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Die Welt · 1907-02-15 · 7 (15.2.1907) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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8 DIEÄELT No.'/7 Hand in Hand sich bemühten, die antisemitische Fraktion des neuen Reichstages möglichst stark zu machen. Unter solchen Umständen erscheint es für die deutschen Juden als ein Gebot der Selbsterhaltung, die Bilanz zu ziehen und zu erforschen, woher diese neue, antisemitische Hochflut kommen konnte, zu erforschen, was dieser Gefahr gegenüber zu tun ist und was zu geschehen hat, damit ein weiteres An-die-Wand-Drängen der deutschen Juden -in Zukunft vermieden werde. Denn daß eine Gefahr da ist und daß die Gefahr nicht gering ist, daran vermag heute selbst der begeistertste Apostel der Fortschritts- und Aufklärungstheorie nicht mehr zu zweifeln. Und daß etwas für die Zukunft geschehen muß, darüber sollten sich zum wenigsten alle die klar sein, die es noch nicht verlernt haben, ihren Stolz und die Zukunft ihrer Stammesgenossen niederbeugen zu lassen, weil eine veraltete und schlechte Parteiparole es so haben will, eine Parole, die eben in diesen Wahlen einen unerhörten Bankrott erlebt hat. Was zunächst in die Augen fällt und zu einem der auffallendsten Ergebnisse dieser Wahl gehört, ist der starke Stimmenzuwachs der antisemitischen Parteien. 119 000 Stimmen haben die verschiedenen Schattierungen des unversteckten Antisemitismus in der Hauptwahl diesmal mehr auf sich vereinigt als im Jahre 1903, d. h. es sind in der Hauptwahl ungefähr ebenso viele antisemitische Stimmen abgegeben worden, als Juden in Deutschland wohnen. Und das bei der Hauptwahl, wo die antisemitischen Kandidaturen noch allen anderen gegenüberstanden, wo sich noch nicht, wie bei der Stichwahl, auf sie die Stimmen solcher Parteien vereinigten, die in der Hauptwahl gegen sie gestimmt hatten. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein solches Ergebnis der Mehrheit der Juden Deutschlands überaus überraschend kommen mußte. Denn man kann eigentlich nicht sagen, daß wir uns zurzeit in einer stark antisemitischen Epoche befänden. Die Radauantisemiten haben eben erst gründlich abgewirtschaftet, die antisemitischen Zeitungen kranken an einer immer bedenklicher werdenden Geldnot und von einer allzuwüsten und allzusehr in die Augen fallenden Agitation hat man eigentlich nicht viel bemerken können. Und es ist daher sehr wohl begreiflich, wenn die „Offiziösen" der deutschen Judenheit noch vor kurzem erklären konnten, daß der Antisemitismus in Deutschland immer mehr an Boden verliere, daß er im Aussterben begriffen sei und was dergleichen fromme Wünsche mehr waren. Nun wird man allerdings nicht sagen können, daß die Herren eben in einem schönen Traume befangen gewesen wären und daß das deutsche Volk offenbar antisemitisch durchseucht bis auf die Knochen sei. Man kann ruhig annehmen, daß die große Mehrheit des deutschen Volkes nach wie vor Wichtigeres zu tun hat, als sich um die Judenfrage zu kümmern und gerne bereit ist, die Juden in Ruhe zu lassen, solange sie nicht glaubt, daß sie ihr etwas antun wollen. Aber dieses glaubt der Durchschnittsdeutsche nun gar zu gern. Das Schlagwort dieser Wahlkampagne war der Ruf: „Nationale Politik". Und da erleben wir, was wir vor einiger Zeit in Frankreich, sahen, was wir heute wieder in Rußland und Ungarn erleben, daß jedes Anschwellen des nationalen Gefühls sich überall unweigerlich zunächst in Hetzen gegen die Juden äußert. Sowie man dem Volke klar gemacht hat, daß seine nationalen Güter in Gefahr seien, regt sich sein latentes Rassegefühl und treibt es dazu, seinen Unwillen zunächst und zumeist an den „Fremden", an den Juden auszulassen, selbst wenn diese es gar nicht sind, die die nationale Politik bedrohen. Und so konnte dieser Treppenwitz der Weltgeschichte entstehen, daß die deutschen Katholiken die nationalen Forderungen der Regierung ablehnten und daß die deutschen Juden, die wahrhaftig so national sind und waren, wie es der größte Chauvinist nicht besser verlangen kann, dafür gestraft werden. Das ist der eine Grund des Wahlerfolges der Antisemiten. Der andere liegt in dem gänzlichen Mangel einer politischen Zusammenfassung der deutschen Juden. Seitdem die Zionisten auf den Plan gekommen sind, ist oft und viel in Deutschland darüber gestritten worden, welche Art der Gemeinschaft die Juden darstellen. Die „Alten" sagten: eine Religionsgemeinschaft, die Zionisten sagten: eine nationale Gemeinschaft, andere sprachen von einer „Verfolgungsgemeinschaft", und so weiter ad infinitum. Das waren Streitfragen. Das Traurige aber ist, daß die deutschen Juden de facto sich des Gemeinschaftsprinzips so wenig bewußt sind, daß man das Gemeinsame nur mehr in gesellschaftlicher Beziehung wahrnehmen kann. Sie sind ungemein differenziert in ihren religiösen Ansichten, — wie viele Schattierungen der deutsch-jüdischen Religion vom starren Orthodoxisrnus bis zur Sonntagsreform und der absoluten Religionslosigkeit es gibt, ist gar nicht abzuschätzen, — sie sind selbstverständlich differenziert in ihrer sozialen Stellung und ihren ökonomischen Bedürfnissen, sind es in ihrer politischen Stellungnahme und Betätigung. Gewiß haben die deutschen Juden ihre Vereinigungen und Korporationen. Der Verband der Logen, die verschiedenen Eerufstfereine, — Rabbiner-, Kantoren verbände etc., — haben ihre>Mh> glieder und Einfluß in allen Teilen des deutschen Judentums. Aber diese Vereinigungen verfolgen entweder nur wissenschaftlich-jüdische,, fjder philanthropisch-jüdische, oder gesellschaftliche Zwecke, jedenfalls Zwecke, die über engere Interessen des Judentums nicht hinausreichen. Eine Ausnahme — von den Zionisten sehen wir hier natürlich ganz ab — macht der „Zentralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der es sich ausdrücklich zur Aufgabe gemacht hat, die Interessen der deutschen Juden nach außen hin wahrzunehmen, abgesehen von der „inneren Kolonisation", die auch eine der Hauptaufgaben dieses Verbandes darstellt. Aber die Leiter dieses Verbandes sind sich auch nur einig in bezug auf das Verhalten gegenüber Angriffen, die gegen das Judentum gerichtet werden. Die werden entweder erledigt, indem man zum Kadi läuft und der Welt zu einer der allmählich etwas langweilig gewordenen Gerichtskomödien verhilft, oder durch wissenschaftliche Streitschriften, Vorträge etc., die aber nur sehr selten von nichtjüdischer Seite beachtet werden, und wenn, so doch nicht von den Stellen, auf die sie wirken müßten, wrenn sie Erfolg haben sollten; d. h. also von den Regierungsbehörden oder den „weiten Kreisen", d. i. der Masse, die antisemitisch wählt. Ein geschlossenes, und daher imposantes Auftreten der deutschen Juden als einer Masse, wird aber auch durch den Zentralverein nicht erreicht, und es zu erreichen wird ihm auch nicht möglich sein. Denn es fehlt dem deutschen Judentum sowohl an gemeinsamen jüdischen Idealen, wie an einer gemeinsamen politischen Auffassung. Jüdische Ideale — vom Religiösen abgesehen — sind ihm großenteils ganz und gar fremd, und das wird weder bestritten, noch bedauert. Die Assimilation will keine jüdische Ideale, es sei denn, daß das Streben zur Erlangung der Qualifikation als Reserve- oder wenigstens als Unteroffizier dienen zu können, als solches aufgefaßt würde. Und was die politischen Ideale anbelangt, so sind die deutschen Juden weder einig noch selbständig. Der größere Teil wählt unentwegt freisinnig, der andere sozialdemokratisch, der dritte gehört der Partei der „Nichtwähler" an und der Rest wählt je nach Bedürfnis, wie es trifft, d. h. evtl. auch antisemitischer WL-rwar, Tohuwabohu überall. Der „Zentralverein" und die Mehrzahl der deutschen Juden sind allerdings der stillschweigenden Meinung, daß das Interesse des deutschen Judentums in dem Anschlüsse an die freisinnigen Parteien oder wenigstens an die liberalen Parteien liege. Historische Gründe, die eine solche Parole rechtfertigten, gibt es ja schließlich genug. Die Führer, die Gründer der liberalen Parteien, vom äußersten Freisinn bis zum Nationalliberalismus waren Juden. Aber es ist den deutschen Juden mit ihrer Politik so gegangen, wie es ihnen mit ihrer Assimilation gegangen ist: sie haben sich nicht wert gemacht. Sie waren unter allen Umständen liberal, freisinnig, es konnte kommen, wie es wollte. Kein Wunder, daß man glaubte, auf sie keine Rücksicht nehmen zu müssen. Und obgleich die Parteikasse der freisinnigen Parteien und teilweise auch der nationalliberalen Partei zum allergrößten Teile aus jüdischen Geldtaschen gefüllt wird, findet es weder die freisinnige noch irgend eine andere liberale Partei für erforderlich, jüdische Kandidaturen aufzustellen, resp. in solchen Wahlkreisen aufzustellen, wo Aussicht vorhanden ist, daß ein Jude gewählt wird. Und wenn es irgend eine politische Konstellation erfordert, so treten nicht nur die liberalen, sondern auch die freisinnigen Parteien ohne Bedenken und mit aller Energie für den ultrareaktionärsten Antisemiten ein, und verlangen unter Umständen noch, daß auch die jüdischen freisinnigen Wähler einer solchen Parole folgen. Und so ist es denn jetzt zu dem Debacle bei den Wahlen gekommen, zu dem es einmal kommen mußte. Die Freisinnigen und Liberalen haben in elf Wahlkreisen den Antisemiten zum Siege gegen einen Nichtantisemiten verholfen, das Judentum selbst hat keinen bürgerlichen Vertreter und ist angewiesen auf die Gnade eines Reichstages, der reaktionär bis auf die Knochen ist. Und die einzige Partei, die eventuell als für die Toleranz ausschlaggebend in Betracht kommen könnte, das Zentrum, von dessen Willen allein es* abhängt, ob ein reaktionäres Gesetz durchgehen wird oder nicht, das Zentrum hat alle Ursache mit den Juden unzufrieden zu sein. Mit Eifer haben sich die Juden in den Kulturkampf gestürzt, der von der liberalen Seite inauguriert wurde, weil es dem deutschen Liberalisinus lange schon an einem zugkräftigen Schlagworte fehlte. Sie haben gar nicht die Absicht gemerkt, die darin lag, daß die liberalen Parteibureaus ausgesucht jüdische Rechtsanwälte mit der ehrenvollen Aufgabe betrauten, in den Diskussionskursen die Vorträge über den Kampf gegen Rom zu halten, und sie dürfen sich heute nicht wundern, wenn das Zentrum, das bisher immer, was man auch sonst gegen es sagen möge, im Reichstage gewöhnlich eine Stütze der Toleranz war, künftighin den antisemitischen Neigungen seiner süddeutschen Mitglieder Freiheit*gibt. So ist die Situation. Was folgt daraus?

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