Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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6 DIEEäKLT No. 7" unzweideutigen Zweck, die christlichen und speziell die polnischen Gruppen für sich zu gewinnen. Aber auch das blieb wirkungslos, und so entschlossen sich die Zionistengegner, noch kräftigere Methoden in Anwendung zu bringen. Eine Anzahl von jungen Leuten wurde gegen die Wähler kommandiert, mit dem Auftrag, ihnen die Wahlzettel des Jüdischen Wahlkomitees durch Gewalt und Einschüchterung zu entreißen. Nur dadurch geschah es, daf3 die Kandidaten des Jüdischen Wahlkomitees durch ein unbedeutendes Übergewicht an Stimmen überwunden worden sind. Aber nachdem die Repressalien, die dieses künstliche Resultat herbeigeführt haben, bekannt geworden waren, wurden die Wahlen annulliert und sollen nochmals durchgeführt werden. Das Jüdische Komitee ist seiner Sache sicher und zweifelt nicht daran, daß sein Kandidat durchdringen wird. Nach Bobrujsk kam ein Delegierter der Jüdischen Volksgruppe, um in der Stadt Propaganda gegen das dort bestehende Jüdische Komitee zu treiben. Es streift ans Komische, daß dieser Herr förmlich von den Juden nicht in die Stadt hineingelassen worden ist. So tief geht durch die Massen die Stimmung gegen die Versuche der Einmischung durch Koalitionen und Blocks seitens der Jüdischen Volksgruppe, und so fest wurzelt im Volksbewußtsein die Überzeugung von der Notwendigkeit durch den Willen des Volkes gewählter, seinem Charakter und seinen Eigentümlichkeiten entsprechender Kandidaten. Eine sehr erbitterte Stimmung herrscht auch gegen die Bundisten, und zwar nicht gegen die Partei als Vertreterin gewisser ökonomischer und sozialpolitischer Prinzipien, sondern gegen das Gebaren eines Teiles der unreifen Jungen, der die Gepflogenheit hatte, in einer ungestümen Art die Gefühle der Masse zu verletzen. Das Eindringen in die Bethäuser, die Ungezogenheiten und grobdemagogischen Provokationen während des Gottesdienstes und dergleichen Ausschreitungen mehr, für die man die Partei nicht immer verantwortlich machen kann und die öfter in der Unart der einzelnen und in der Überreiztheit der Revolutionsperiode ihren Ursprung haben, waren nicht geeignet, den „Bund" bei der großen jüdischen Masse beliebt zu machen. Und nun kommt das Wichtigste. Abgesehen von dem ökonomischen Programm, das zweifelsohne seine tiefe Berechtigung hat. besteht die Bedeutung dieser Partei in ihrem heldenmütigen Auftreten im Kampfe gegen die Bureaukratie. Aus diesen Grenzen durfte sie nicht heraustreten, um nicht sofort ihren Wert zu verlieren und für ihre Selbstüberhebung grimmigen Spott einzutauschen. Man kann die Richtigkeit dieser Behauptung förmlich mit Händen greifen. Seitdem diese Partei angefangen hat, mit verschiedenen anderen Parteien zu paktieren, hat sie den Heroismus, der sie auszeichnete, eingebüßt. Eine Partei, die durch ihr Bekenntnis zum Klassenkampfprogramm nicht behindert ist, sich mit einer Gruppe zu verständigen, die dieses Programm verwirft und bekämpft, zu verständigen nicht bloß über ein momentanes Wahlbündnis, sondern weit darüber hinaus über einen fest geregelten Feldzug gegen eine andere, die zionistische Partei, — diese Partei muß als eine opportunistische bezeichnet werden und stürzt sich von selbst in die Gefahr, des Restes an Volkstümlichkeit in den Massen verlustig zu gehen. In Wolhynien tobt der Wahlkampf mit großer Heftigkeit. Es heißt, Herr Winawer soll die Gegend besucht haben um gegen den zionistischen Kandidaten Stimmung zu machen. Die Situation ist ungefähr dieselbe wie in Litauen. Der zionistische Kandidat Schabotinski wird besonders leidenschaftlich von den Gegenparteien bekämpft. Der Grund dieser besonderen Feindseligkeit liegt darin, daß Schabotinski seinerzeit entschieden für die Bildung einer jüdischnationalen Gruppe in der Duma und später für die besondere zionistische Plattform bei den Wahlen eingetreten ist. Obwohl die Zerklüftung der Parteien in Wolhynien sehr groß ist, gelang es doch in Ro wno, Schabotinski als Wahlmann durchzubringen. Nun werden die Wahlmänner sich in der Gouvernementsstadt Schitomir versammeln, um die Dumaabgeordneten zu wählen. Unter den Wahlmännern befinden sich Polen, Russen und Juden, Vertreter aller möglichen Parteien. Es besteht dort ein Gegensatz zwischen den Agrariern und den Bauern, zwischen Kleinrussen und Polen, zwischen Kadetten, Arbeitergruppe und Vertretern extremerer Parteien. Es ist furchtbar schwer, in diesem wimmelnden Ameisenhaufen eine gerade Linie einzuhalten; die Blocks entstehen und vergehen wie die Eintagsfliegen, Koalitionen zerbröckeln sich und zerfallen in feindliche Lager: die Gehässigkeit der gegenseitigen Beschuldigungen und persönlichen Angriffe spottet jeder Beschreibung. Unter diesen Umständen ist bei der durch spezielle Agenten der Volksgruppe — wie man sagt, soll auch Herr Winawer selbst auf der Wahlstätte erschienen sein — gegen Schabotinski geführten, grenzenlos leidenschaftlichen Kampagne, die man sogar in die Presse trägt, schwer vorauszusagen, ob es gelingen wird, ihn als Deputierten durchzubringen. Im Süden ist der Kampf ganz anders gestaltet. Dort sollen die Chancen unseres Freundes Wladimir Temkin ziemlich gut sein. Allerdings wird im Süden der Kampf durch die drohende Stellung der „Echt-Russen" und des Schwarzen Hundert erschwert. Professor Kowalewski erzählt in seinem Zeitungsorgan „Telegraph", ein Konservativer soll ihm gesagt haben: „Aus Mitleid für die Juden sollten Sie es besser vermeiden, Ihre Kandidatur aufzustellen, weil günstigenfalls ein Progrom angezettelt werden wird, mit dem man an den Juden Revanche nehmen wird." „Das ist" — sagt Kowalewski — „für einen Liberalen ein kompliziertes Seelenproblem." Die Äußerung ist für die Situation im Süden bezeichnend. Aber trotz aller Gefahren und Schwierigkeiten unterliegt es kaum einem Zweifel, daß auch der Süden liberal wählen wird. Zur Vervollständigung des Bildes müssen wir noch der Territorialisten gedenken. Die Stellung der letzteren ist nicht ganz gleichförmig. Die offiziellen Führer behaupten, der Territorialismus habe nichts mit russischer Politik zu schaffen, und so lauten auch die Statuten, die neulich bestätigt worden sind. Die Territorialisten machen sich auch über die Zionisten, insbesondere über die Helsingforser Versammlung lustig, die eine Platform für die Wahlpolitik in Rußland formuliert hat. Nun besteht aber das Bißchen Massekraft, welches die Territorialisten besitzen, in der Partei der sogenannten Zionisten-Sozialisten — die bürgerlichen zählen weder als Quantität noch als Faktor im jüdischen Leben mit, — und die Zionisten- Sozialisten haben ebenfalls aus ihrer territorialistischen Theorie und aus russisch-sozialistisch-radikaler Politik eine Art von Synthese geschaffen und treten mit ihr in Volksversammlungen und in der Presse auf. Soviel theoretisch. Praktisch ist ihre Stellung durch lokale Stimmungen und Gruppenassoziationen bedingt. Während sie im Gouvernement Grodno, wenigstens in letzter Zeit, auf nationaler Seite mit den Zionisten zusammengearbeitet haben, stellten sich manche von ihnen in anderen Wahlkreisen entweder indifferent oder mit einer Sezessionsranküne gegen die zionistischen Kandidaturen. So wenig das auch an sich von Bedeutung war, hat es nichtsdestoweniger dazu beigetragen, die Lage zu komplizieren. Zum Schluß soll eine Parallele zwischen der Situation während der Wahl für die frühere und der Wahl für die jetzige Duma die Sachlage vollständig beleuchten. Wenn es früher gelungen ist, 13 Juden und darunter 5 Zionisten in die Duma zu wählen, so ist dies dem Umstände zu danken, daß die Juden vollständig geeint ihre Agitation betrieben hatten. Die Bundisten und die anderen extremen Parteien hatten die Dumawahlen boykottiert; der jüdische „Gleichberechtigungsverband" umklammerte verschiedene Elemente. Jetzt hat sich die Situation gründlich verändert. Eine Differenzierung ist eingetreten; anstatt der wünschenswerten Eintracht herrscht heillosei Hader. Die extremen Parteien, nicht stark genug, ihre eigenen Kandidaten durchzubringen, besitzen genügende Macht, bestehende Kombinationen zu sprengen und gefaßte Pläne zu ver-