Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Noch vieles ist zu sagen; doch jetzt hat das neue Judentum das Wort." . . . Hier sollte man ansetzen. — Bin Buch, dessen Zweck es ist, „Zusammenhänge zu erkennen", „auf einer Metaphysik der Vergangenheit eine Philosophie der Zukunft aufzubauen", konnte nicht zum Schlüsse in ein Programm ausarten; es mußte den Leser selbst bitten, die Konsequenzen zu ziehen weiter zu bauen. Und die Grundlage ist im Buche deutlich genug gegeben. (S. 95.) „Der neue Jude muß auf einem einheitlich verkörperten Judentum beruhen. . . . Die Judenschaft ist schon Jahrtausende hindurch eine organische Einheit: das muß wieder zum äußeren Ausdruck gelangen. . . . Das Judentum muß wieder zu einer kulturell-nationalen Einheit werden, wie es schon längst eine kulturell-historische Einheit ist. Es muß als ausgeprägt ebenbürtiges Element in die Reihe der Völker treten. Es muß sich ein nationales Leben wieder schaffen, die Organe seiner neuen Einheit formen. . . ." iS. 109) „Was wir wieder haben können? Der einzelne kann hier keine Antwort geben .... Der Rat der neuen Juden soll sprechen. . . . Der einzelne kann nur einen Vorschlag wagen.... Er kann sich ein Judentum ersehnen, das sich selbst lebt, das für die Anerkennung seiner Ebenbürtigkeit kämpft, das sich selbst sein Leben ordnet. Er kann hoffen und verlangen, daß sich die Juden jedes Landes vereinigen und sich eine würdige Vertretung schaffen; daß die Juden aller Länder ihrem Zusammenschluß Ausdruck geben und Form verleihen" . . . Weiteres Zitieren bleibe mir erspart. — Jeder neue Tag bringt uns Kunde von neuen Regungen des national-jüdischen Geistes, auf die zionistischen Präludien der letzten Jahre folgen schon vereinzelte alljüdische Töne, Vorläufer des Kommenden. Russische Juden erheben den Ruf nach einer jüdischen Konstituante, die junge Judenschaft Österreichs wächst über das Assimilantentum hinaus, das reiche Judentum Englands bietet der jüdischen Emigration seine helfende Hand an. Ist da die Losung nach einer Konzentration der nationalen Kräfte wirklich verfrüht, oder erscheint die Organisation des jüdischen Volkes in der Diaspora aussichtslos? Ist die Übernahme der Lösung der vielen jüdischen Fragen der Gegenwart, Emigration und Kolonisation mit eingerechnet, durch gewählte Vertreter eines selbstbewußten Volkswillens - nur eine Chimäre? Wem das neue Judentum eine Notwendigkeit ist, dem erscheinen diese Fragen als Ausfluß zagender Gesinnung und mangelnden Entschlusses; sie sind durch Taten zu beantworten und zum Teil schon beantwortet. Jedoch die Form? Die staatsrechtliche Stellung eines autonomen, seine eigenen Ziele verfolgenden Judentums? — Das muß die Zukunft zeigen, muß eine alljüdische konstituierende Versammlung bestimmen. Cfi MÜNTZ Ich finde mich eigentlich nicht veranlaßt, auf die Zuschrift des Herrn Müntz, die gegen meine Besprechung seines Buches: „Wir Juden" gerichtet ist, zu erwidern. Erstens nach dem Grundsatz: de eadem re bis non judicatur, zweitens aber weil ich die Einwände des Herrn Müntz für richtig finde. Von seinem Standpunkte nämlich. Nicht von meinem, oder vielmehr von dem seinigen, wie ich verstehen wollte. Und ich schicke voraus: für mich ist immer die Frage das Wichtigste, die Antwort das Nebensächliche. Hätte ich das Buch des Herrn Müntz gleich als eine einfache Apologie der jüdisch-nationalen Bewegung erkannt, — ich müßte es mit Achtung, aber auch mit Stillschweigen beiseite legen. Denn schließlich — wenn wir in allen Fragen einig sind, wozu dann darüber Worte machen? Was mich aber am Buche interessierte, war nicht die Lösung, die es bietet. Wir kennen sie ja, wir kennen alle Formeln, in die sie eingekleidet werden kann. Unerwartetes ist auf diesem Gebiete nichts zu erhoffen. Aber der Weg zur — Lösung, die Art der Fragestellung, die kann neu, eigenartig originell sein. Ich habe, offen gestanden, manchen Ideengang des Autors nicht verstanden, der Verquickung verschiedener Standpunkte — Nietzsche und Chamberlain und Prophetismus und Nationalismus usw. — mit Kopfschütteln zugesehen. Aber ich wollte gar nicht das Buch selbst kritisieren. Für mich hatte es nicht als Individualerscheinung einen gewissen Wert — ich hätte darüber als solches kaum gesprochen, — sondern als „symptomatische" Erscheinung, was ich ja auch in meiner Besprechung zum Ausdruck brachte. Das Symptomatische liegt meines Erachtens in folgendem: Das Judentum ist überreif geworden. Die Form entspricht nicht mehr dem Inhalt. Fragen wir uns jetzt offen, was vom Judentum zurückgeblieben sei, d. h. was als Kulturelenient der Zukunft bleiben könne, dann werden wir wohl um die Antwort verlegen sein. Ich rede nicht von der jüdischen Orthodoxie. Sie hat zwar auch keine eigene Weltanschauung, die, im Judentum fußend, auf alle Fragen unsrer Zeit Antwort geben könnte, sie hat dafür feste Satzungen, einen festen Bestand von Formeln und Traditionen. Ob sie damit ihr Leben ausfüllen, darin ihre Persönlichkeit ausleben lassen kann, wollen wir nicht untersuchen. Gezeigt hat sie es bisher nicht. Wir haben keinen Versuch der Harmonisierung des orthodoxen Judentums mit der modernen Weltanschauung gesehen. Und das ist ein Zeichen der Verknöcherung. Ais das Judentum innerlich stark war, — da fühlten sich seine Denker bemüßigt, sich mit der Weit und mit sich selbst auseinander zu setzen. Ich nenne bloß Jehuda Halevi und Maimonides. Wo ein reges Leben, dort regt sich der Gedanke. Im orthodoxen Judentum ist der philosophische Gedanke still geworden. ... Wenn die Altgläubigen immerhin ihre Form haben, was haben die Neuen, die Modernen unter den Juden übernommen? Welches Erbe ist ihnen zugefallen? Mit dem alten Glauben, mit der alten Weltanschauung haben sie einen großen Teil des Inhaltes der jüdischen Kultur aufgegeben. Was bleibt ihnen, außer der jüdischen Denkart, die gleichfalls unter dem Einflüsse Europas steht, und höchstens dem jüdischen Jargon? Ich nehme die nationalgesinnten Juden nicht aus. Im Gegenteil — bei ihnen wird der Mangel an positiv-jüdischem Gehalt zur Tragik. Jüdische Kultur! Gut, aber was söll sie sein; wie soll sie geartet sein? Man spricht von „jüdischer Weltanschauung"? Aber gibt es wirklich eine solche. Ein Volk muß eine ihm adäquate geistige Atmosphäre haben. Welche ist die des jüdischen? Oder, mit anderen Worten, wir wollen eine neue Form schaffen, welchen neuen Inhalt können wir hineinlegen? Diese Frage habe ich in meiner Besprechung des Buches „Wir Juden" gestellt, die jedoch Herr Müntz offenbar überhört oder nicht verstanden hat. Nationale Autonomie, Zentralisation, Kolonisation, alles recht schön. Das sind die neuen Formen. Aber was steckt drin? Wird, kann ein neues Judentum erstehen, und wenn ja, welche Umrisse hat es? Wir sehen sie nicht. Es ist still geworden im Judentum. Keine Stürme, keine tiefen Kämpfe. Die Kämpfe zwischen Nationalisten und Assimilanten haben keinen Kulturwert, wie z. B. seinerzeit der Kampf zwischen den Sabbatianern und Rationalisten, zwischen den Frankisten und Rabbinisten, der Chassidim und den Misrahdim. Damals kämpfte man um Kulturinhalte, heute um politische Bedeutung. Und es ist kein Wunder, daß die Entwicklung des Judentums gehemmt ist. Ich habe es an einer anderen Stelle („Das Jüd. Volk" 1906, Nr. 30) gesagt, und es sei mir gestattet, mich selbst zu zitieren: „Wir haben zu früh aufgehört, Gottessucher zu sein. Wir haben Gott gefunden, bevor wir mit andern Kulturen in Berührung kamen. Während andere Völker Sekten bildeten, Religionskriege führten, Metaphysik machten . . . haben wir praktische Vorschriften ausgearbeitet. Von Metaphysik zur höheren Weltanschauung führt eine Brücke, von den praktischen