasselbe Verständnis von den Russen ihrem jüdischen Nationalismus gegenüber erwarten und wünschen. Und ähnliches gilt auch von anderen Elementen des Nationalismus — allerdings nicht mehr von jenem Hurrapatriotismus, dessen exaltierte und lärmende Vertretung ein Privileg und Kennzeichen des Schutzjudentums bildet. Der Schlange ist wieder einmal der Kopf abgetreten. Die russisch-freiheitlichen Parteien wollen wirklich freiheitlich sein und weisen den denunziatorischen Knechtssinn, der sich leider aus jüdischen Reihen an sie heranschleicht, verächtlich zurück. Die russischen politischen Führer, die sich so kategorisch gegen die Insinuationen der „Volksgruppe" erklären, haben bei dieser Gelegenheit sich auch nebenher über die letzten Ziele des Zionismus geäußert: freundlich, skeptisch oder gegnerisch. Ihre Meinungen in dieser Hinsicht sind für uns ganz interessant nicht mehr. Wir haben schon einmal ausgeführt, daß wir den gelegentlichen und fast durchaus oberflächlichen Gutachten von Nichtjuden ü-ber die tiefsten jüdischen Schicksalsfragen, deren Löser wir selbst sein müssen, nicht viel Geschmack abgewinnen können. Ein anderes ist es natürlich mit der Frage der jüdischen Gleichberechtigung in Rußland: Hier sind die Anschauungen der Befragten nicht etwas Subjektives, Leichthingeworfenes, hier handelt es sich um Parteiprogramme, um politische Angelegenheiten, deren Durchführung nicht nur vom guten Willen der Juden, sondern auch von dem der russischen Völker abhängt. Darum darf man die Äußerungen Miljukows, Schilkins, Kowalewskis usw., die den Zionisten als innerpolitischer Partei alle Gerechtigkeit widerfahren lassen, als Zeugnisse wahrhaft freier Gesinnung voll bewerten. Mit Bangen und Besorgnis haben wir dem allgemeinen Wahltag in Rußland entgegengesehen. Wir wagten es nicht, vorher die Befürchtung zu äußern, die wir doch nicht zurückdrängen konnten: daß der Weg zu einer neuen Etappe des russischen Staatslebens wieder mit jüdischem Blute bespritzt werden würde. Leider waren die Befürchtungen nicht grundlos. Kurz vor Schluß unseres Blattes erhalten wir Telegramme aus Odessa, die von einem regelrechten Pogrom berichten. Schon seit etwa zwei Wochen haben sich gefährliche Wolken über dem Süden Rußlands zusammengeballt und sich von da weit hin übers Land gezogen. In mehreren Zentren: Kiew, Simferopol, Jekaterinoslaw, Kischinew, in denen das Schwarze Hundert seine Hauptquartiere hat, sind die Juden während der Wahlkampagne in stets gesteigertem Maße von den Echt-Russen bedroht und eingeschüchtert worden. Der Sieg der Reaktion an Orten wie Kischinew und Kiew, die Wahl eines Kruschewan, durch Terror und Gewalttätigkeit erkauft, schienen — so sehr sie zu beklagen sind — doch wenigstens das Eine in sich zu schließen, daß die Sieger keine weitere Entladung für ihren Judenhaß suchen würden. Aber eserweistsich, daß die Genugtuung über die Wahltriumphe bei den Pogrom in Odessa Schwarzen Banden doch geringer war als ihre Enttäuschung und ihr Zorn über ihre schmählichen Niederlagen in Moskau und Odessa. Besonders Odessa ist ja geradezu eine Metropole der Pogrombanden. Furchtbare Erinnerungen an barbarischen Massenmord und gräßliche Massakers verknüpfen sich für uns mit der bloßen Nennung des Namens. Seit den Oktobertagen 1905 ist die Bestie dort auf der Lauerin unstillbarem Blutdurst. Selbst zur Zeit, da im übrigen Rußland der Pogromgeist sich in die dunklen Winkel verkrochen hatte, feierte er am hellen Tage in den Gassen Odessas seine Orgien. Attacken und Insultierungen und ab und zu ein Mordanschlag zeigten, daß die schwarze Bande nicht ans Abrüsten denken wolle, und so mußten Juden nnd Intellektuelle immer auf den plötzlichen Ausbruch eines Pogroms gefaßt sein, — zumal der famose General Kaulbars der Lenker der Stadt war und der Kriegszustand die beste Deckung für ihn und seine Proteges bot. Die klägliche Wahlniederlage der Schwarzen war schließlich das Signal für den Beginn einer neuen Schlacht. Die letzten Nachrichten die wir erhalten, besagen folgendes: Die Odessaer Universitätsbehörden sandten gestern den 19. ein Telegramm an den Minister der Volksaufklärung, dessen wesentlicher Inhalt lautet: „Die Gewalttaten des „Verbandes des russischen Volkes" gegen Studenten und Bürger hören nicht auf, trotz aller Protestdepeschen, die der Universitätsrat an Sie und an den Ministerpräsidenten geschickt hat. Die Überfälle werden im Gegenteil immer verwegener und zahlreicher. Die Erregung der Studenten wächst unter diesen Umständen, daher sah sich der Universitätsrat gezwungen, die Universität zu schließen". Gestern fand in Odessa auch eine Versammlung aller ausländischen Konsuln statt, bei der die gefährliche, durch Gewalttaten des „Verbandes des russischen Volkes" geschaffene Situation besprochen wurde. Da auch die Ausländer schwer in Mitleidenschaft gezogen sind, so wurde eine telegraphische Berichterstattung der Konsuln an ihre Regierungen beschlossen. Die .Konsuln werden den Regierungen erklären, daß die Behörden trotz allei Versprechungen nichts tun, um Gut und Leben der Ausländer zu schützen. Ein Telegramm aus Petersburg bestätigt, daß, nachdem dk „echten Russen" vier Tage lang ihr schändliches Handwerk getrieben, die auswärtigen Generalkonsuln zusammentrafen um eine Protestresolution gegen das Verhalten der Behörden zi fassen und Maßregeln zum Schntz der Ausländer zu treffen. Dk Konsuln haben sich sofort telegraphisch an ihre Regierunger gewandt. Gestern wiederholten sich, wie uns unser Korrespon dent weiter berichtet, die skandalösen Szenen in den Straßer Odessas. Auf im Schnee spielende jüdische Kinde wurde geschossen, Wohnungen von Juden wurder demoliert. Einem jüdischen Bürger namens Weitz, de* sich gegen seine Angreifer zur Wehr setzte, wurden die Arnw ausgebrochen. Halbtot ließ man ihn auf offener Straße liegen. Seitdem scheint sich die große Gefahr nicht auf Odessa beschränken zu wollen. Nachrichten, die uns in letzter Stund1 telegraphisch zugehen, sprechen von dem drohenden Schrecken eine, ganzen Serie von Pogromen im Süden Rußlands. Eine alarmierend Mitteilung, die das „Berliner Tageblatt" erhält, und die durchaus nicht unwahrscheinlich anmutet, weist auf einen diabolische! politischen Endzweck hin, dem die Pogrominszenierung dienen soV : Nach allgemeiner Überzeugung wird die künftige Duma für absolut oppositionell gesinnt gehalten. Eine Auflösung erachtet man für gefährlich. Unter diesen Umständen suchen dk reaktionären Kreise die Regierung davon zu überzeugen, da!'. es am besten sei, eine Tagung der Duma überhaupt nicht zustande kommen zu lassen. Um dieses ins Werk zu setzen, beschloß die Pogrom Organisation, die bereits dk Oktoberpogrome inszenierte, in kürzester Zeit, angeblich am 27. Februar, in ganz Rußland neue Judenmetzeleie i hervorzurufen. Alsdann soll die Regierung erklären, solange solche Zustände im Lande herrschten, könne eine Tagung da Volksvertretung nicht stattfinden. Stolypin hat Kenntnis von diesem Plane, er soll ihn durch Stillschweigen guthei ße n. Hoffen wir wenigstens, daß die rechtzeitige Aufdeckung der Regierungs-Machinationen das schwere Unheil im Keime zertritt. Die Intervention des Auslandes, die diesmal ausnahmsweise sich rechtzeitig geltend macht, bestärkt uns in dieser Hoffnung.

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