Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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die heldenhaften Männer und Frauen keineswegs mit dem anarchistischen Gesindel, wie es das jüdische Volk seit Jahrtausenden nicht gesehen hat. Aber wenn die Revolution doch dazu geführt hat. die jüdischen Massen in so schrecklicher Weise zu verrohen, so ist mir selbst das alte Regime in Rußland mit allen seinen Schrecknissen und Drangsalen bei weitem lieber, als die Freiheit. Unter dem alten Regime bot das jüdische Volk trotz aller Leiden ein tröstliches und erhebendes Bild in seiner Moral und in seinem nationalen Leben. Jetzt zerstiebt das Judentum in den gebildeten Schichten und verroht das jüdische Volk in der Masse. Da bin ich eben Zionist, durch und durch national, und will lieber das Volk in Fesseln als es entfesselt der nationalen Vernichtung und dem moralischen Verfall entgegengehen sehen. WIENER BRIEF Von unserem Korrespondenten Die raffinierte Schmerlingsche Wahlgeometrie, die den Deutschen die Majorität im österreichischen Parlamente sichern wollte und sich hierbei speziell in den Sudetenländern der jüdischen Wahlhilfe in ausgiebigster Weise bediente, gehört seit der Auflösung des österreichischen Abgeordnetenhauses, die am 29. Jänner sang- und klanglos erfolgte, der Geschichte an. Das neue Wahlrecht nimmt den Deutschen die Hegemonie und versucht, dem numerischen Stärkeverhältnisse der Nationen recht und schlecht gerecht zu werden. Den Juden zeigt die Neuordnung der Dinge ein Janusgesicht. Verlust und Gewinn dürften sich die Wage halten. Das Wahlrecht der breiten Massen vermindert ihren politischen Einfluß und das Gewicht ihrer Wählerstimmen, und es stärkt Berufsklassen, deren Interessen mit den jüdischen nicht immer identisch sind. Aber die Juden haben ihre wirtschaftliche und politische Stärke stets nur im Dienste volksfremder Parteien spielen lassen, so daß der Beginn bewußt-jüdischer Politik, die mit der neuen Ära in Österreich auf der politischen Bildfläche erscheint, den zweifelhaft gewesenen und schädlich gewordenen Wert des früheren Einflusses reichlich aufwiegt. Und dann, das alte Parlament hat schon seit einem Jahrzehnt ohnehin kein judenfreundliches Gepräge getragen. Speziell auf deutscher Seite war der Antisemitismus stets eine wirkungsvolle und erfolgversprechende Wahlparole. Er hat große Parteigebilde zerstört und neue Fraktionen geschaffen. Die deutsche Volkspartei, die Christlichsozialen, die Alldeutschen, die Katholisch- Konservativen repräsentieren alle möglichen politischen Spielarten und Nuancierungen der Judenfeindschaft. Die deutsche Fortschrittspartei hatte als einzige den Antisemitismus nicht in ihrem Programm. Nur mit Mühe, mit dem Aufgebot aller Vorsicht hat sie ihr Schifflein, das ohne die jüdischen Wähler längst außer Dienst gesetzt worden wäre, seetüchtig erhallen und zwischen den antisemitischen Konnationalen durchgesteuert. Allzu oft auf Kosten ihrer jüdischen Parteigänger und ihrer Interessen! Das hat sich bei der sozialpolitischen Gesetzgebung am deutlichsten gezeigt. Die zünftlerische Politik, die die Mehrzahl der deutschen Vertreter zu ihren enragierten Verfechtern zählte, hat in der vergangenen Funktionsperiode des Parlaments den Antisemitismus mehr oder minder offenkundig in die Gesetzgebung eingeschmuggelt. Die sozialpolitische Tätigkeit auf dem Gebiete des Gewerbewesens war, wie die Reform der 59 und 60 der Gewerbeordnung, des Hausierhandels und erst in den letzten Wochen die neue Gewerbenovelle bewies, von reaktio« närem, judenfeindlichem Geiste erfüllt. Die Mittelstandspolitik ward in der Bevölkerung unter antisemitischer Parole betrieben und hat nach parlamentarischen Erfolgen und praktisch-wirtschaftlichem Fehlschlagen den Höhepunkt noch lange nicht überschritten. Sie wird den deutsch-antisemitischen Parteien im kommenden dreimonatlichen Wahlkampf wiederum als aussichtsvolle wirtschaftliche Plattform dienen. Es ist charakteristisch, daß die bisher führende deutsche Partei, die deutsche Volkspartei, in ihrem Wahlaufruf den Antisemitismus überhaupt nicht streift, aber die Fortsetzung der Mittelstandspolitik sehr scharf hervorhebt. Die Zeit des Radauatitisernitismus ist in Österreich, vorläufig wenigstens, vorüber. Aber das kann über die Gefährlichkeit des latenten Antisemitismus, der nun dominieren soll, nicht hinwegtäuschen. Die Liberalen sind und bleiben aus dem Sattel gehoben. Der Antisemitismus, der jetzt ruhiger, versteckter, aber auch treffsicherer arbeitet, hat bereits von der Gesetzgebung Besitz ergriffen und schickt sich an, in der Verwaltung des Staates die Prinzipien einzuführen, die hier und dort in der Landes- und Gemeindeverwaltung in recht fühlbarer Weise praktiziert werden. Die Parlamentarisierung der Regierung schwächt die altezentralistischeBureaukratie, die früher denn doch in bescheidenem Maße liberal war und den Juden nicht direkt feindselig gegenübertrat. Die Zeit antisemitischer Parteimänner als Minister und Leiter der wichtigsten Verwaltungszweige ist nun gekommen. Die Christlichsozialen werden mit dem katholischen Zentrum die stärkste deutsche Partei bilden und damit ministrabel geworden sein. ' Man kennt ihre Art, zu verwalten. Nach dem Gesichtspunkte der Parteizugehörigkeit und antisemitischer Gesinnung werden von ihnen und den Volksparteilern Stellen besetzt und dem freien Ermessen der Behörde überlassene Fälle entschieden werden. Die jüdischen Intelligenzen werden so in ihren Aussichten und Erwerbsmöglichkeiten neuerdings empfindlich getroffen, das jüdische Wirtschaftsleben von einem neuen, gefährlichen Feinde bedroht. Der praktische Antisemitismus wird sich von den Ministerien aus breitmachen, nachdem der politische seine Schuldigkeit getan hat. Nur die Schönerergruppe, allerdings das Fraktionellen, das die geringsten Wahlaussichten hat und am wenigsten ernst genommen wird, arbeitet noch mit den veralteten Waffen des polternden Radau- und Rassenantisemitismus. Die andern Gruppen haben sich bessere, zeitgemäßere Methoden zurechtgelegt. Ein lehrreiches Beispiel: Der Herr Abgeordnete Sturm, ein Wiener Christlichsozialer, hat sich als Volksvertreter redlich bemüht, seiner antisemitischen Gesinnung möglichst oft und möglichst radikal Ausdruck zu geben. Er hat russisch-jüdische Deserteure den Behörden denunziert, er hat in rohester Weise gegen arme Durchwanderer gewütet, er hat aus der Hilsneraffäre politisches Kapital zu schlagen versucht. Der arme, geschäftige Zeichenprofessor, der gar so plump dem Antisemitismus seiner Wähler schmeichelte, erntet schnödesten Undank. Die christlichsozialen Gewerbetreibenden seines Wahlbezirks haben seine neuerliche Kandidatur mit der bezeichnenden Begründung abgelehnt, daß „er als Abgeordneter nichts als talmudische Sachen gebracht habe und damit den Gewerbetreibenden nicht gedient sei". Sogar die Wiener Christlichsozialen sind über ihre politischen Flegeljahre hinausgewachsen. Auf jüdischer Seite ist um so größere Wachsamkeit geboten. Die liberale Presse, die „Neue Freie" obenan, vergießt tagtäglich Krokodilstränen über die antisemitisch-klerikale Hochflut, die über Österreich hereinzubrechen droht. Die Wahlerfolge der Freisinnigen in Deutschland geben auf der einen Walze Gelegenheit zu Trost und Hoffnung, daß auch in Österreich der Freisinn nicht endgültig verloren sei. Die Schaffung einer großen deutschfreiheitlichen Partei gibt der anderen Walze Text und Melodie. Die Furcht ist nicht unbegründet, daß die Juden auf beide Lockrufe hereinfallen und einer deutschen Ralliierung zuliebe ihre 'eigenen Interessen im Stiche lassen. Die Schwächung der Deutschen, die das unaus-