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Die Welt · 1907-02-15 · 7 (15.2.1907) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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12 [ELT No..7 6 ff □□□ o v FEUILLETON oo □□□□□□ I DER IDIOT Von P. HEILPERN Den ganzen Tag, vom Morgen bis in die Nacht, ging er im Hause hin und her und schlug die Handflächen gegeneinander. Wenn jemand ihn ansah, lachte er — und schüttelte erstaunt den Kopf. Kaum hatte je einer den Ton seiner Stimme vernommen. Stumm und apathisch torkelte er mit seinen Beinen über den Raum, von einem Winkel des Hauses zum anderen, und manchmal näherte er sich sachte der Mutter, blickte ihr treuherzig ins Auge, lächelte und sprach: — Mütterchen! Und die Mutter antwortete zumeist mechanisch: — Was, mein Trost? Hen — na — nan — kamen dann aus seiner Kehle abgerissene Laute, wie gegurgelt, hervor. Und es hatte den Anschein, daß er dann sehr zufrieden sei. Weshalb? Die Mutter zog ihn an sich und wiegte ihn auf ihrem Schöße: Lebe und freue dich! — Was fehlte ihm? Wirklich, nichts fehlte ihm, da er keinerlei Bedürfnisse hatte und keinerlei Sehnsucht empfand. Wenn seine Hausgenossen ihn manchmal auf einen Stuhl in eine Ecke setzten und ihm befahlen, „nicht wie ein Blitz vor den Augen hin und her zu fahren" und „sich ruhig zu verhalten", selbst dann empörte er sich nicht. Dann saß er stumm auf seinem Platze und blickte treuherzig auf die Gesichter der Sprechenden, ein leises Lächeln auf den Lippen, als erwarte er von vernünftigen, angenehmen und komischen Dingen zu „ hören. Wenn ihn in solchen Momenten jemand gesehen hätte, der eben hinzugekommen und nicht wußte, mit wem er es zu tun hatte, er würde geglaubt haben, daß der Junge da ihn mit seinem lieblichen Lächeln willkommen heißen wolle. Und aus dem Winkel rührte er sich erst dann, bis er allein in der Stube geblieben, nachdem alle Hausgenossen ihn verlassen hatten; und dann blickte er noch aufhorchend ringsum, ob auch wirklich niemand bei ihm geblieben. Und sobald kein Mensch mehr um ihn war, -erhob er sich langsam von seinem Stuhle, und ein heimliches Lächeln überdeckte seine Züge, als schickte er sich an, eine schlaue Tat zu vollbringen. Und dann schritt er in der Stube auf und ab, wie dies seine Gewohnheit stets war. Wenn aber doch noch jemand im Zimmer war, dann setzte er sich und sah drein wie ein Schuldbewußter. Der Anblick eines Menschen verwirrte ihn. In Gegenwart von Erwachsenen schlug er die Augen zu Boden und schielte nur verstohlen zur Decke. In Gegenwart junger Leute jedoch blickte er gerade, und wiewohl er mit ihnen nicht sprechen konnts, blieb er stets in ihrer Nähe, und seiner Kehle entrangen sich abgerissene Laute. Und nicht selten überkam ihn ein Gefühl der Rührung, er näherte sich einem Kinde, lächelte ganz breit und sagte: — Kinder! .... Und die Kinder schenkten ihm dann viel Aufmerksamkeit. . . Aber gerade da konnte er bei ihnen nicht bleiben. Stumm verließ er seinen Standort, schlug die Hände zusammen und eilte in die Stube, und nur die abgehackten Silben „Hen — ne — nan", die den Ausdruck seiner Freude und Zufriedenheit enthielten, waren die einzigen Mittler mit seiner Umgebung. . Tränenlos blickte er nur der Mutter ins Antlitz. Manchmal wollte er sie auch küssen. Doch die Mutter betrachtete dies lediglich als Gewohnheit, die nichts mit seinen Gefühlen zu tun hatte. Leidend sah man ihn eigentlich nie. Manchmal freute er sich mehr, manchmal weniger, aber immer war er vergnügt, da er das Leiden überhaupt nicht kannte. Weshalb freute er sich? Wenn ihn die Mutter an der Schulter faßte, fragte er nichts und dachte er sich nichts dabei. Er konnte überhaupt nicht denken; er konnte nur instinktmäßig jene Bilder erfassen, deren Konturen das ihn umgebende Leben in seiner Seele zeichnete. Alles erschien ihm schön und interessant. Auf alles antwortete er mit einem Lächeln auf den Lippen: auf die leuchtende Sonne, den furchtbaren Donner, die Hitze, die Regenströme, den Schnee, den Himmel, die Wolken und die Stürme. All das glitt an ihm vorbei, und er lächelte sanft. Auch wenn er einen Schmerz fühlte, unterbrach er sein Lachen nicht, denn der Schmerz war ihm nur ein besonders lustiges Ding, das ihm für Augenblicke ein Lächeln entlockte. Und so beantwortete er auch das kalte Benehmen seiner Mutter nur mit einem Lächeln auf den Lippen. Allgemein wußte man, daß er im Schmerze lache. Als Deborah zum erstenmal sein Elternhaus betrat, begegnete sie ihm zufällig und fragte ihn: ■— Ist hier ein Zimmer zu vermieten? Er lachte breit und wies mit den Augen nach dem Ausgang. Und seitdem hatte sie ihn keines Wortes gewürdigt, obgleich sie ihm in Zukunft täglich einigemal begegnete. Sofort hatte er ihrem Gesichte mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als es sonst seine Art war, andere Menschen zu betrachten, Denn ihr Äußeres war von der Weichheit und Güte eines Kindes, und schließlich bemächtigte sich seiner ein Gefühl der Rührung. Seitdem suchte er ihre Gegenwart bei allen nur erdenklichen Gelegenheiten. Wenn sie in ihrer Stube saß, ging er vor der Türe auf und ab. Dann hörte man bisweilen häufig abgerissene Laute — Hene — na — nan . . . Wenn sie nur die Schwelle ihrer Stube betrat und einen Blick hineinwarf, tauchte er schon in einem Winkel der Nachbarstube auf. Und sobald sie wiederum hinter der Mauer verschwunden, sofort eilte er nach der Türe der Stube. Ihr Zimmer betrat er nur, wemi sie nicht zu Hause war. Dann setzte er einen Fuß über ihre Schwelle, lachte breit und eilte geschwind hinein. Einige Minuten blieb er stehen, und sein lächelndes Gesicht schien wie das eines Menschen, der angstvoll im Zimmer sich umblickt, um eilends entfliehen zu können. Diese Art zu lächeln schien ihm sehr interessant und vergnüglich. Sein Gesicht nahm den Ausdruck ungezwungener Freude an. Dennoch unterbrach er zeitweise sein Lachen, trat an das Fenster und blickte nachdenklich und verständnisvoll hinaus. Vom Fenster kehrte er wieder zur Türe ihrer Stube zurück und begann von neuem seine frühere lachende Miene anzunehmen. Und sobald er vom Fenster Deborah kommen sah, gurgelte seine Stimme Entzücken, und er rief „Hene — na — nan" so voll-

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