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Die Welt · 1907-02-08 · 6 (8.2.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIEl^ELT ' - . einen entgültigen Entschluß zu fassen. Nur eines hört man deut-bellt, beißt nicht", sagt ein französiches Sprichwort. — No. 6 lieh aus dem Gestammel und Gelalle über diese Fragen heraus: Mit dem Bunde wollen wir nichts gemein haben. Und wenn dieser Beschluß in Wirklichkeit umgesetzt werden wird und wenn deshalb bei den Wahlen die oppositionellen Kräfte zersplittert sein werden, so liegt die ganze Verantwortung für die daraus erwachsenden Folgen auf den jüdischen Liberalen („Dergreicher") und den Zionisten. Dieser Bericht scheint dazu geschrieben zu sein, um von Kennern der Sachlage nicht gelesen zu werden. „Der „Bund" unterminiert die Position der Zionisten." Der „Bund" und noch einmal der „Bund"! Wer da weiß, welch geringe Rolle er im jüdischen Leben spielt und welch' allergeringste in seiner Hauptburg Wilna, der muß über die Naivität der Leute — oder sollen wir sagen Dreistigkeit — in helles Staunen geraten. Eine Partei, die so wenig Kräfte, so wenig Anhänger hat, die, wie man in Wilna sagt, ihre Soldaten in Amerika, ihren Generalstab in Rußland hat, will das Schicksal der Juden Rußlands leiten! Was haben sie bisher für die Juden geleistet? Warum gebührt ihnen ein Platz in der Vertretung der Juden? Etwa deshalb, weil sie dem jüdischen Volke seine Existenzberechtigung abgesprochen, weil sie ihr Programm verraten haben, indem sie in die allgemeine russische Sozialdemokratie eintraten? Oder etwa deshalb, weil sie die Juden terrorisieren, alle Kulturkeime zerstören, die Jugend demoralisieren? Wo sind des „Bundes" jüdische Verdienste? Er geifert, er bellt, er schimpft auf alles was jüdisch ist und bleiben will — das ist wahr. Aber das können auch andere, das können auch die Antisemiten, das können auch die bürgerlichen Assimilatoren. Schimpfen ist kein Beweis von Kraft, wie Bellen kein Beweis von Bissigkeit ist — „ein Hund, der Verleumdungen gegen die Zionisten lassen uns kalt. Das Gerede von einem „reaktionär-zionistisch-antisemitischen Block" kann höchstens den Lesern der „Arbeiter-Zeitung" glaubwürdig erscheinen. Wahr ist dagegen, daß im vorigen Jahre bei den Wahlen in Wilna der „Bund" ~ angeblich sich der Wahl enthaltend — mit allen Mitteln gegen den zionistischen Kandidaten Dr. Lewin und für den reaktionären Polen agitierte,' wahr ist, daß er jetzt in Minsk und Bjelostok usw. überall mit der ausgeprägtesten Bourgeoisie zusammen gegen den Zionismus losgeht. Wahr ist weiter, daß die Zionisten offiziell beschlossen haben, mit keiner rechtsstehenden Partei einen Block zu bilden, daß sie Mandate verhandlungslos zurückgewiesen haben, die ihnen z. B. die nationale polnische Konzentration angeboten hat. Daß die Zionisten den „Bund" nicht für den Ausbund von jüdischnationaler Zuverlässigkeit halten, seinen Versprechungen keinen Glauben, seiner Kampfesweise aber nur Verachtung schenken — dürfen die „Bundisten" ihnen nicht verargen. Sie haben es redlich verdient. Der „Bund" weiß nun zu gut, daß er keine Aussichten bei den Wahlen hat und sucht sich im Voraus durch die faule Ausrede zu decken, die Zionisten und die „Dergreicher" (letztere übrigens seine intimen Freunde) hätten ein „Komplott gegen die Freiheit" geschmiedet, um den „Bund" zu stürzen. Das kennen wir! Aber Sand in die Augen streuen wollen hilft jetzt nichts mehr. Soviel politischen Verstand hätten die „Bundisten" doch noch haben müssen, um sich nicht der Lächerlichkeit und Verächtlichkeit preiszugeben! Denn wahrhaftig — von der großartigen Geste des „J'accuse" bis zur lächerlichen des armseligen Verleumders ist nur ein kleiner Schritt! . . . DIE „SOZIALE UNRUHE" DER MODERNEN JUDEN Von P. ALMOGY Die fortschreitende Geschichtsforschung der modernen Zeit hat die Tendenz, vom Äußeren sich dem Inneren der Erscheinungen zuzuwenden. Nicht in dem Sinne der „Völkerpsychologie", die noch hie und da herumspukt, d. h., der deduktiven Methode der Erklärung der Tatsache aus einer vorgefaßten Idee, aus dem Begriffe einer allesbestimmenden Volksseele. Die Methode der „psychologischen" Geschichtsauffassung strebt zur Einzelkenntnis des Geschehenen, zur Erforschung der Tiefen der Vergangenheit, die den Hintergrund der Ereignisse abgaben, zum Studium der Stimmung der Massen in jedem Momente des Geschichtslebens. Wir haben es oft bedauert, daß die jüdische Geschichte noch nicht unter diesem Gesichtspunkte bearbeitet worden ist. Und die zahlreichen Geschichtswerke, die Juden und Judentum berühren, haben mit den Erträgen des jüdischen Lebens, nicht mit diesem selbst zu tun. Weder Ewald oder Jos noch Grätz und Schürer, keiner dieser Historiographien des Judentums hat das jüdische Milieu in den Augenblicken des Werdens der jüdischen Geschichtsmomente studiert. Wir haben zumeist jüdische Kultur- und Literaturgeschichten. Wir haben auch Geschichten de Rückwirkung der allgemeinen Zustände in dieser oder jener Epoche auf das Judentum, — wir haben sozusagen Darstellungen und Beschreibungen, aber nicht Analysen und Zusammenfassungen. Kurz? — es fehlt uns an einer Geschichtspsychologie des Judentums. Die geschichtsphilosophischen Versuche sind auch gering und bieten keine Entwicklungsmöglichkeiten. Die einzige wertvolle Leistung ----- der „More Nebuche Hasman" von Nachman Krochmal ist zu überholt, zu fragmentarisch, um auch für die Gegenwart einen Wert zu haben. Und welche wundervollen Perspektiven eröffnen sich nicht dabei dem Geschichtspsychologen! Jede Periode der jüdischen Geschichte, - besonders aber der Diaspora, — bietet einen unerschöpflichen Schatz von Ein- und Ausblicken. Die tausendartig verschlungenen Fäden, die die Judenwelt mit ihrem jeweiligen Milieu verbunden, die mannigfachen Pfade, die von der Synagoge zur Welt führten, — liegen noch im Dunkel. Nehmen wir eine Periode, — z. B. die jüdisch-arabische in Spanien. Vieles und Vorzügliches ist darüber geschrieben worden. Was wir aber erfahren, ist das Schicksal einzelner, die zum Wort gekommen sind. Und die übrigen? Und die große Masse der Juden? Wie lebte sie, was dachte sie, welche Stimmung war ihr eigen? Die Geschichtsforscher studierten immer die Funktionen des Judentums, die Erscheinungen, aber nie den Organismus an sich, die Einzelzelle. Eine Monographie über eine einzige jüdische Familie wäre wertvoller als Bände summarischer Geschichte. Die Memoiren von Glückel von Hameln geben uns mehr Aufschluß über die Grundstimmung des jüdischen Lebens jener Zeit als die Darstellung, die ihr z. B. Grätz gibt. Man hat immer die Geschichte der Juden gewissermaßen ausschließlich als eine Geschichte des Judentunis betrachtet. Aber was ist denn dieses Judentum, wenn nicht eine Projektion des Judenvolkes? Das Tiefste eines Volkes ist nie in seinen Büchern niedergelegt worden. Zu diesen tiefen Schächten müssen wir hinabsteigen. Man könnte den Gedanken auch anders formulieren. Die Geschichte der Juden muß als soziologische Erscheinung genommen und als solche, dem allgemeinen Leben koordiniert, eingereiht werden. Einreihen heißt, den Grundzug, das Unterscheidungsmerkmal herausfinden. Und eben darum handelt es sich. In dieser Hinsicht ist bisher beinahe nichts geschehen. Hie und da stoßen wir auf gelegentliche Äußerungen (vergl. Sombart, Simmel), auf Gedankenblitze, die aber zu keinem Gedankenspektrum vereinigt werden können (J. Wassermann: Los der Juden). Einen solchen „Versuch" fanden wir neulich in einem Aufsatz von Dr. Kurt Alexander (im Januarhefte der „Preußischen Jahrbücher"). Der Aufsatz trägt den Namen: „Die soziale Unruhe der modernen

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