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Die Welt · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 22. Februar 1907 ]minb r6nn"tf TUN "n No. 8. □ P REVUE DER WOCHE □ D Zionismus und Staatsbürgerinm Es wir vor etwa einem Jahrzehnt. Die deutschen Reformrabbiner fühlten sich recht wohl. Sie hatten die Sehnsucht nach Zion einbruchsicher in den hebräischen Teil der Gebetbücher verschlossen, ja, — um ganz ruhig schlafen zu können, — hatten sie sogar die verfänglichsten Stellen aus eben diesen Gebetbüchern herausgeschnitten und die Fetzen in irgendwelche dunkle Ecken geworfen, wo die arme Sehnsucht nach Zion vermodern und zerstäuben sollte. Da geschah etwas Unerhörtes: Mit einemmale stand die Zionssehnsucht wieder vor ihnen, kein Psalm, kein Gebetwort, kein frommer Wunsch, — nein, leibhaftig als Wirklichkeit gewordene Parole. Und noch mehr: Als ein ganz und gar modernes politisches Lebewesen, als Vereinigung von Tausenden und Zehntausenden, die eine Partei formierten — und einen Kongreß, ja, einen jüdischen Kongreß, und noch dazu in Deutschland abhalten wollten. Da erschraken die Rabbiner auf den Tod, und in der ersten großen Not ihres Herzens schrien sie nach oben und unten, zu Regierung und Volk und zu jedem, der es hören wollte, mit einer Apage-Satanas-Gebärde: Wir sind nicht wie jene, nein, beileibe nicht. „Religion und Vaterlandsliebe legen uns in gleicher Weise die Pflicht auf, alle zu bitten, sich von den erwähnten zionistischen Bestrebungen und ganz besonders von dem trotz aller Abmahnungen noch immer geplanten Kongreß fernzuhalten." Sie machten also das Vaterland — denn die Religion war ja in diesem Falle nur Aufputz — mobil gegen den Zionismus, sie denunzierten die Zionisten als die schlechteren Staatsbürger. Die Denunziation hat man den Herren, obwohl sie deren erste ingeniöse Erfinder waren, verziehen, den Protest gegen den Kongreß aber hat man geschichtlich festhalten wollen, und deswegen erhielten sie von dieser Stunde an den Sammel- und Merknamen „Protestrabbiner". Der Zionismus wuchs und erstarkte trotz den Protestrabbinern, und die fingen schon an, sich ihres törichten Debüts auf der jüdischpolitischen Platform zu schämen, als eines Tages Prof. Ludwig Ueiger, — dem es im tiefsten Herzen leid tat um die Gelder, die Deutschland entzogen und der Palästinabank zugewendet wurden, und um die idealen jüdischen Kräfte, die „auf falsche Bahn gelenkt wurden", — den Satz formulierte: „Der Zionismus ist gefährlich und verderblich, weil er geeignet ist, gesetzgeberische Maßregeln gegen die Juden zu erwirken. Ich würde es für eine ganz konsequente Handlung der Regierung halten, den Zionisten die staatsbürgerlichen Rechte in Deutschland zu entziehen. Diese Entziehung halte ich für die einzige Antwort, die das deutsche Volksbewußtsein dem Zionismus geben kann und muß." Die deutsche Regierung und das deutsche Volksbewußtsein haben es verschmäht, Professor Geigers Rat zu befolgen. Aberganz ungehört ist sein Ruf doch nicht geblieben. Die assimilatorische „Jüdische Volksgruppe" in Rußland, oder wie man sie nennt, die Liga zur Bekämpfung des Zionismus, mit Herrn Winawer als geistigem und politischem Führer an der Spitze, hat sich für die Wahlkampagne kein besseres Kampfmittel ersinnen können, als die Mißgeburt Geigerscher und protestrabbinischer Ideengemeinschaft. Sie verbreitete in Erklärungen und Wahlproklamationen die Warnung, daß, falls Zionisten, d. h. „Ausländer", die nach Palästina strebten, in die Duma kämen, dadurch die Erteilung der bürgerlichen Gleichberechtigung an die Juden zweifelhaft werden würde. Ob diese klägliche Neuauflage des deutsch-jüdischen Produktes während des Wahlkampfes auf die russischen Juden verwirrend gewirkt hat, läßt sich so leicht nicht feststellen. Eins allerdings können wir mit großer Genugtuung konstatieren: daß die „Liga" mit ihrer halb-denunziatorischen, halb-demagogischen Parole: „Die Zionisten sind Ausländer, die Zionisten sind eine Gefahr für unsere Gleichberechtigung!" bei der jüdischen Presse und den jüdischen Parteien Rußlands — den „Bund" ausgenommen — den lebhaftesten Widerspruch und eine scharfe Zurückweisung erfahren hat. Jedenfalls, genutzt hat der „Volksgruppe" ihre Parole nicht, — die Masse war ja überhaupt durchaus gegen sie und ihre assimilatorischen Tendenzen, — aber wenn sie den Zionisten vielleicht dadurch da oder dort geschadet haben sollte, so wäre eine zionistische Einbuße, die um solchen Preis erkauft wurde, kein Triumph für die Gruppe. Aber die Gruppe hatte ja eigentlich mit ihrer bösen Formel einen ganz anderen Zweck im Auge: Sie wollte sich damit lieb Kind machen bei den russischen Parteien, vor allem bei den Kadetten, deren „Hausjudenschaft" sie gewissermaßen bildet. Sie schwärzte die Zionisten an, um gleichzeitig zu beweisen: Wir sind die besseren Patrioten, die wahrhaften russischen Staatsbürger, die kein anderes Ideal haben, als Vollrussen zu werden. Wenn man die Antworten liest, die die Volksgruppe indirekt von führenden Persönlichkeiten der russisch-freiheitlichen Parteien erhalten hat, (vgl. den nachfolgenden Artikel: „Zionismus und Staatsbürgertum") so muß man sagen, daß die Volksgruppe eine gründlichere Abfuhr nicht mehr erleben konnte. Alle ohne Ausnahme verneinen kategorisch die Behauptung, daß in den Augen einer freien Russen das Bekenntnis eines Juden zum Zionismus, des 1*

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