Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Volksströmungen. Sind wir davon überzeugt, daß der von der Masse gewählte Weg zum Verderben führt, so ist es unsere heiligste Pflicht, unsere warnende Stimme zu erheben, ohne Rücksicht darauf, wie die Warnung aufgenommen wird. Ich bin kein prinzipieller Gegner jeder Revolution. Der Abfall der Niederlande, die Entthronung der Stuarts in England und die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika waren zweifellos revolutionäre Akte, aber von sittlicher Berechtigung und der Menschheit segenbringend. In der Beurteilung der französischen Revolution stehe ich auf dem Standpunkt Taines, ohne jedoch außer Acht zu lassen, was auch Taine niemals getan hat, daß dieses Ereignis in der Folge einen mächtigen Kulturfortschritt bedeutete. Die gegenwärtige russische Revolution war bis zum 30. Oktober 1905 eben so ethisch wie ersprießlich. Seitdem freilich bewegt sie sich durchihre Maß- und Ziellosigkeit auf einer schiefen Ebene. Das geht uns allerdings nichts an. Wir können bloß von der Ferne als Zuschauer die Dinge objektiv betrachten und beurteilen. Aber diese Revolution hat außerdem sechs Millionen Juden, und, was ich besonders betonen muß, die Zukunft des ganzen jüdischen Volkes in Mitleidenschaft gezogen. Dadurch ist sie unsere Sache geworden, und wir haben nicht das Recht, den parteilosen Zuschauer!* zu spielen, wenn wir von der Überzeugung durchdrungen sind, daß das jüdische Volk in leidenschaftlicher Verblendung alles, auch; seine Zukunft, auf eine Karte setzt und das Spiel leicht verlieren' kann. Wie wir uns auch dazu stellen mögen, wir sehen kein Heil in der verhältnismäßig außergewöhnlichen Beteiligung der Juden an der Revolution. Stünden wir auf dem assimilatorischen Standpunkt^ so wäre einerseits diese Teilnahme verständlich, und anderseits,; hätten wir im Westen kein Recht, auf den Gang der Ereignisse einwirken zu wollen. Aber gerade die nationale Gesinnung gibf'* uns das Recht und verpflichtet uns, die Sache der Juden in Rußland als die unsrige zu betrachten. Räumen wir den russischen Judenf das Recht ein, sich für die revolutionären und proletarischen" Interessen des russischen Volkes bei Nichtbeachtung der gesamten nationalen und kulturellen jüdischen Interessen einzusetzen, so müssen beispielsweise auch die deutschen Juden das Recht haben, das jüdische Bewußtsein zu verwischen und sich den kulturellen Interessen des deutschen Volkes anzuschließen. Es ist auch für mich gar kein Zweifel, daß die helle Begeisterung, die im Westen für die hervorragende Beteiligung der Juden an der Revolution herrscht, aus dem Lager der Assimilation hervorging. Das Ideal ist da, die russischen Juden zu Russen jüdischen Glaubens zu machen. Für die Aufnahme in die russische Gesellschaft sollen sie den hohen Preis zahlen, den die westeuropäische Judenheit vor etwa sechszig Jahren gezahlt hat. Der Freiheitskampf soll die Verbrüderung herbeiführen. Was in den letzten sechzig Jahren vor sich gegangen ist, das begreifen diese Leute nicht und werden es auch nie begreifen. Wie kommen aber nationalgesinnte Juden dazu, sich ohne Überlegung vor dem Fetisch Revolution niederzuwerfen? Gewiß, ich habe vielleicht am frühesten zionistische Gegenwartsarbeit verlangt. Diese kann auch eine politische sein, wenn sie dem jüdischen Volk materiell oder moralisch Nutzen bringt. Sehen wir aber, daß die Revolution dem jüdischen Volk nur ungeheure Opfer an Gut und Blut auferlegt, daß sie noch dazu die Massen verwildert und verroht, unser nationales Dasein äußerst gefährdet und im ganzen unserem Interesse nur entgegenarbeitet, so mag es ja sein, daß wir nichts dagegen tun können, weil wir die Macht über das Volk verloren haben, — aber deshalb uns an das rollende Rad hängen und mitlaufen, das ist schon viel schlimmer als Unverstand. Bis diese Zeilen im Druck erscheinen werden, ist der Wahlkampf in Rußland bereits beendet. Sie können daher niemand nützen oder schaden. Aber deshalb sage ich es völlig objektiv, daß ich diesen Punkt des Helsingforser Programms, der den Zionisten den Anschluß an den Freiheitskampf empfiehlt, entschieden mißbillige. An sich halte ich es für verfehlt, daß die Juden sich soweit exponieren, wie ich überhaupt weder das Ziel noch die Methode der Revolution im jetzigen Stadium gutheißen kann. Aber selbst, wenn ich politisch radikaler wäre, würde ich als Zionist den Juden nicht raten, das Helsingforser Programm in dem bezeichneten Punkt zu befolgen. Dieser hebt geradezu das allgemeine zionistische Programm auf. Aber was hätten die russischen Juden in dieser stürmischen Zeit tun sollen? wird gefragt. Hätten sie das russische Volk in seinem heißen Freiheitskampf im Stich lassen können? Haben die Juden nicht auch als Menschen das dringende Bedürfnis nach Luft und Freiheit? Sind sie nicht noch dazu als Juden von dem alten Regime am meisten gemißhandelt worden? Diese Fragen können wir sachlich beantworten. Das russische Volk ist entweder imstande, seine Freiheit auch ohne jüdische Hilfe zu erringen, oder es ist dieser Freiheit nicht wert und wird sie auch m i t Hilfe der Juden nicht behalten. Es kommt wieder darauf an, ob wir uns auf den assimilatorischen Standpunkt stellen wollen. Tun wir das, so sind die Juden ein Teil des russischen Volkes, der eben die Revolution fördert. Wenn wir aber als Juden das russische Volk befreien wollen, so begehen wir die Lächerlichkeit, die wir bis jetzt an den westeuropäischen Juden nicht genug verspotten konnten. Außerdem verlangen wir Zionisten gar nicht, daß die Juden diesem grandiosen Kampfe als unbeteiligte Zuschauer gegenüberstehen sollten. Sie hätten nur die jüdischen nationalen Interessen nicht vergessen dürfen und diese allein zur Richtschnur ihrer Handlungen machen müssen. Gewiß, auch die Juden haben ein weitgehendes Interesse an der Erkämpfung politischer Freiheiten, sie vielleicht noch mehr als die Russen selbst. Das alte Regime hatten sie am meisten Grund zu hassen und zu bekämpfen. Aber der 30. Oktober 1905 hätte die Juden in Rußland politisch reifer finden müssen. Es war der Moment, wo sie ihre Lage viel bessern konnten und dabei auch die nationalen und kulturellen Interessen sicherstellen. Nie und nimmer werde ich es begreifen, daß die Juden mit einem Male die Agrarfrage so intensiv erörterten, den landarmen Bauer als das einzige Objekt ihrer Reformtätigkeit betrachteten, während das jüdische Volk und das Judentum keinen Boden unter den Füßen hatten. Ihre erste Pflicht war, die Organisation der Gemeinden, des Unterrichtswesens und der Wohltätigkeit in Angriff zu nehmen und deren Legalisierung herbeizuführen. Für uns Juden ist dies wichtiger als die Landfrage, der Achtstunden- Arbeitstag und die ganze soziale Republik, die gerade in Rußland, in dem Lande der politischen Unreife und der Analphabethen sofort und in aller Folgerichtigkeit verwirklicht werden muß. Wenn das die revolutionäre jüdische Jugend anstrebt, so ist sie eben nicht mehr jüdisch, sondern international-revolutionär. Nationale Juden aber müssen die Wahrnehmung jüdisch-nationaler Interessen als ihre höchste oder gar als ihre einzige Aufgabe betrachten. Nicht ich bin antizionistisch, weil mir das Programm der jüdischen Gruppe wegen seiner Verständigkeit gefiel, (freilich ohne daß ich wußte, daß es assimilatorischen Bestrebungen als Deckmantel dienen soll,) sondern diejenigen Zionisten sind antizionistisch, die nicht offen und laut das Eintreten für unser nationales Dasein und für unsere nationale Zukunft höher stellen, als selbst den Kampf für die Freiheit. Es geschah die Einmischung in diesen Kampf, wie mir gesagt wird, aus „taktischen Gründen", um nicht die Masse zu verlieren. " Nun ja, „taktische Gründe" bilden heutzutage die Moral aller politischen Parteien, die das öffentliche Leben heillos demoralisiert haben. Und nun noch ein Wort zum Schluß. Oft genug habe ich es betont, daß es mir durchaus fernliegt, die jüdischen Freiheitshelden verunglimpfen zu wollen, wenn ich auch ihr Tun und Treiben für schädlich halte. Menschen, die für ein Ideal, auch für ein falschverstandenes, schwere Opfer bringen, dafür kämpfen und leiden, flößen mir immer die höchste Achtung ein. Ich identifiziere also