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Die Welt · 1907-02-08 · 6 (8.2.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ihre Sehnsucht war in der Vergangenheit und Zukunft ihres eigenen Volkes. Sie hatten niessianische, nicht spanisch-nationale Träume. Und in demselben Holland, wo die Juden „als ein kräftiges, selbstbewußtes Geschlecht, als ein Geschlecht, das stark war, weil es fest in dem Boden, auf dem es stand, wurzelte", wohnten, genügte die ferne Kunde von dem Messias im Orient, von Sabbatai Zewi, um das ganze feste Gefüge zu erschüttern, um alle Träume wachzurufen, alle Ordnung beinahe niederzureißen. So stark sind die Wurzeln, die nicht im Boden, worauf Juden wohnen, stecken. Ihre Wurzeln reichen tiefer, ins Unendliche, Jenseitige, in das Zukunftsreich. Der Soziologe der Assimilation mag ja vielleicht recht haben, wenn er vom Standpunkte des Einzeljuden oder des Staates, in dem Juden wohnen, ausgeht. Ein Staat verdaut keinen Femdkörper, zumal wenn der, wie die Juden, ein „Sauerteig", ein Gärungsstoff ist. Und darum „muß die Aufgabe des Staates sein, den Prozeß der gesellschaftlichen Eingliederung der Juden in seinen Organismus zu beschleunigen". Aber das ist dann keine „soziologische" Betrachtungsweise. Denn damit ist der Schwerpunkt von der Gesellschaft auf das Individuum verlegt. Das Individuum wird sich assimilieren können, die Gemeinschaft aber nie. Und wird ein Unterschiedsmerkmal verwischt, so tritt ein anderes an seine Stelle. Solange die jüdische Gemeinschaft eine solche bleiben wird, ist die Assimilation unmöglich. Folglich geht das Ziel der Assimilation auf die Atomisierung der jüdischen Gemeinschaft, was wiederum unmöglich ist, solange ein inneres Band besteht. Aus der Asche wird sie auferstehen, — aus den Knochen wird sich ein neuer Körper bilden. Ein jüdischer Mensch ist außerhalb des jüdischen Volkes unmöglich. Will man nun die Bildung harmonischer ganzer Juden, so muß man für das Werden eines ganzen, einheitlichen, harmonischen, jüdischen Volkes sorgen. Das ist die zweite Antwort, die wir auf die Frage geben. Und unsere Antwort ist unanfechtbar. Eben, weil wir die Würze 1losigkeit des Juden zugeben, eben, weil wir seine sozi als Unruhe kennen, wollen wir ihn in eine höhere Einheit eingliedern, in die des einen und unteilbaren jüdischen Volkes. — MEIN STANDPUNKT UND MEINE VERTEIDIGUNG*) Von Dr. SIMON BERNFELD Meine ruhigen und sachlichen Ausführungen in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Januar haben in der zionistischen Presse (auch in der „Welt" vom 1. Februar) heftigen Tadel und Widerspruch hervorgerufen. Über die Unterstellung in einer hebräischen Tageszeitung, daß ich in der „Welt" im zionistischen, und in einem anderen Blatt in antizionistischem Sinne schreibe, rege ich mich nicht besonders auf, zumal ich gerade in dem Artikel, der in der genannten nichtzionistischen Zeitung erschienen ist, den schroffen Ton gegen die Zionisten in dem Aufruf der „Jüdischen Gruppe" als völlig ungerechtfertigt zurückwies. Für alle, die mich kennen, steht meine Gesinnungs- und .Überzeugungstreue zweifellos außer Frage. Sonst aber bin ich an Angriffe vornehmer und häßlicher Art reichlich gewöhnt. Indessen liegt mir wohl sehr daran, daß mich meine Freunde verstehen. Das veranlaßt mich, in dem allgemeinen Organ unserer nationalen Bewegung nochmals meinen Standpunkt darzulegen. Man möge es mir aber nicht als Überhebung anrechnen, wenn ich es offen sage, daß ich keineswegs darauf hoffe, schon jetzt andere zu meiner Ansicht zu bekehren; ich betrachte jedoch meine Darlegung als ein geschichtliches Dokument, das ich in der „Welt" aufbewahrt wissen will. *) Wir erhalten diesen Artikel kurz vor Redaktionsschluß und behalten uns daher vor, auf ihn noch zurückzukommen. Es wird mir entgegengehalten, daß ich wohl geschichtliche Ereignisse, die der Vergangenheit angehören, zu würdigen verstehe, nicht aber solche, die sich vor unsern Augen vollziehen. Deshalb meine Abneigung gegen die russische Revolution. Darauf erwidere ich: in der Beurteilung geschichtlicher Vorgänge, gleichviel ob aus i der Vergangenheit oder in der Gegenwart, gibt es keine Beweisführung von mathematischer Gewißheit. Sind die Meinungen geteilt, so kann der Irrtum auf der einen wie auf der anderen Seite sein. Es ist anzunehmen, daß ein Mann, der viele Jahre seines Lebens der Erforschung und der Aufhellung geschichtlicher Episoden gewidmet hat, seinen Blick wohl geschärft hat, auch die Vorgänge der Gegenwart in ihrem Wesen und in ihren möglichen Folgen zu , erfassen. Wenn man gegen mich, wie auch gegen Achad Haam und Josef Klausner — ich schäme mich dieser Gesellschaft durchaus nicht — argumentiert, daß ich das Volk nicht verstände, welches für die Revolution begeistert sei, so macht dies auf mich keinen besondern Eindruck. Denn erstens begeistert sich :„da^: Volk" für jede Revolution, ohne für deren Folgen Verständnis haben zu können. „Das Volk" hat sich auch für die Kreuzzüge und ähnliche Ausschreitungen leicht gewinnen lassen. Außerdem gehören . auch wir, die wir den Dingen eine andere Wendung geben möchten. . nicht minder zum Volk. Gerade in der jüdischen Geschichte haben wir Beispiele genug für die richtige Wertschätzung sogenannter

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