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Die Welt · 1907-02-15 · 7 (15.2.1907) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Aktionsverlangen die Mitte haltend, die Kategorien von Tätigkeiten festzusetzen haben, die, unseren Mitteln entsprechend, bei kleinstem Aufwand die größten Resultate erzielen können. Er wird das Maß der zionistischen Kräfte festzusetzen haben, die zu Propaganda- und Organisationszwecken in der Diaspora und als fruchtbare Anlage in Palästina wirksam werden sollen. Er wird einen Plan für die Heranziehung und Verwertung der Privatinitiative und des jüdischen Kapitals in Palästina zu entwerfen haben. Und er wird endlich — und hauptsächlich — dafür zu sorgen haben, daß in Programm und Praxis das Kleinste und das Größte, das in Palästina von uns oder durch uns geschieht, sich im Rahmen politischer Zweckmäßigkeit bewegt und sich einfügt in einen Bau, der sich immer großzügiger zu weiten, immer dichter zu befestigen haben wird. Die Partei der Getauften Unsere Leserwerden sich wohl noch an die Mitteilung erinnern, daß sich unter den politischen Parteien Polens auch eine mit den Initialen des dreifachen P (Polnische Progressive Partei) gebildet hatte. Diese drei P, die ebensoviele Seelen in ihrem Innern tragen, nämlich: Fortschritt, polnischen Nationalismus und Opertunismus, haben in den letzten Wochen den mutigen Gang nach rückwärts angetreten, indem sie sich der sog. Nationalen Konzentration, in der die reaktionäre N.-D. (Nationale Demokratie) schaltet und waltet, angeschlossen haben. Ihre Losung ist: Kampf gegen die Progessive Demokratie und insbesondere gegen die Juden. Seltsam genug, daß die Gruppe der P.P.P. ihre Existenz eigentlich der national-jüdischen Frage verdankt. Die Progessive Demokratie hat nämlich die Verteidigung der Rechte der Minorität und die"nationale Selbstbetimmung in ihr Programm aufgenommen, und zu diesem Programm bekennen sich die beiden Kandidaten dieser Partei in Warschau: Swientochowski und Krzywicki. Und das ist auch der Grund, weshalb sich, die große jüdische nationalistische Mehrheit der Progessiven Demokratie angeschlossen hat. Die P. P. P. hingegen wollten von diesen Postulaten nichts wissen und eröffneten in ihrem Zeitungsorgan „Przelom" ein förmliches Kesseitreiben gegen den „jüdischen Separatismus", geg^n die Rechte der jüdischen Sprache, Gemeinde- und Kulturautonomie, gegen den Zionismus und dgl. mehr. Und diese Gegnerschaft gegen die jüdischen Forderungen war auch das entscheidene Moment, das die P. P. P. bestimmte, sich der Nationalen Konzentration anzuschliessen. Woher aber kommt diese intransigent feindliche Haltung der fortschrittlichen P. P. P. gegen die Juden? Antwort: Von ein paar Täuflingen. Der legitime Vater der drei P ist Rechtsanwalt Henryk Konic. Ein Quasi-Fortschrittler, aber zum polnischen nationalen Chauvinismus hinneigender karrieristischer Leisetreter, der, nach berühmten Mustern, mehr Pole ist, als es die Polen selbst sind. Taufe ist ein genügender Grund, den jüdischen Separatismus nicht zu lieben — man erinnert sich doch nicht immer gern an seine erste Liebe. Noch weniger aber ist, ein zweites Argument zu unterschätzen: Herr Henryk hatte ein Mandat von der Konzentration versprochen erhalten. Ein zweites Mitglied dieser Gruppe, Rechtsanwalt Sunderland aus Siedice, ein höherer Typus eines getauften Juden schon mehr in der Balance, (weil länger getauft), war ebenfalls dazu bestimmt, als Repräsentant der Partei in die Duma einzuziehen. Das Schicksal war für die beiden Polen verflossener mosaischer Konfession nicht gleich glinstig. Konic wurde mit schwerer Not im Kreise Mlawa als Wahlmann gewählt, und ihm lächelt die Aussicht bei der Wählerversanimlung in Plock als Deputierter für die Duma durchzudringen. Es war allerdings trotz der Taufe und trotz der Aberkennung der Judenrechte ein schweres Stück Arbeit, den Bauern des genannten Kreises den „Zyd" schmackhaft zu machen, ja es bedurfte der Entsendung von speziellen Emissären seitens der Nationalen Konzentration, den urwüchsigen Trotzsinn des Bauernschlages der „Kmiotki" zu brechen. In Siedice hingegen ist Sunderland durchgefallen. Die boshafte Fama sagt, er sei nach den Siedlcer Mas- ELT No. / sakres zu sehr mit seinem Bedauern für die Pogromopfer hervor getreten und — „man wandele nicht ungestraft unter Palmen/' Aber die drei P. sind schon mit dem einen Erfolg zufrieden, und Herr Henryk Konic studiert wohl schon die Rede, mit der e; in der Duma im Namen der polnischen Nation die Herrengelüste der Ungetauften brechen wird. Deutscher Antisemitismus im Ausland Der Antisemitismus is: sicherlich kein ausschließlich deutsches Produkt, wie kindliche Träumer, die da^ Organische des Judenhasses nicht sehen wollten, in ihren Assimi lationsschwärmereien verkündeten, ist es ebensowenig, wie er blol die „Schmach des 19. Jahrhunderts" gewesen ist. Aber ein andere: ist zweifellos wahr: Der kalt berechnende, wissenschaftlici systemisierte, politisch organisierte Antisemitismus mit seine strengen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Sperrtaktii ist ein Erzeugnis deutscher Herzen und deutscher Köpfe und gehör zu den bedeutsamsten Äußerungen Deutschlands vor und nach den großen Freiheitskriege. Und in dieser Hinsicht waren die Deutschem die Lehrer für Österreich, Rußland, Rumänien, wo sie den dunkle; Trieben die Organisationsform und dem rohen Hasse das Raffinernen der Theorie schenkten. Es ist eine unschwer wahrzunehmende Erscheinung, daß über all da, wo Deutsche in größerer Zahl außerhalb Deutschlands wohnen, der Antisemitismus mit seinem typisch-deutschen Mechanis inus seine Pflegestätten hat. In dem Riesengebiet Rußlands vor allem hatten und haben die Deutschen einen schier unermeßlichen Spielraum für ihre antisemi tischen Talente gefunden. Die berühmtesten Pogrom-Organisatoreie Plehwe," ICaulbars, Gringmut, Neidhart, die nur die Spitze eine gewaltigen Pyramide darstellen, sind deutscher Herkunft. Und keie Teil des russischen Völkerkomplexes stand — wenn wir schoi von den Leidensstiftern selbst absehen — der blutigen Not de Juden teilnahmloser und kühler gegenüber als die Deutsch-Russei Neuerdings haben diese Träger des konservativsten, lies reaktionärster Prinzips wieder zahlreiche Proben ihrer Gesinnungsstärke abgelegt Mehrfach wird gemeldet, so insbesondere aus dem Gouvernerner Simferopol, daß die Hauptvertreter des sogenannten „echten Russee tums", die die politische Ketzerriecherei und die Judenhetze be treiben, Deutsche sind. Und Deutsche sind es auch, die im Ve' band der Oktobristen die schärfste Parole in der Frage der jüdische « Emanzipation ausgeben. Ein Beispiel dafür sind die deutschen Oktobristen in Moskau. Das ist eine Gruppe reicher, satter uni selbstzufriedener Fabrikanten und Kaufleute, die mit den gegei - wärtigen Zuständen leicht zufrieden sein kann, da sie dieser Sori> von Staatsbürgern ein weiches Wohlleben und die bequemste Auc nutzung ihres wirtschaftlichen Obergewichts gestatten. „Sie seien . erklären sie, „grundsätzlich nicht gegen die Gleichberechtigung der Juden. Aber die könne und dürfe nur stufenweise erfolge-, da sonst ein Ausbruch der Volkswut entstehen könnte. Zude; i sei auch die russische Bevölkerung für einen Wettkampf mit dt1 Juden noch nicht hinreichend gerüstet." Die guten Patrioten, d ■ noch besorgter sind um ihre patria als die russischen Oktobristei ' Aber dieses eben, daß Deutsche, die selbst im Lande eingewandert auch nicht entfernt so eingesessen sind wie die Juden, gegen c\'\■: Juden Partei ergreifen — gestützt auf die gewisse staatserhaltentv und volksrettende Theorie unter gleichzeitiger heuchlerischer Betonung des Prinzips der Gleichberechtigung — dieses ist deutsche Antisemitismus. Die Sache ist zweischneidig: Denn die wirklichen „Echi- Russen" haben schon gelernt, die Deutschen als Fremde anzuklagen gegen deren geschäftliches Raffinement der russische Kleinbürg i nicht aufkommen könne. Und in den baltische^ Provinzen haben sie's schon genug zu spüren bekommen, was das Predigen reaktionären Geistes einbringt und was „Fremdenrecht" ist. Aber entweder

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