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Die Welt · 1907-02-15 · 7 (15.2.1907) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Zunächst, daß es eine Utopie ist, anzunehmen, daß der Antisemitismus in Deutschland so bald verschwinden werde. Noch soviele Vorträge und noch soviele Beleidigungsprozesse werden nicht verhindern, daß es im deutschen Volke — wie in jedem modernen — immer eine Menge Leute gibt, die darauf schwören werden, daß das Malheur einzig und allein von den „Fremden"] von den reichen „Juden" herkommt. Und es wird lediglich von' der politischen Konstellation abhängen, ob dieses Bewußtsein, das allerdings mit gesundem Nationalbewußtsein nur den äußeren Mantel gemeinsam hat, stärker anschwellen und sich in Taten umsetzen wird. Und da die heutige Staatenpolitik immer mehr darauf hindrängt, eine Völkerpolitik, eine „nationale" Politik zu werden, so ist nicht zu erwarten, daß in absehbarer Zeit diese deutschnationale Strömung, die gegen die Juden gerichtet ist, abflauen wird. Anderseits kann man nicht hoffen, daß irgend eine deutsche Partei es wagen wird, sich intensiv der Interessen der deutschen Judenheit anzunehmen. Wenn man den liberalen Parteien einen Vorwurf machen kann, daß sie es vermeiden, jüdische Vertreter in den Reichstag zu bringen, so muß man anderseits zugeben, daß eine jüdische Kandidatur für irgend eine Partei, mit Ausnahme der sozialdemokratischen, äußerst heikel und gefährlich ist. Die Partei muß riskieren, daß die Wähler an dem Judentum des Kandidaten Anstoß nehmen und einfach nicht mittun. Und auch bei den Sozialdemokraten scheint sich die Auffassung durchzuringen, daß es im Interesse der Partei liege, die Zahl ihrer jüdischen Reichstagsabgeordneten zu verringern. Es kann aber gar keinem Zweifel unterliegen, daß das Wohl und Wehe der deutschen Juden mit gebieterischer Notwendigkeit verlangt, daß bürgerliche jüdische Abgeordnete im Reichstage sitzen. Die liberalen Parteien haben eben erst bewiesen, daß sie gar zu gerne bereit sind, den Grundsatz des „gleichen Rechts für alle" dem nackten Parteiinteresse zu opfern, und wir müssen uns darauf gefaßt machen, daß die liberalen Parteien um regierungsfähig zu werden, in dieser Beziehung noch zu weit größeren Zugeständnissen bereit sind. Und wenn wir uns schon mit den wenigen jüdischen Idealen begnügen wollen, die die Vertreter der deutschen Judenheit heute hegen, so wissen wir doch, daß auch diese ohne parlamentarischen Einfluß nie zu erreichen sind. Den permanenten und offenen Rechtsverletzungen, denen die Juden in Deutschland fortwährend ausgesetzt sind, kann nur dadurch ein Ziel gesetzt werden, daß die verantwortlichen Personen gezwungen werden, Auge in Auge Rede und Antwort zu stehen. Und sie dazu zu zwingen, liegt nicht in der Aufgabe und nicht im Interesse der Liberalen, die urn soviel an politischer Bedeutung nach oben und unten hin verlieren, als sie Grund zu dem Vorwurfe der „Judenschutztruppe" geben. In den meisten anderen Ländern ist es auch längst erkannt, daß jüdische Abgeordnete nötig sind, um das Interesse des Judentums wahrzunehmen. Es gibt gar keinen großen oder auch kleinen Kulturstaat mehr mit nennenswerter jüdischer Bevölkerung, dessen Parlament nicht jüdische Abgeordnete aufzuweisen hätte. Wie aber läßt sich eine jüdische Vertretung in Deutschland erreichen? Da ist zunächst festzustellen: Wenn die liberalen Parteien prinzipiell es verweigern, jüdische Kandidaten wählen zu lassen, so haben die deutschen Juden gar kein Interesse mehr daran, für diese Parteien einzutreten. Die antijüdische Verwaltungspolitik wird mit und ohne die Freisinnigen und meistens mit den Nationalliberalen gemacht. Hie und da fällt einmal von dieser Seite ein Wort des Widerspruchs, aber weder zu laut noch zu oft. Wenn also für die Interessen des Judentums doch keine Partei eintritt, haben die Juden es nicht nötig, ihr Geld und ihre Intelligenz für diese Herren herzugeben, die beides doch gar zu gern benutzen, um, — wie das die letzten Wahlen gezeigt haben — schließlich noch Todfeinde des Judentums zu unterstützen. Was sollen die Juden sich um eine Politik bekümmern, auf die man ihnen unter allen Umständen Ingerenz und Einfluß verweigert? Das wäre der eine Weg: Zunächst, bis es besser wird, Boykott der deutschen Politik — der Weg, den in diesem Blatte Herr Dr. Karl Cassel mit ausgezeichneten Argumenten begründet hat. Wir haben keine Ursache, unsere Kräfte aufzudrängen, wo man uns nachher unter allen Umständen hinauswirft. Man glaube nicht, daß eine solche Politik so gefährlich sei. Was kann schließlich geschehen? Viel mehr Unrecht, als heute den Juden schon zugefügt wird, kann ihnen auch in Preußen-Deutschland nicht angetan werden. Für eine russische oder rumänische Judenpolitik in Deutschland sind die Zeiten doch endgiltig vorbei. Und wenn das nicht der Fall sein sollte, nun, weder Freisinn noch Nationalliberalismus werden es verhindern. Die sind zu schwach, und auch zum Judenschutzdienst nicht geneigt. Also es geht auch ohne uns. Die freisinnigen, die liberalen Parteien würden erst die Bedeutung der jüdischen Hilfe schätzen lernen, wenn sie einmal nicht a tempo erscheint. Die Freisinnigen insbesondere würden erkennen, daß sie machtlos sind, wenn die Juden ihre Unterstützung verweigerten. Man kann sagen, ihre Plätze würden dann der Reaktion zufallen und mit antijüdischen Vertretern besetzt werden. Das dürfte zunächst tatsächlich nicht richtig sein. Denn voraussichtlich würden die Sozialdemokraten die glücklichen Erben sein, und deren Stellung gegenüber den Juden ist immerhin zuverlässiger als die der Liberalen. Aber selbst soweit würde es dann nicht kommen. Die Freisinnigen, die Liberalen würden bald genug einlenken. Sie sind angewiesen auf die Juden, und sie würden es fürder nicht mehr wagen können, sie als quantite negligeable zu behandeln. Sie wären gezwungen, mit den deutschen Juden zu praktieren, mit ihnen zu verhandeln, und ihnen das zuzustehen, was sie verlangten. Sie müßten jüdische Abgeordnete bewilligen. Man muß die jüdischen Abgeordneten, und wenn es auch noch so wenige sind, mit Gewalt durchsetzen. „Wenn man mir mein Recht verweigert, nehme ich es mir"; nehmen wir uns das Recht der jüdischer Vertreter, die für uns eine Notwendigkeit sind. Nebenher geht noch ein anderer Weg: der des Paktierens mit anderen Parteien. Das heute ausführlich zu erörtern würde zu weit führen. Es sei nur auf ihn hingewiesen, weil er auch zum gleichen Effekt führen würde. Laniprecht hat vor einiger Zeit gezeigt, daß das Merkmal des gegenwärtigen innerpolitischen Lebens die Politisierung des Bürgerstandes sei. Der Bürgerstand drängt mehr und mehr in die Politik und drückt ihr seinen Stempel auf. Und der bekannte Gelehrte hat es als die Aufgabe der nächsten Zeit hingestellt, der Politisierung des Arbeiters Vorschub zu leisten, dem Arbeiter aktiven Anteil an der Politik zu gewähren, ihn zur Politik zu erziehen, damit er es allmählich lerne, sein Geschick sich selbst zu schmieden und es mit dem allgemeinen Interesse des Staates zu vereinigen. Nun, dasselbe gilt in noch höherem Maße vom deutschen Juden. Er trete endlich aus seiner Reserve hervor, er politisiere sich, er sorge mit Nachdruck dafür, daß das deutsche Judentum sich politisch betätige. Nur wer Anteil an der Regierung hat, kann erwarten, daß ihm Recht geschieht. Es liegt an den deutschen Juden, durch energisches, selbständiges politisches Auftreten zu bewirken, daß sie nicht für alle Zeiten von der Regierungsgewalt ausgeschlossen, dazu verurteilt sein werden, von der Gnade der Nichtjuden zu leben. Die deutschen Nationaljuden, besonders aber die Zionisten, sollten dem Moment ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Es handelt sich ja nicht um zionistische, sondern um deutschjüdische Politik. Und die radikal-jüdischen Elemente sollten es versuchen, in dieser Frage die Führung der deutschen Juden zu übernehmen. Die „Offiziösen" werden vielleicht trotz der bitteren Wahllehren noch immer nicht den Kurs ändern und zunächst wieder versuchen, nach alten Rezepten neue Suppen zu brauen. Auf die Dauer werden sie damit nicht auskommen. Und wenn erst einmal neue Gewalten sich an der Arbeit zeigen werden, wird die Masse der deutschen Juden verlangen, was ihre Führer ihr geflissentlich vorenthalten haben, Klarheit\iber ihre Lage und energische politische Interessenvertretung. JULIUS BÄR. „WIR JUDEN Zuschrift an die Redaktion Die „Welt" hat mein vor kurzem erschienenes Buch") der Ehre einer Besprechung gewürdigt (Nr. 2 d. J.). Der Referent (Herr A. Coralnik) gab sich die Mühe, dem Gedankengange des „seltsamen" Werkes gerecht zu werden; und doch häuft er Fragen auf *) „Wir Juden". Fragen, die schon im Buche selbst ihre Erledigung finden. Eine dieser Fragen, die wichtigste, sei hier beantwortet. — Das neue Judentum? Wie soll es gestaltet sein? . . . Die Frage ist gestellt und wird immer quälender. . . . Und das Buch schließt, wo es anfangen sollte:

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