Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 6 DIE^KELT 5 tischen Wohnsitzgemeinde sind. Die Zugehörigkeit zur Stadtgemeinde Cöln — die im vorliegenden Falle allein in Betracht kommt — ist aber nach § 3 der Städteordnung für die Rheinprovinz lediglich von der Begründung des Wohnsitzes in dem Stadtbezirke abhängig. Einen Wohnsitz in Cöln können zweifellos auch Ausländer begründen. Ausländische Juden werden demnach durch Begründung des Wohnsitzes in dem Stadtbezirke Cöln gleichfalls Mitglieder der Synagogengemeinde. Als solche sind sie aber nicht nur nach § 4 des Statuts beitragspflichtig, sondern zugleich nach Maßgabe der §§ 21 und 22 des Statuts aktiv und passiv wahlberechtigt. Gegenteilige Vorschriften für Ausländer sind weder im Gesetz über die Verhältnisse der Juden, noch in dem Statut der Synagogen-Gemeinde Cöln vorgesehen. Ihre Beschwerde wird deshalb hiermit als unbegründet zurückgewiesen. I. V.: gez. Fink. Herrn Albert Bier, Cöln, Bismarckstr. 45 1. Es ist gut, daß einmal eine solche Entscheidung von zuständiger Stelle erfolgt ist. Denn es wird damit endlich eine Unklarheit beseitigt, die schon lange herrschte; anderseits wird aber auch damit, und das ist die Hauptsache, vielen Machthabern der jüdischen Gemeinden in Deutschland endlich eine vergiftete Waffe aus der Hand gewunden, womit zu drohen die Herren schon seit Jahren liebten, wenn es sich darum handelte, das „ausländische Pack", die „Polacken", auf dem Pariastandpunkt, niederzuhalten. Herr Bier war vielleicht der einzige, der den schmählichen Mut besaß, öffentlich von der Waffe Gebrauch zu machen, die sich jetzt gegen ihn entladen hat. Gesinnungsgenossen hat er jedenfalls in der deutschen Judenheit, und besonders in den „besseren" Kreisen, mehr als genug. Wie sagte doch jener preußische Minister: „Anständige Juden aus guten Kreisen haben mir selbst versichert, daß ihnen die Zuwanderung ausländischer — russischer und galizischer — Juden nichts weniger als augenehm ist." Und der Grund liegt auf der Hand. Diese Leute bringen die bei den Oberen so unbeliebte „Jüdischkeit" mit sich. Und insbesondere, wenn sie es unternehmen, Einfluß zu gewinnen auf den Gang des jüdischen Lebens ihres Adoptivvaterlandes, das ihnen die politischen Rechte kraft eines mittelalterlichen Fremdengesetzes vorenthält, wird das liberale assimilierte Reformjudentum der deutschen Juden in Gefahr geraten, erschüttert und durch etwas Besseres ersetzt zu werden. Und eben darum rufen wir unsern „ausländischen" Brüdern zu: Nehmt die Entscheidung des Kölner Regierungspräsidenten ad notam! Machet Gebrauch von dem Rechte, das euch nunmehr niemand wird verweigern können! Sorget dafür, daß ihr wenigstens in jüdischen Angelegenheiten den Einfluß bekommt, der eurer Anzahl, eurer Steuerkraft und eurer Intelligenz entspricht! Das sterile deutsche Judentum kann es sehr gut vertragen, wenn ein frischer Blutstrom vom Osten in den altersschlaffen Organismus einströmt. Hier ist wirklich einmal eine „Mission" des Judentums, seid ihr deren Träger! An die Wahlurnen der jüdischen Gemeinden, „ausländische" Brüder! „Jüdisches Proletariat und jüdisches Bürgertum" "y^" schiedenen Auslassungen und Kundgebungen der „Bundisten" liest, muß man oft geradezu in Verzweiflung über die grenzenlose Verblendung und Verstocktheit der Leute geraten. Als ob sie mit dem jüdischen Gefühl auch den gesunden jüdischen Verstand von sich geworfen hätten! Sie scheinen der Meinung zu sein, daß die größte Dummheit und Ungezogenheit, im Namen des „Proletariats" begangen, schon dadurch eine Sanktion erhält. Ein Muster bundistischer Verlogenheit ist ein wahrscheinlich parteioffizieller Bericht aus Wilna an die Wiener „Arbeiter-Zeitung": Der Wählkampf ist in vollem Gange. Die energische Tätigkeit der Sozialdemokratie rüttelt sämtliche Schichten des jüdischen Volkes auf und zwingt alle in ihm tätigen politischen Gruppen und Parteien, ein detailliertes Glaubensbekenntnis abzulegen. Den jüdischen bürgerlichen Parteien, darunter auch den Zionisten, liegt der Sieg, den sie halb und halb unter dem Decknamen der Kadetten bei den letzten Dumawahlen erfochten haben, noch in Sinn und Herzen; ein Sieg übrigens, der nur dank der Abwesenheit der Sozialdemokraten — und außer ihr gibt's keinen „inneren Feind" im jüdischen Volke — erfochten wurde. Deshalb agitieren sie an vielen Orten gar nicht: sie pochen auf die Trägheit und Unwissenheit der jüdischen Wählermassen. Aber diese Hoffnung wird sie trügen: der „Bund" unterminiert ihre Positionen. Der ganze Organisationsapparat des Bundes ist in Bewegung gesetzt worden. Die besten agitatorischen Kräfte wurden dem Zentralkomitee zur Verfügung gestellt. Die zentrale Leitung des Bundes verteilte sie in drei fliegende Agitationskolonnen: für Polen, für den Süden und das Nordwestgebiet. Außerdem wurden in den unzähligen Städten und Städtchen dieser ganzen ungeheuren Landstrecke Wahlkomitees errichtet, deren Aufgabe es war, die durch die Schreckensherrschaft eingeschüchterte jüdische Bevölkerung zu ermutigen und sie zu veranlassen, sich in die Wählerlisten einzutragen. Diese Aufgabe kann man als glänzend erfüllt bezeichnen; denn trotz der ungünstigen psychologischen Momente, trotzdem die Polizei den Grundsatz: je weniger jüdische Wähler, desto besser — mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln (bis zu der durch nichts motivierten Streichung aus den Listen) — durchgeführt, wurde ein großer Teil in die Listen eingetragen. Da eine öffentliche Agitation vollständig ausgeschlossen ist, so mußte von Mann zu Mann agitiert werden. Und diese mühevolle Registrationsarbeit, die zugleich mit der Agitationsarbeit gepaart wurde, hat der jüdische Arbeiter ebenso erfolgreich ausgeführt, wie ihm bis jetzt alle seine politischen Betätigungen gelungen waren. Um in der Tätigkeit der Wahlkomitees die nötige Einigkeit zu erzielen, wurden Konferenzen dieser Komitees in jedem Gouvernement oder Bezirk einberufen. Aus den vorliegenden Berichten ist ersichtlich, daß in vielen Orten, zum Beispiel der Gouvernements Suwalki, Grodno, Wilna, Kowno etc. eigene sozialdemokratische Kandidaturen aufgestellt werden. Weiter wurde Genaueres über die Wahlkompromisse mit den bürgerlichen Parteien beraten. Interessant ist die Rolle, die die Gewerkschaften in der ersten Periode gespielt haben und die in den Konferenzen besonders hervorgehoben wurde. Da die jüdischen Gewerkschaften sämtlich unter dem Einflüsse, ja sogar vielfach unter der direkten Leitung des Bundes sind, haben sie als zahlreiches, gut organisiertes Zentrum für die städtische arme Wählerschaft gedient. In den Synagogen, in allen Wählerversammlungen erschienen bundistische Redner, zu Tausenden wurden Flugblätter verteilt. Diese vielseitige Arbeit hat alle Kräfte der Organisation in Anspruch genommen. Und nicht nur, daß die breiten Schichten des Volkes mit dem Programm der Sozialdemokratie bekannt wurde, ist dadurch erzielt worden: wir haben auch einen tieferen Einblick in die politische Gesinnung der jüdischen nichtproletarischen Bevölkerung gewonnen. Es hat sich klar herausgestellt, daß die Behauptung der Zionisten, alle Juden seien zionistisch angehaucht, ein leerer Wahn ist. Wie die „Volkszeitung" berichtet, wollte man in vielen Orten die bundistischen Agitatoren nicht in die Wohnungen lassen, weil man sie anfangs für Zionisten hielt. Es ist auch nicht verwunderlich, daß die mittleren Schichten des Judentums unter den Einwirkungen des realen politischen Lebens Rußlands ihre zionistischen Träumereien fahren lassen. Ungeachtet der hohen Worte von Freiheit, Demokratie etc. sind die bürgerlichen jüdischen Parteien bereit, mit allen Mitteln die bundistischen Kandidaten niederzuschlagen. Die jüdischen großbürgerlichen Parteien in Warschau unterhandeln mit der antisemitischen „Narodowaja Demokratia", deren Vertreter sich schon in der ersten Duma als Erzreaktionäre entpuppt haben. Der bekannte zionistische Führer Schabotinsky hat den Wählern im Gouvernement Wolhynien den Rat gegeben, sich mit den Gutsbesitzern (Reaktionären) zu vereinigen, falls mit Hilfe der Bauern ein jüdischer, lies zionistischer, Deputierter nicht gewählt werden könne. In der zionistischen Zeitschrift „Jewrejskaja Mysl" (Jüdischer Gedanke) Nr. 11 wurde dieser Vorschlag verallgemeinert. „Im Streite zwischen einem jüdischen Assimilator und einem nicht jüdischen Reaktionär lassen wir uns die Freiheit, je nach Umständen unsere Wahl zu treffen; manchmal ist der Feind dem Verräter, vorzuziehen. Damit ist die Frage, wie wir uns in Sachen des Bundes zu verhalten haben, erledigt." So kommt ein reaktionär-zionistisch-antisemitischer Block zustande,. Was den Ideenkampf der Parteien anlangt, so zeigt sich die junge jüdische Bourgeoisie als verständige Schülerin der westeuropäischen. Statt der Ideen rücken Verleumdungen ins Feld. In offener Feindschaft gegen die linksstehenden Parteien und mit den rechten Parteien liebäugelnd, sind die jüdischen bürgerlichen Parteien außerstande, in der Frage der Wahlabmachungen