Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Juden." Damit ist die Grenze gesteckt. Es handelt sich somit um eine einzelne Erscheinung, um eine Äußerung der jüdischen Seele, um die „soziale Unruhe", d. h. um die Unsicherheit der Außenwelt, aber auch gewissermaßen um das Wanken der Innenwelt gegenüber. Also nur die negative Seite, nicht die tiefere, kulturfördernde, individuelle ist unter die Röntgenstrahlen der soziologischen Forschung gestellt. Und wie das Gebiet umgrenzt ist, so ist auch das zu analysierende Milieu nur ein Ausschnitt der jüdischen Wirklichkeit. Unter „modernen Juden" versteht der Autor eigentlich nur die Juden Westeuropas, speziell Deutschlands, der letzten fünfzig Jahre, läßt somit das Gros der Juden, der wirklich „modernen", ganz außer acht. Und das ist ein Fehler, den die Soziologen oft, die Theoretiker der Judenfrage beinahe immer begehen, — die allzurasche Verallgemeinerung. Das Judentum wird sozusagen wie ein geqmetrischer Körper betrachtet Ein Bogen in einem Kreise, und mag der Bogen noch so klein sein, kann wohl als Maßstab des Ganzen dienen, ein Ausschnitt aus einem physischen Körper nie. Um so weniger, wenn es sich um einen sozialen Körper handelt. Die deutschen Juden können gar nicht als die „modernen"' Juden betrachtet werden. Man kann sie höchstens unter dem Gesichtswinkel des Kampfes des Judentums gegen das Milieu, des inneren Zwiespalts, der zwischen den Erhaltungs- und Auflösungskräften besteht, nie aber als die Vertreter des modernen „Judentums" betrachten. Ihr Verhalten zum Judentum ist ja nicht ein positives, förderndes, organisches. Sie bieten dem Judentum keine neuen Möglichkeiten, keine eigenen Ideale. Seit der Emanzipation haben sie beinahe nichts zum Fonds des Judentums beigetragen. Die „Wissenschaft des Judentums", die in Deutschland am eifrigsten gepflegt worden ist, könnte vielleicht als der beste Beweis der inneren „jüdischen" Sterilität dienen. Wenn nun die Verallgemeinerung falsch ist, so sind manche Beobachtungen des Herrn Alexander, soweit sie die deutschen Juden betreffen, zutreffend. Das Charakteristische an den modernen Juden ist nach seiner Ansicht die „soziale Unruhe", d. h. „jene eigen artige soziale Erscheinung, die plötzlich die Mitglieder ganzer Gesellschaftsgruppen zu erfassen scheint, ihres Gleichgewichts beraubt und sie vorwärts drängt, ungewissen, fremden Zielen entgegen". Diese Erscheinung der „sozialen Unruhe" stellt sich „als ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung und vor allem der Gesellschaftsbedingungen dar, welche die Juden auf ihrem Gange durch die Geschichte umgaben". Der Gedanke ist im wesentlichen kein neuer. Die Juden sind bereits des öftern als „Wurzellose" bezeichnet worden, als ein Volk, das, ohne Macht über die Wirklichkeit des Lebens dastehend, auch keine konkreten Ziele im Leben bat, als Menschen, die in die moderne Gesellschaft erst spät hineingekommen, mit ihr nicht verwachsen sind und darum keine innere Beziehung zur Wirklichkeit haben. Die neuere Kultur Europas fußt auf einer Entwicklung aus dem Christentum heraus. Das Mittelalter hat tiefe Spuren gelassen, man spürt immer den Hauch vergangener Zeiten. Auch die eifrigsten Kämpfer für das Neue fühlen die Nachwirkung uralter Vorstellungen, den Nachhall von Jahrtausenden. Und nun kamen die Juden, die bisher für sich iebten, und wollten die Kultur in sich ganz, restlos aufnehmen, von ihr aufgesogen werden. Aber als sie zum Urgründe der europäischen Psyche kamen, da mußten sie Halt machen. In ihnen lebte eine andere Welt nach. Und die beiden Welten stießen aufeinander, prallten gegeneinander. Das ist das Problem, das tragische Moment ier „Wurzellosigkeit" der modernen Juden. Und dieses hat auch unser Autor herübergenommen. Nun ist aber die Grundannahme Trotz ihrer Augenscheinlichkeit unrichtig. Die „Wurzellosigkeit" ist kein notwendiger, dem modernen Juden immanenter Zug. Er ist es nur insofern, als der Jude sich selbst verneint, etwas anderes werden will. „Wurzel" und „Boden" müssen nicht materieller Natur sein. Ideen, eine Weltanschauung, Traditionen können ebenso starke Wirklichkeitsmomente sein wie die geschichtliche Reihenfolge der Geschlechterauf demselben Flecken Erde. Innerhalb des Judentums und der jüdischen Gesellschaft fühlt sich der Jude als ein soziales Element neben anderen gleichgearteten. Alle Bedingungen, die zur Gesellschaftsbildung nötig sind, fehlen dort nicht. Auch das Streben der Macht ist vorhanden. Und dieses Streben, ein Surrogat der wirklichen Machtentfaltung, ist gleichfalls ein Faktor des sozialen Lebens. Wo der Jude sich heimatlos zu fühlen beginnt, ----- das ist die Außenwelt. Der frühere Jude merkte es nicht. Er war außerhalb seines Milieus n demselben Maf3e fremd, wie jeder Fremdvölkische in der Mitte einer neuen, ihm nicht verwandten Gesellschaft. Die Tragik begann mit dem Moment, als der Jude, der deutsche, westeuropäische, „moderne", die Begriffe „fremd" und „eigen", „Ich" und „Mitwelt*1 auf den Kopf stellte, das Unten zum Oben machte, den Mittelpunkt verschob. Darüber wie über manche andere Erscheinung im Leben der westeuropäischen Juden das Streben zum „Vorwärtskommen" als Folge des Gegensatzes zwischen der Undifferenziertheit der jüdischen Gesellschaft des Ghettos und der strengen Klassen- und Ständescheidung Europas, die Jagd nach Reichtum, nach Geld, als ein antinationalisierendes Wirtschaftselement, gleichsam ein Sinnbild der Losgelöstheit vom Boden und von historischen Bedingungen usw. — gibt Dr. Alexander manche zutreffende, wenn auch nicht neue Aufklärung. Das sind die Ursachen der „sozialen Unruhe". Und wie kann man diese Unruhe beseitigen, wie kann man die jüdischen Menschen wieder ins Gleichgewicht bringen? Und auf diese Frage sind zwei Antworten möglich. Eine von diesen wird uns im besprochenen Aufsatz geboten. Das Ziel der Juden heißt es, ist, in der Gesellschaft heimisch zu werden, sich ihr anzupassen, in ihr aufzugehen. Und dies geschieht auf folgende Weise: „Durch den Prozeß der fortschreitenden Eingliederung der Juden in der Gesellschaft ist notwendig eine Anpassung derselben an ihre soziale Struktur und vor allem ihre geistige Struktur verbunden. Damit aber entfernen sich die Juden von einander vergrößert sich der Abstand, die Distanz zwischen ihnen . . . Unzweifelhaft dürfte sein, daß die Existenzbedingungen derselben (der Juden) für Westeuropa, insbesondere Deutschland, wesentliche Veränderungen erfahren werden, deren letzte Wirkungen nicht abzusehen sind. Bei der fortschreitenden Existenz der Juden wird es für die Existenz des Judentums darauf ankommen, welche Stärke das religiöse Band haben wird, das nunmehr, nachdem der innere Zusammenhang sich stark gelockert hat und vor allem weiter lockern wird, das „Bindemittel" ist." Also das notwendige Ergebnis der Entwicklung ist die vollständige Assimilation. Ist dem aber wirklich so? Muß die Assimilation die Folge der wirtschaftlichen Eingliederung, der ökonomischen Einartigkeit der Juden mit der übrigen Bevölkerung sein, und ist anderseits eine Assimilation ohne diese Vorbedingungunmöglich? Warum sind dann die Juden Italiens und Frankreichs so durch und durch assimiliert, trotzdem sie wirtschaftlich sich gar nicht angepaßt, sondern im Gegenteil neue Formen geschaffen haben? Und woher dieUnassimilierbarkeit derOstjuden, trotz ihrer sozialen Diffe - renziertheit, trotz der immer schärfer werdenden Klassenbildung und dergleichen? Und was soll der Ertrag der Assimilation sein? „Sie (die Juden) werden erst dann, wenn an die Stelle gesellschaftlicher Haltlosigkeit das Gefühl der Ruhe tritt, das gegründet ist auf dein Gefühl der Zugehörigkeit zum Gesellschaftsganzen, in sich starke harmonische Persönlichkeiten hervorbringen, denen der letzte Rest innerer Zerrissenheit fehlt. . ." Der letzte Rest „innerer Zerrissenheit,, aber auch jüdischer Seele. Was wird nun bei diesen deutschen Männern, die von allem Jüdischen losgelöst, an keine Erinnerung, an keine seelische Wurzel gebunden, „jüdisch" sein? Also vollständiges Aufgellen? Dann greift unser Autor zu einem falschen Beispiel, wenn er den Zustand der holländischen Juden oder der spanischen vor der Vertreibung als Beispiel zitiert. In Spanien und in Holland waren die Juden ein Volk, — und keine Religionsgemeinschaft, „riatio judaica". Sie sprachen wohl spanisch, — aber