Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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flößen geeignet ist? Unserer, der jüdischen Koloniälpolitik, deren Vertreter doch wir Zionisten sind. Ging es uns nicht mit unserer Kolonialpolitik ebensowie dem großen, mächtigen deutschen Volke? Auch bei uns wurden schöne Reden gehalten, gar viele. Und wir haben nicht die schlechtesten Redner unter uns. Aber das Echo, das sie erweckten, ging es denn — was das Interesse für Unternehmungen auf unserem Kolonialgebiete anbelangt — viel über das Platonische hinaus? Und auch wir haben Gelehrte, die dem jüdischen Volke zeigten, wo und wie bei der Kolonisation sogar noch etwas herauszuholen sei, daß rein geschäftlich sogar etwas zu erreichen sei. Auch bei uns kamen einige Patrioten, die Palästina-Patrioten, und hörten auf die Worte dieser Gelehrten. Aber nicht so, wie die gehört sein wollten. Was gegeben wurde, wurde doch zumeist nicht gegeben, um etwa damit eine geschäftliche Spekulation zu machen, die allerdings verschönt würde durch einen volklichen Zweck, sondern, wer da gab, gab ä fond perdu. War das richtig? War denn den Worten unserer Gelehrten nicht zu trauen? Waren die weniger des Vertrauens wert, als die, auf die man sich in der deutschen Koloniälpolitik berief? Ach nein, das ist nicht gut möglich, denn— es sind ja zum Teil eben dieselben Männer, die als Gelehrte und Fachmänner die Berechnungen aufstellten, was an Erfolgen in der deutschen Kolonisation sowohl wie in der jüdischen herauszuholen sei. Nur eben, daß die Deutschen unsern Männern Vertrauen entgegenbrachten, wir Juden aber ihnen nicht so viel Vertrauen schenkten, den Männern, die ganz unser sind, die schon bewiesen haben, wie ihnen das Interesse des jüdischen Volkes am Herzen liegt. Müssen wir ihre Namen erst noch nennen? Ein jeder von uns kennt sie ja: Professor Warburg und Doktor Soskin. Auch Dernburg konnte nichts anderes tun, als sich auf die Forschungen, die Berechnungen dieser Fachgelehrten und ihrer Kollegen stützen, da er der Hochfinanz seine Rechnung aufmachte. Muß uns da auch erst ein Dernburg erstehen, der als Kaufmann zu den Kaufleuten spricht? Können wir nicht ohne einen solchen Mittler, der schließlich Neues gar nicht hinzufügen kann, dem Rufe unserer Männer Folge leisten? Nun, im zionistischen Lager geschieht es wohl schon. Wenigstens zum Teil. Wenn es nur nicht so häufig wahr würde, daß je vermögender einer ist, desto eher seine Begeisterungsfähigkeit ihre Grenzen findet. Der kleine Mann tut genug. Aber ob auch die andern im Verhältnis zu ihrem Vermögen sich für die geschäftlichen Unternehmungen interessieren, die im Interesse unseres Volkes ins Leben gerufen wurden, aber auch wirklich geschäftliche Unternehmungen sind? Haben sie nicht zu viel Angst, einmal eine etwas schmälere Dividende zu empfangen, obwohl sie dann noch immer viel mehr haben würden, als der kleine Mann in unsern Reihen, der nicht so lange bedenkt?...... Aber geschieht auch alles, um die, die sich nicht zum Zionismus bekennen, für unsere Dinge zu interessieren? Auch Dernburg hat sich nicht nur an die „deutschen Chauvinisten" gewandt, er hat auch das (Md der nicht deutsch-national Empfindenden nicht zurückgewiesen. Wir haben auch eben gelesen, daß belgische und andersländische Kapitalisten deutsche Kolonialwerte aufzukaufen beginnen. Sollten wir nur so chauvinistisch sein, nicht-zionistisches Geld zurückzuweisen? Sollten wir nicht vielmehr alles tun, um gerade die, die nicht ganz zu uns kommen mögen oder können, wenigstens insoweit für uns zu gewinnen, als sie uns förderlich sein können, ohne daß sie und wir dabei gegen unsere Überzeugungen zu handeln brauchen? Unsere Agitation bestand bisher darin, daß wir den Zionismus im ganzen propagierten, daß wir alle zu unserm Glaubensbekenntnis herüberziehen wollten und daß wir von unsern Brüdern das Bekenntnis zu unserm Dogma forderten. Wir sollten uns doch endlich auch ein wenig mehr den Teilaufgaben zuwenden. Wir brauchen doch nicht eine Agitation, die uns Leute zuführt, deren Begeisterung im selben Moment, da sie geboren, auch schon wieder "Jzu welken beginnt. Wir brauchen jetzt eine Außenagitation, die uns eines schafft: opferwillige und opferfähige Mitarbeiter, wenn sie Tauch nicht bis auf das I-Tüpfelchen mit unserm Wollen übereinstimmen. Es darf doch nicht vergessen werden, daß wir in der Tat in unserer Politik seit beinahe zwei Jahren andere Wege gehen. Es entsprach unserer früheren politischen Anschauung, daß der einzelne nichts zur Erlangung des Charter beitragen könne, daß der Charter vielmehr jeden Tag uns gegeben werden könne und daß dann erst die Arbeit der einzelnen einzusetzen habe, — dieser Anschauung entsprach es, daß wir wenig Verwendung hatten für Nicht-Zionisten und ihre Arbeitskraft für unser Werk. Da nun aber die andere Anschauung sich durchgesetzt hat, daß wir zunächst versuchen müssen, das Land Palästina wirtschaftlich zu erobern, wirtschaftlich zu unserm Lande zu machen, haben wir wohl Verwendung für Mitarbeit von Nicht-Zionisten und ihrem Kapital. Neue Bahnen sind betreten worden in der Arbeit, die uns zum Ziele führen soll, neue Bahnen, die vielen, die uns bisher fern oder gar feindlich gegenüberstanden, ermöglichen, ihren Weg nun mit dem unsern wenigstens für einige Zeit zu vereinen. Ist jenen aber auch diese Möglichkeit genügend klar gemacht und nahe gelegt worden? Haben wir in unserer Werbearbeit auch die neuen Bahnen eingeschlagen, die parallel den neuen Bahnen unserer Politik laufen? Nein. Wir sind weiter hinausgezogen und haben von unserer Idee und zukünftigen Arbeit gesprochen aber nicht von unserer Arbeit in der Gegenwart. Lernen wir von Dernburg! Er spricht auch von der Idee. Aber mehr von der wirtschaftlichen Arbeit und was der einzelne dabei erreichen kann. Wir haben keinen Dernburg. Wir haben ja aber auch keinen HerzL mehr. Und wie in seine Arbeit sich mehrere haben teilen müssen (was nebenbei bemerkt doch keine Schande ist, wie es an anderm Ort jemand darzustellen beliebt), so müssen auch in die Arbeit eines Dernburg bei uns mehrere sich teilen. Es will uns aber scheinen, als ob unsere Agitatoren es für unter ihrer Würde halten, zur Beteiligung an unseren geschäftlichen Unternehmungen aufzufordern und sich dafür einzusetzen. Das wäre ein falscher Stolz, wenn nicht gar eine Überhebung aus Unverständnis. Warum schämt sich die Exzellenz Dernburg solcher Arbeit nicht? Oder wollen sie durchaus nur das Ganze und nicht bloß des Ganzen Teile fördern? Wenn wir von der Schönheit des Ganzen überzeugt sind, müssen wir da nicht annehmen, daß die, die wir nun dazu gewonnen, ein Stück Wegs mit uns zu gehen, wenn sie erst diese Brücke betreten haben, die zum Lande unserer Zukunft führt, daß sie auch die Schönheit des Landes am 'andern Ufer erkennen werden mit seinen reichen Entwicklungsmöglichkeiten, und daß sie dann ganz bei uns sein werden? Lernen wir von Dernburg und lernen wir auch von Zangwill, der neulich sagte: Die einzige Methode der Eroberung, welche in diesem vorgerückten Zeitalter möglich ist, besteht ... in der Entwicklung eines unentwickelten und spärlich bewohnten Landes. Wenn das jüdische Volk in dieses Territorium geht, so wird es auch die Autonomie haben. Wird es aber darauf warten, daß die Autonomie durch Programm reden in Europa von selbst komme, so wird es wohl so lange reden, bis es zu Grunde gegangen sein wird. Die Erreichung eines Landes bedeutet eine große ernste Kraftaufwendung, welche die Arbeit von Generationen erheischt. Uns, die wir bereits jeden politischen Instinkt verloren haben, ist nichts anderes geblieben, als die phantastische Idee, daß diese Arbeit durch den Federstrich eines mysteriösen Messias getan werden könnte...... Wir müssen jetzt in die Periode der Realpolitik eintreten . . . Zangwill dachte zwar dabei nicht an unser Land, an Palästina, aber auf welches könnte das, was er sagte, mehr zutreffen? DIBART1