Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 7 -- DIE^ELT — 5 DIE RUSSISCHEN JUDEN IM WAHLKAMPF Wahlbilder (Von unserm Korrespondenten) Die nationalen Bestrebungen der jüdischen Wähler haben in den sog. „Judischen Komitees" ihre Verkörperung gefunden. Wie auf eine gegebene Parole entstanden in allen bedeutenderen Städten des Ansiedlungsrayons Komitees, die sich schlechtwegs „Jüdische Komitees" nennen. Das sind Komplexe der wirklichen jüdischen Masse, des Kleinbürgertums, eines Teiles des Handwerkerstandes, der Bet-Hamidrasch-Juden, der sog. Baale-Batim, zum Teil auch der Chassidim, von Zionisten und Nationalen geleitet. Diesen Jüdischen Komitees stehen die Parteien der „Dergreicher", der Bundisten und da und dort auch der Zionisten-Sozialisten (sozialistische Territorialisten) gegenüber. Die „Dergreicher" arbeiten jetzt unter der Firma der neulich entstandenen „Jüdischen Volksgruppe", die in der „Welt" genügend charakterisiert wurde; man nennt sie auch nach ihrem Führer Winawerianer und nicht ohne Ironie „Narodowcy"*) Zu diesen gehören in Litauen, Wolhynien, Podolien und Bessarabien einejjruppe jüdischer Bankiers und ein Teil der diplomierten und halbassimilierten Intelligenz, manche Ärzte, Rechtsanwälte, Dentisten, Bankbeamte und dergL Die „Bundisten" sind bekanntlich eine wohlorganisierte Partei, die jedoch nur auf einen geringen Teil der jüdischen Masse ihren Einfluß ausübt; hinter ihnen inbezug auf Anzahl und Einfluß stehen die Zionisten-Sozialisten. Beide Parteien besitzen aus dem revolutionären Moment heraus eine nicht zu unterschätzende agitatorische Kraft, die wenn man will, eine einschüchternde Gewalt besitzt. Auf dieser Grundlage und unter diesen Verhältnissen spielt sich augenblicklich der Wahlkampf in der jüdischen Gasse ab. In Minsk z. B. wirkte das Jüdische Komitee ganz so wie in Bjelostok, Brest und dergl. Die Kandidaten für die Wahlmänner waren entweder Zionisten, Nationale oder orthodoxe Volksniänner. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die tatsächliche Mehrheit der jüdischen Bevölkerung auf dieser Seite steht. Um diese Mehrheit zu schwächen, eventuell zu teilen, bedurfte es seitens der Gegner verschiedener Kombinationen, die zum Teil ins Groteske ausarteten, wie z. B. die Vereinigung der Bankier-G'wirim, der Winawerianer und der polnischen Agrarier. Bekanntlich können die Juden auf eigene Faust nichts durchsetzen, und so bedarf es einer Verbindung mit irgendeiner christlichen Gruppe, um einen jüdischen Kandidaten durchzubringen. So machten sich die von der Volksgruppe, die „Dergreicher", in Minsk an die Christen heran, um durch ihre Hilfe die Kraft des Jüdischen Komitees zu lähmen und die Kandidatur des Zionisten Dr. Brutzkus aussichtslos zu machen. Das ist natürlich an und für sich nicht zu tadeln, weil im Grunde auch das Jüdische Komitee mit christlichen Gruppen in Verbindung treten muß, um seinen Zweck zu erreichen. Es ist nur traurig, daß eine notorisch festgestellte Minorität es versucht, die natürliche jüdische Majorität durch solche Kunststücke zu bekämpfen. Jeder Kenner der Verhältnisse weiß, daß die Anhänger der sog. „Jüdischen Volksgruppe" ein Häuflein sind, das keinen Einfluß auf die Stimmungen in den breiten Schichten der Volksmassen ausübt. Man kann sie mit Recht die Gruppe der Grollenden nennen. Es sind dies — um ein paar Namen zu nennen — die Cytrins und die Bomaschs in Bjelostok, die Janowskis in Grodno und ähnliche Leute in anderen Städten, — der Typus der Nikolajewschen Proswieschtschenje-(Aufklärungs)- Leute. Meistenteils des Jüdischen unkundig, tölpelhaft gespreizt, oberflächlich russifiziert, ohne das Raffinement der westeuropäischen Assirnilanten oder Polen mosaischer Konfession, ohne die Tradition einer Tätigkeit in den Gemeinden, an denen sie nur sehr schwach hängen, können sie selbstverständlich auf die jüdischen Massen *) Narodowcy sind die Angehörigen der national-demokratischen, von uns bereits öfters erwähnten polnischen Partei. kaum eine Wirkung ausüben. Eine Ausnahme in dieser Beziehung bildet der Kreis einiger Herren, die von Petersburg aus die Parole des Kampfes gegen den Zionismus ausgegeben haben und die die ganze Sache leiten. Wir wollen uns nicht von Parteieingenommenhei blenden lassen und geben aufrichtig zu, daß darunter Männer sind, die es gut meinen, und auch solche, die sich unbedingt gewisse Verdienste in der Verteidigung der Juden unter dem alten Regime erworben haben. Aber dieser Kreis hat nie im Vertrauen des Volkes gewurzelt, sondern immer an einem bureaukratischen oder plutokratischen Strick gehangen. Er besitzt wohl Verbindungen, materielle Machtmittel, ein gewisses persönliches Prestige, aber keinen Einfluß. Seine Mittel und seine Organisationen, die von dem Gelde, das der jüdischen Gesamtheit angehört, unterhalten werden, benutzt er indirekt auch für die Eroberung der Position, die er sich jetzt als Ziel gesteckt hat. Trotz der Machtmittel dieser Gruppe wäre es den populären nationalen Parteien ein leichtes, diese Gruppe, wir wollen nicht sagen zu entthronen, aber sie in die richtigen Schranken zu verweisen, wo sie nützlich werden können. Denn gewiß könnten die Herren, die dieser Gruppe angehören, wenn sie den Volkswillen nicht beherrschen, sondern sich von ihm beherrschen lassen, auch manches Gute schaffen, wie sie auch früher, als sie sich mehr den nationalen Forderungen anbequemten, manches geleistet haben, wenngleich diese Leistungen durch Reklame allzu sehr aufgebauscht worden sind. Nun kommt aber eine besondere Seltsamkeit dazu: Die „Bundisten", von dem Bestreben geleitet, die Wahlen zu beeinflussen, haben in manchen Orten mit den Vertretern und Helfershelfern der assimilatorischen Volksgruppe gemeinsame Sache gemacht, um die Jüdischen Komitees zu sprengen. Es soll ihnen von der Organisation der Gruppe verprochen worden sein, daß eher ihre Kandidaten als die national-jüdischen unterstützt werden würden. Wir registrieren dieses Gerücht, weil es doch wenigstens eine psychologische Erklärung für eine Erscheinung zu bieten vermag, die sonst unbegreiflich schiene, dafür nämlich, welch politisch disparate Elemente in der Umklammerung der Koalitionen gegen die Jüdischen Komitees zusammengehalten werden. Die Verbindung der Bankiers und der „Bundisten" hat in dem Gesamtbilde des Wahlkampfes natürlich nur den Anspruch, als eine immerhin interessante Episode gelten zu können, nicht als mehr, wie denn überhaupt die sog. Jüdische Volksgruppe in ihrer heutigen numerischen Stärke nur als eine „Episodenpartei" gelten kann. Ein belehrendes Beispiel für die Seltsamkeit der Wahlkampfkombinationen und Konstellationen bot der Wahlkampf in Minsk. Das Jüdische Komitee hatte dort den Zionisten Dr. Brutzkus als Kandidaten aufgestellt und, wie bei dem Doppelwahlsystem üblich, entsprechende Wahlmänner und darunter auch den obengenannten Kandidaten vor allem zu wählen beschlossen. Gegen diese Kandidatur ist seitens der sog. Jüdischen Volksgruppe und der Bundisten eine riesige Gegenagitation entwickelt worden. Es wurden sogar von Petersburg Delegierte und Aufrufe geschickt. Diese Mittel waren aber viel zu schwach, einen Umschwung in der öffentlichen Meinung herbeizuführen. Da griffen die Bundisten ein, und eine Flut von Invektiven ergoß sich über den Kandidaten und seine Anhänger. In der Katzenmusik der sinnlosen Verdächtigungen fehlte auch das häßliche Motiv von Reaktion und „Polizeispionage" nicht. Diese „Polemik" hatte aber auch wenig gewirkt. Es war klar, daß die meisten Wähler für Dr. Brutzkus stimmen würden. Da entwickelten die Bundisten eine Propaganda nach einer anderen Richtung: sie traten in allgemeinen Volksversammlungen mit Hetzreden auf, die sogar einen antisemitischen Beigeschmack hatten, und dies mit dem 9