Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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\'o. 7 DIE3§E verschlägt das den reichen Kaufherrn in Moskau nichts, oder sie nähren die schlaue Hoffnung, schließlich doch alles, was Sünde der Fremden" genannt wird, auf die Juden abwälzen zu können. Ausweisungen aus dem Lande der Freiheit Gemeint ist die freie Schweiz, und gemeint als Objekte der Ausweisungen sind natürlich die Juden, iawohl, das freie Land mit den Rütli-Traditionen hat damit begonnen, arme zureisende Juden auszuweisen. Man könnte aus dieser Gegenüberstellung von Freiheit und Barbarei eine Fülle vehmütiger Betrachtungen ableiten. Was hätte es für einen Zweck? )ie Schweiz war bisher eine der Ausnahmen, die die Regel des internationalen Judenhasses bestätigten — wozu sollen wir uns iber das Verschwinden auch dieser Ausnahme grämen, wenn wir längst erlernt haben, uns an die harte Regel zu gewöhnen. Die Ausweisungen aus den Schweizer Kantonen beginnen in lenselben Formen wie anderwärts. Man spricht nicht von Juden, iondern von Ausländern und weist doch die Juden aus, man pricht von Unterbieten der heimischen Löhne, und doch handelt s sich um qualifizierte Arbeiter. Und man beruft sich auf das Beispiel der andern Kulturländer, zumal auf Deutschland, das;eine armen Juden aufnehme, aber großherzig genug war, den Züricher Polizeivorstand wissen zu lassen, daß es gerne den russisch-jüdischen Emigranten die Grenze öffnen werde, um sie nach £ürich gehen zu lassen. Neben einigen Sozialdemokraten nahm sich besonders das lidische Mitglied des Züricher Großen Stadtrates, Dr. Farbstein, ii einer warmen Rede der bedrohten Juden an. Er sagte unter nderm : „ . . . Herr Stadtrat Welti behauptet, es handle sich um Deserteure. Wer sind denn aber diese Deserteure? Es sind Leute, die in Rußland bereits einen schweren Militärdienst von 3 Jahren und 8 Monaten geleistet haben. Sie haben zum Teil Familie; als der russisch-japanische Krieg ausbrach, da war die russische Regierung so schlau, das rein russische Militär in den polnischen, litauischen und lettischen Provinzen zu halten, um hier jede freiheitliche Bewegung unter- ELT — 3 drücken zu können. Auf die Schlachtbank in der Mandschurei wurden geschickt Polen und Juden, Armenier und Letten. Sollte den Leuten zugemutet werden in den sicheren Tod für den russischen Zaren zu gehen? Sollten sie vielleicht jetzt nach Rußland gehen, wo überall der Kriegszustand verhängt ist, um von einem Feldgerichte abgeurteilt zu werden? Wenn uns jemand auf der Straße begegnet und uns um Schutz vor einem sicheren Tode bittet, sollen wir denn die Leute den Henkern ausliefern? Es handelt sich hier um Juden; ich will das Kind beim Namen nennen. Meine Herren! Es gibt ein altes Sprichwort: „Noblesse oblige". Die Schweiz bildet auch einen Adel, einen Freiheitsadel! Die Adelsbriefe der Schweiz sind ihre uralten Freiheitsbriefe. Der Freiheitsadel hat Pflichten, denjenigen ein Asyl zu gewähren, die als Opfer einer Freiheitsbewegung leiden, ohne Rücksicht darauf, ob diese Leidenden reich oder arm, Russen oder Juden sind. Der Freiheitsadel, der dieser Verpflichtung nicht nachkommt, ist Freiheitsprotz! Meine Herren! Anläßlich der Simplonfeierlichkeiten hat der italienische Minister des Auswärtigen dem Bundespräsidenten gedankt für das Asyl, das die Schweiz seinerzeit den italienischen Flüchtlingen gewährt hat. Vor 50 Jahren hat wohl kein Mensch gedacht, daß der Sohn des römischen Ghetto-Juden Ottolenghi Kriegsminister des mit dem preußischen Militärstaat verbündeten Italien werden wird oder daß der Sohn'des Livorner Ghetto- Juden Lombroso die gesamte lnoderneKriminalistik revolutionieren wird. Es wird noch eine Zeit kommen, wo der russische Minister des Auswärtigen der Schweiz danken wird für das den russischen Flüchtlingen gewährte Asyl. Ich möchte den Wunsch ausdrücken, daß die Praxis des Züricher Stadtrates gegenüber den Flüchtlingen eine solche wird, daß der Stadtrat von Zürich einst den Dank ebenso erhobenen Hauptes entgegennehmen kann, wie ihn der Bundespräsident entgegengenommen hat." Die Rede Dr. Farbsteins fand lebhaften Beifall bei den Sozialdemokraten und Demokraten. Aber — verzeichnet der Bericht weiter — Stadtrat Welti, der Vertreter der Gegenpartei, blieb in seiner Antwort bei seinem früher geäußerten Standpunkt. Man wird also auch weiterhin arme Juden ausweisen. Das Land der blauen Seen und weißen Berge aber wird auch weiterhin das Land der Freiheit heißen. NEUE BAHNEN Lange Jahre hindurch wurde die Notwendigkeit einer deutschen ^olonialpolitik von „oben" her verkündet, wurde mit entsprechendem lachdruck erklärt, daß es dringend notwendig sei, Stätten zu chaffen, die den überschüssigen, zur Wanderung genötigten deutchen Volkselementen Aufnahme gewähren könnten. Aber die chönen Reden, die da gehalten wurden, überzeugten die Deutschen ei ajl ihrer Loyalität nicht davon, daß es angemessen sei, sich für ie Kolonialpolitik etwas mehr als platonisch zu interessieren. Der Reichstag bewilligte zwar Gelder. Die aber konnten nicht weit mgen. Man sah bald ein, daß die ganze Kolmialpolitik ein totgeorenes Kind sein würde, wenn das private Kapital nicht intessiert werden könne, wenn nicht der Geschäftsmann in den olonien zu arbeiten begänne. Das Kapital aber schien wenig eigung für solch neue Bahnen zu verspüren. Gelehrte zeigten um, wo und wie in den Kolonien etwas herauszuholen i, Gesellschaften wurden gegründet, die das wissenschaftlich Ausforschte verwerten sollten, das große Publikum wurde aufgerdert, Geld herzugeben. Und siehe da, zwar die großen „Bankers", e haute finance, kamen noch immer nicht, aber der kleine apitalist, der kleine Rentner kam und gab Geld her: teils aus ■ttriotischen Erwägungen, teils weil ihm die Gelehrten imponierten, e die Berechnungen aufgestellt hatten und deren Worten er glaubte ertrauen schenken zu können, (Wir werden dann noch sehen, er diese Gelehrten waren.) Es kam also Geld, aber es langte och immer nicht. Die Hochfinanz mußte noch gewonnen werden — es blieb nichts anderes übrig. Aber wie dieser kalten Spröden näher kommen? Die Aufgabe war schwer, sehr schwer. Bis sich eines Tages der deutschen Regierung ein Mann zur Verfügung stellte, der der Aufgabe gewachsen war. Ein Sohn unseres, des jüdischen Volkes, — allerdings für uns ein verlorener Sohn. Er, der bis dahin Kaufmann gewesen, einer von denen, die das Zeug derer in sich haben, die einmal mit Recht „die königlichen Kaufleute" rgenannt wurden, ging nun geradenwegs zu seinen bisherigen Brüdern und rechnete ihnen, der Kaufmann den Kaufleuten, vor, was geschäftlich in den Kolonien zu wollen, zu erreichen war. Die Kaufleute, die ihm zuhörten, hätten vielleicht einen andern, der ihnen dieselben Rechenexempel vorgemacht hätte, ausgelacht, jetzt aber packte sie der Gedanke: Der Mann da, der im Namen der deutschen Regierung zu uns spricht, ist ja einer der Unsern, Fleisch von unserm Fleische, den kennen wir doch längst als einen gar gerissenen Bruder. Und sie ließen sich erweichen, und in die deutsche Kolonialpolitik begann neues Leben zu strömen...... Nun, — was geht das alles uns Juden an — wird man fragen. Sollen wir vielleicht darauf stolz sein, wie tüchtig der Judenstämmling Dernburg ist, der Mann mit dem Aussehen eines orientalischen Fürsten? Nein, das ist es wahrhaftig nicht, weswegen wir ein Stück deutscher Kolonialpolitik erzählten. Es ist vielmehr ein anderes. Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf: Ist denn unter uns kein Dernburg? Ist unter uns kein Mann, der auch unserer Kolonialpolitik neues Leben einzu- 1*