Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 7 Satzungen nicht. , . . Aber eine neue Welk schlägt sich an unser Ufer, eine neue Weltstimmung bricht sich Bahn . . . Gottessucher wallen Wir werden, auch wir . . . — Das ist, was ich vom Judentum erwarte — und das ist, worauf ich noch nirgends eine Antwort gefunden habe. Von 11 dieser Antwort hängt vielleicht die Zukunft des geistigen Judentums ab. — Ich schreibe diese Zeilen nicht als Polemik, sondern als Anregung. Wer für Wellenschläge ein Gehör hat — der höre.- A. CORALNIK DIE-l^ELT BERTHOLD AUERBACH (Ein Gedenkblatt) Erst fünfundzwanzig Jahre tot — und schon ein Halbvergessener. Und wiederum, wie in dem Fall Heine, müssen deutsche Schriftsteller das deutsche Volk an einen Dichter erinnern, der ihm so viele schöne Werke geschenkt hat, müssen um einen, wenn auch bescheidenen Gedenkstein betteln. Freilich, Auerbach war kein Heine der Prosa. Heine war ein Dichter für alle Zeiten, Auerbach für einen bestimmten Zeitausschnitt. Heine — eine Sonne, Auerbach — ein Stern neben anderen, gleich großen, und dennoch hat man ihn unverdientermaßen vergessen. . . . Dem Toten ist es gleichgiltig. Aber wie schmerzlich mußte es dem Lebenden sein, seinen Gipfel überschritten zu haben, sich hinabgleiten zu fühlen. Und noch schlimmer als das. Auerbach erlebte nicht nur den Niedergang seiner Person, sondern den Zusammenbruch seines Lebensinhalts. Ich erinnere mich an eine Szene, die Albert Träger einmal erzählte. Es war kurz vor dem Tode Auerbachs. Da traf ihn einst Träger auf einem Spaziergang im Tiergarten. Es war Herbst. Alles ringsumher Wehmutstimmung. Und inmitten dieser Wehmut wandelte gesenkten Hauptes, stark gealtert, müde und traurig der einsame Dichter, der dem deutschen Volke die „Schwarzwälder Dorfgeschichten" gegeben hat. Es war gerade der Ausbruch des wilden Antisemitismus in Europa. Rußland — wüste Judenhetzen, Deutschland — die Stöckenade. Alle Ideale der Humanität, der Allmenschheit, die der spinozatrunkene Dichter und Denker hegte, waren durch die rauhe Wirklichkeit umgestoßen, in den Schmutz: gezerrt worden. Sein Leben hatte er der deutschen Dichtung gewidmet, er wähnte, mit dem deutschen Volke eins zusein, eins mit seinen Freuden, eins mit seiner Zukunft. Er träumte den Traum so vieler Juden, die die messianischen, chiliastischen Ideale ihres eigenen Volkes auf das Deutschtum übertrugen, das deutsche Volk idealisierten, vor ihm in inbrünstiger Verehrung niederknieten und, wie einst die alten jüdischen Priester taten, ihre segnenden Hände auf das Haupt Michels legten, auf ihn alle Sehnsucht des altersgrauen Volkes, alles glutvolle Verlangen nach dem „dritten Reich" übertrugen. Im neuen Deutschen Reich hofften sie das dritte Reich zu sehen. Sie wollten die jüdische Seele mit dem deutschen Gedanken vermählen, und in ihrer Liebe zum Deutschtum lag die tief mystische Liebe zum Worte, das Tat ward, zum Logos... „0 Germania!" schluchzte Heine, „o Germania!" rief mit mächtiger, oft kreischender Stimme Börne, — „o Germania!" — seufzte träumerisch vor sich hin Auerbach. Und er ging aus dem Judentum hinaus ins Deutschtum. Von Spinoza, vom „Dichter und Kaufmann", vom Juden der Aufklärung kehrte er sich ab? um zur Natur zu steigen, zu den Bauern auf den Bergen, zum Dirndl im Tal. Er, der Jude, der in seiner Kindheit die surrenden, altersehrwürdigen Talmudtöne schlürfte, er, der Aufklärer, der Humanitarier im Grunde seiner Seele, stieg hinab in die Seele eines Volkes, das ihm ursprünglich fremd war, und das mit ihm nur durch das Band der Sprache verbunden war. Und wie verstand er sich diese Seelen zu malen! Er hat nicht den sonnigen, strahlenden Humor eines Rosegger, die düstere, doch urwüchsige, gewaltige Phantasie eines Anzengruber, aber die milde Freude an den Gestalten, die er schuf. Milde — gerade weil sie ihm fremd waren, weil er sie von „der Höhe" betrachtete. Und nachdem er Hoch und Niedrig in Deutschland kennen und lieben gelernt, da er sich auf heimatlichem Boden wohl zu fühlen begann, da kam der harte Schlag. Der deutsche Michel wollte von der Hochzeit mit der jüdischen, chiliastischen Phantasie nichts wissen. Und er wies mit derber Faust die ihm unliebsame Braut ab. Im Abend des Lebens und des Schaffens stand Auerbach und mit ihm noch manch' anderer jüdischer Dichter und Denker, Und als er das Fazit seines Lebens ziehen zu können glaubte, machte ihm sein Deutschland einen dicken Strich durch die ganze Rechnung. „Raus mit den Juden!" klang es unerwartet aus dem deutschen Boden heraus. Und in die dunklen Tiefen des Schwarzwaldes verlor sich der wilde Ruf, und den Rhein glitt er entlang, von Ost nach West. Und es brach das Herz dieser treuen Männer, die es so ernst meinten, deren Träume so selbstlos, so weltumfassend waren. Was dachte der arme alte Auerbach, als er im Herbst seines Lebens die Sturmflut hereinbrechen sah? Er gedachte wohl der biblischen Worte: „Fremde Gärten habe ich gehütet, meinen habe ich nicht gehütet" ... Es war schon zu spät für diese Verfechter einer verspielten Sache, für diese verlorenen Posten der Humanität, in neue Bahnen einzulenken. Es kam eine neue Zeit, die sie nicht verstanden, die sie nicht verstand. Die Allgemeinheiten wurden Besonderheiten, die Träume graue Wirklichkeiten. Und Wirklichkeiten gegenüber hielten die vom Realen abgekehrten Männer nicht stand. Sie wurden geknickt. Der arme Auerbach! Mit welchem bitteren Gefühl der Wehmut hat er seine letzten Tage verlebt, wie mußte ihm sein ganzes Leben, sein ganzes Schaffen unnütz, überflüssig, wertlos erscheinen! Die Flut der Verzweiflung kam über ihn. Er konnte keine neuen Horizonte sehen. Seine alte Welt war zerstört — und er sah nur die Trümmer, die rauchenden Ruinen. . . . Und diese Stimmung vererbte sich auf die meisten deutschen Dichtern jüdischer Abstammung. Sie haben nicht mehr den Mut, so deutsch zu sein, wie es Auerbach war, sein wollte. Sie können es nicht, wenn sie es auch wollten. Viele, ja sehr viele deutschjüdischen Dichter werden Wortkünstier, Formanbeter, weil in ihnen der Riß besteht, der zwischen ihrer Seele und ihrem Milieu, ihrer Sprache besteht. Dieser Riß hat Berthold Auerbach tödlich verletzt. Und nun wird beim deutschen Volk um einen Gedenkstein für ihn gebettelt. Das deutsche Volk hat ihm kein Gedächtnis bewahrt. Eine andere Zeit — andere Töne. Und solite ein Gedenkstein ihm errichtet werden, dann müßte er so dargestellt werden, wie er nach der Zerstörung seines Lebenstraumes war. . . Ein einsamer, gebückter, gramgebeugter Mann, im Spätherbst einherwandelnd, um ihn die nassen, schweren, vergilbten, fallenden Blätter. . . Und darunter die Worte: Umsonst gelebt, umsonst gestrebt. . . Dann wäre Auerbach ein Symbol der Sehnsucht der jüdischen Seele, die sich noch nicht gefunden hat. P. ALMOGY