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Die Welt · 1907-02-08 · 6 (8.2.1907) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Juden liegt in einer anderen Richtung: es liegt darin, daß diese Antisemiten gewählt worden sind mit Hilfe der nationalliberalen, mit Hilfe der freisinnigen Wähler. In vier Wahlkreisen haben die Freisinnigen geschlossen für den Antisemiten gegen den Sozialdemokraten gestimmt und in sieben die Nationalliberalen. In Eschwege ist Raab, der berüchtigte Raab, nur gewählt worden, weil die freisinnige Parteileitung die offizielle Parole für ihn ausgegeben hat, und ebenso ging es in Elberfeld zu, wo alle Liberalen geschlossen für den Antisemiten eintraten (und damit den Sozialdemokraten Molkenbuhr, der 22 Jahre den Wahlkreis innegehabt hat, verdrängten), und ebenso war es in Meißen usw. usw. Und damit der Tragödie auch das Satyrspiel nicht fehle, haben in Waldeck die Nationalliberalen sogar gegen den Freisinnigen für den Antisemiten gestimmt, und es ist nicht ihre Schuld, daß ihr Manöver nicht geglückt ist. Man sieht, auch die „liberale Einigung" macht Halt vor dem Antisemiten. Es muß ein bitteres Gefühl für die Herren des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sein, wenn sie sehen, wie reizend ihnen die freisinnigen Parteien die unentwegte Propaganda für den Liberalismus und nicht zum letzten auch die finanzielle Unterstützung der freisinnigen Parteikasse, ohne die der liberale Wahlkampf von vornherein unmöglich wäre, lohnen. Nicht nur, daß bei den Freisinnigen die Juden als passiv nicht wahlberechtigtgelten, man erklärt sie auch skrupellos mit den Antisemiten zusammen für nicht gleichberechtigt. Die diesjährige Wahl bedeutet eine fürchterliche Niederlage der leisetreterischen Freisinnspolitik des „Zentralvereins" und seiner Gesinnungsgenossen. Und wir fürchten, es wird bei der Blamage allein nicht bleiben. Die deutsche Judenheit ohne Anwalt ausgeliefert einem stockreaktionären Reichstag, in dem die Antisemiten eine führende Rolle spielen! Wir fürchten, auch die deutschen Juden werden Ursache haben, zu rufen: Vae Victis! Die Moral der Wahlgeschichte Wir haben oben von dem kläglichen Ende der Politik des „Zentralvereins" gesprochen. In der Tat, das Herz kann einem weh tun, wenn man sich nach dieser Wahl vorstellt, daß dieser Verein die politische Vertretung der deutschen Judenheit darstellen soll. Wir Zionisten könnten ja, wenns nicht so traurig wäre» triumphierend darauf hinweisen, wie sehr wir wieder einmal Recht behalten haben. Seit Jahr und Tag warnen wir vor dem Optimismus des Zentralvereins, kämpfen wir gegen diese öde Assimilationspolitik, die es bei der vorletzten Wahl dahin gebracht hatte, daß die Juden aus dem Reichstage hinausgeworfen wurden, und die jetzt den Trost hat, als Ersatz dafür Antisemiten über Antisemiten in den neuen Reichstag einziehen zu sehen. Wir sind den Herren nicht dankbar für die Möglichkeit solchen Triumphierens. Wir müssen uns vielmehr wieder und wieder die Frage vorlegen, ob es denn nicht endlich auch in der deutschen Judenheit anders werden, ob denn die deutsche Judenheit mit Gewalt blind und taub sein will, ob sie unter allen Umständen auf einer Politik (oder vielmehr auf einer Parodie von Politik) beharren will, die sie zum Gespött aller Welt macht. Der Freisinn Hand in Hand mit dem Antisemitismus! Gibt es ein groteskeres Bild, als wenn wir uns den deutschen Juden daneben vorstellen, der eben erst dem Freisinn die Taschen gefüllt und von ihm zur Belohnung einige Kandidaturen erhalten hat, dort, wo es sicher war, daß der Kandidat mit Schmach und Schande durchfiel? Wird jetzt auch den Herren des Zentralvereins, wird jetzt auch den deutschen Juden endlich die Erkenntnis aufgehen, daß der Jude auch in Deutschland und auch bei den Freisinnigen nur geduldet ist? Und werden sie endlich einsehen, daß nur eine selbstbewußt-jüdische Politik den deutschen Juden den Einfluß sichern kann, der ihnen zukommt? Oder Ihnen doch wenigstens die Gewähr dafür bieten wird, daß sie nicht vergewaltigt werden, eine Gewähr, die der jetzige Reichstag wahrhaftig nicht bieten kann? Wir fürchten, offengestanden, es wird alles beim Alten bleiben. Man wird weiterhin vor dem Freisinn auf, den Knien rutschen, , man wird sich weiterhin bald gegen das schwarze Zentrum, bald gegen die rote Sozialdemokratie aufhetzen lassen, man wird weiter- ' hin von der Assimilation träumen und den Herren des Zentralvereins ' und denen des „Verbandes der deutschen Juden" auch weiterhin; freie Hand und die Möglichkeit lassen, das bißchen Macht, das die deutsche Judenheit hat, zum Schaden und vielleicht zum Verderben der deutschen Juden mißbrauchen zu lassen. Das deutsche Judentum, das schon soviel hinuntergeschluckt hat, wird auch diese Schmach hinunterschlucken und wird vielleicht mit ihr prahlen, wie es bisher damit geprahlt hat. Wir fürchten, nicht eher werden die deutschen Juden aus ihrem faulen Schlafe erwachen, bis ähnlich wie in Österreich die Reaktion, die eben so glänzend gesiegt hat, sie schon am Kragen gefaßt haben wird — ' bis es zu spät sein wird. Aber auf eines möchten wir doch noch hinweisen, das : vielleicht auch die Herren des Zentralvereins einmal zum Nachdenken veranlassen wird. Die Antisemiten haben diesmal 119000 Stimmen mehr aufgebracht als früher und haben im ganzen hinter sich mehr als eine halbe Million Wähler. 500000 deutsche Reichs- ' tagswähler haben schon in der Hauptwahl antisemitisch gestimmt. Wenn wir rechnen, daß von den 600000 deutschen Juden 250 000 Reichstagswähler sind, so haben wir das Resultat, daß auf jeden jüdischen Reichstagswähler zwei antisemitische kommen, und auf jeden Juden überhaupt ein antisemitischer Wähler. Und dabei sind die Zentrumswähler und die konservativen Wähler, die Antisemiten sind (und die letzteren sind es fast alle), gar nicht mitgerechnet, r und nicht mitgerechnet sind auch die nationalliberalen und freisinnigen Antisemiten. Wir denken, diese .Zahlen sollten sogar den Herren vom Zentralverein und vom Verband der deutschen Juden etwas zu ' denken geben. Oder werden die Herren auch weiterhin die Stirn haben, auszuposaunen, die Assimilation der Juden in Deutschland, die gegenseitige Verschmelzung, mache Fortschritte? Ein Repräsentant der Synagogengemeinde in Köln hatte gegen die erfolgte Wahl eines (zionistischen) Genieindeangehörigen zum Repräsentanten Protest bei der Regierung eingelegt mit der famosen Begründung, der Neugewählte (der nicht naturalisiert war, obwohl er — nebenbei bemerkt — 18 Jahrein Deutschland wohnt) sei „Ausländer", und an seiner Wahl hätten sich viele „Ausländer" beteiligt. Wir haben nicht die Absicht, uns mit einer genügenden Charakterisierung dieses liberalen Streiches aufzuhalten. Jeder anständige Mensch wird sich von solcher Handlungsweise mit einem Gefühle des Ekels und der Verachtung abwenden. Uns interessiert vielmehr die Entscheidung der Verwaltungsbehörde, des Regierungspräsidenten, die dem Protestanten zuteil wurde und die natürlich ablehnend für den Beschwerdeführer lautete. Die Entscheidung hat folgenden Wortlaut: Der Regierungspräsident Cöln, den 18. Jan. 1907. A 3, Nr. 15. Ihre Beschwerde vom 11. Dezember 1906 gegen die am 10. und 11. Dezember 1906 vorgenommenen Repräsentanten wählen durch die zur dritten Wählerklasse gehörenden Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinde vermag ich als begründet nicht anzuerkennen. Es wird von dem Vorstande der Synagogengemeinde zwar nicht in Abrede gestellt, daß der zum Repräsentanten gewählte Herr Max Goldreich Ausländer ist und daß zahlreiche Ausländer sich an der Wahl als Wähler beteiligt haben. Dieses Verfahren steht jedoch mit den von Ihnen hervorgehobenen gesetzlichen und statuarischen Bestimmungen nicht im Widerspruche. Vielmehr sind nach § 2 des Gemeindestatuts alle innerhalb des im § 1 angegebenen Bezirks wohnenden Juden insofern Mitglieder der Synagogengemeinde, als sie Mitglieder ihrer poli- An unsere ausländischen Brüder!

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