Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 EL LJTT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRG. KÖLN, 8. Februar 190tf: P"nr6 rftnn"« 122® "iD No. 6. DI D REVUE DER WOCHE □ |P Nach der deutschen Wahlschlacht Nach den Exaltationen der Wahlschlacht fällt Deutschland in die nüchterne Alltäglichkeit zurück. Man zählt und wägt: Gewonnen — verloren, man triumphiert oder verbirgt durch lauten Zorn den Schmerz über die teuren Häupter, die da fehlen. Die Regierung kann zufrieden sein: Sie hat erreicht, was sie wollte, obwohl sie das Zentrum nicht besiegt hat. Das Zentrum kann zufrieden sein: Es ist noch stärker geworden, obwohl es von der Regierung zum Kampfobjekt auserkoren worden. Die Sozialdemokratie ist fast um die Hälfte ihres früheren Besitzstandes gebracht worden, man verspottet sie, bedauert sie, liest ihr nach allen Regeln die Leviten. Aber weder die Regierung noch das Zentrum noch die Sozialdemokraten sind die Düpierten, sind bei dem Handel hereingefallen, weder die einen mit ihrem Sieg noch die andern mit ihrer Niederlage. Hereingefallen, in einer geradezu lächerlichen Weise, sind — die Liberalen. Sie sind so glänzend auf den Leim gegangen, sie haben sich als Politiker so unglaublich blamiert, daß sie sich selbst schämen müssen, die paar neuen Mandate, die sie im Schweiße ihres Angesichts ergattert haben, als Siegespreis vorzuweisen, und daß man es schließlich begreifen kann, warum eine politisch-denkende Regierung von einer solchen Partei der „Dummen" nichts wissen" will. Mit allen ihren Kräften haben sie sich, Lasttiere des „nationalen" Gedankens, vor den Wagen der Reaktion gespannt. Wo es nur anging, haben sie, dem schlauen Winke der Regierung folgend, daran mitgearbeitet, die Macht der Linken zu schwächen oder zu zertrümmern. Für Konservative, für die reaktionärsten Agrarier sind sie eingetreten, — und der Erfolg: Sie haben zwar im ganzen so etwas wie 20 Sitze gewonnen (die aber zum größten Feile auch noch den mehr als unzuverlässigen Nationalliberalen zukommen), — und das Zentrum zieht mit einigen neuen Mandaten als nach wie vor stärkste Partei in den neuen Reichstag; die Konservativen und sämtliche rechtsstehenden Parteien haben sehr nette Gewinne eingeheimst, und die Sozialdemokratie .ist aufs Haupt geschlagen. Mit andern Worten: Die Regierung, die natürlich bald wieder mit dem Zentrum sehr gut freund sein wird, schon weil sie es sein muß, [verfügt heute endlich wieder über die reaktionäre Majorität, die sie schon lange begehrt hat. Für die nächste Legislaturperiode ist Reaktion Trumpf in Deutschland. „Der Liberalismus ist gemeiert", „die Liberalen sind die Hineingefallenen", wehklagt das „Berliner Tageblatt" und prophezeit, daß der Katzenjammer bei den Liberalen nicht ausbleiben werde. Wir werden die Liberalen nicht bedauern, wenn dieser Katzenjammer ein gründlicher sein wird. Gegen eine gewisse Art geistiger Kurzsichtigkeit kämpfen auch Götter vergebens. Der deutsche Liberalismus hat seine politische Unfähigkeit wieder einmal auf das glänzendste bewiesen, — und er wird sie auch fernerhin beweisen. Er hat schon lange aufgehört, aus den Ereignissen zu lernen. Es gibt nur eine Kategorie deutscher Staatsbürger, die dem Liberalismus den Ruhm des am meisten Blamierten streitig machen könnte, das sind die deutschen Juden, wenn wir von ihnen als von einer Einheit reden können. Das Fiasko, das die deutschen Juden erleben mußten, ist freilich so groß, daß sich jeder Liberale neben ihnen noch als ein Meister der Diplomatie vorkommen muß. Die Liberalen haben zwar an Einfluß verloren, aber sie können doch wenigstens einige neue Sitze vorzeigen, sie haben doch immerhin etwas, mit dem sie vor Ahnungslosen renommieren können. Aber die Juden haben nichts anderes, als daß sie dabei mitgeholfen haben, daß ihre Todfeinde ihre Mandatzahl fast verdoppelt haben und daß sie demgegenüber völlig wehrlos, ohne irgend einen Verfechter ihrer Iuteressen, im neuen Reichstage dastehen. Wir haben vor der Wahl darauf hingewiesen, daß die deutschen Juden im neuen Reichstage keinen einzigen bürgerlichen Vertreter haben werden. Wir haben prophezeit, daß der Einfluß der Juden im neuen Reichstage gleich Null sein werde und daß sie sich selbst ohne Versuch der Gegenwehr der Reaktion auszuliefern im Begriffe wären. Und es ist gewiß nicht erfreulich, nicht für uns und nicht für die deutschen Juden, daß unsere Prophezeihungen in einem Umfange Wirklichkeit geworden sind, der unsere schlimmsten Befürchtungen übersteigt. Zehn Sitze haben die ausgesprochen antisemitischen Parteien (Deutsch- Soziale, Christlich-Soziale, Wirtschaftliche Vereinigung und Bund der Landwirte) gewonnen und ziehen insgesammt in einer Stärke von 29 Mitgliedern in den neuen Reichstag ein. Und diese Herren, die nicht zögern werden, sich nach dem Muster des verflossenen Reichstages zu einem Verband zu vereinigen, der, so verschieden die Ansichten seiner Mitglieder in vielen Beziehungen sein mögen, in Bezug auf Judenhaß ganz und gar einig sein wird, werden dann eine Gruppe darstellen, die die kleinen freisinnigen und demokratischen Parteien an Stärke um das Doppelte übertreffen und die mit Fug und Recht sich darauf wird berufen können, daß hinter ihr mehr als eine halbe Million deutscher Reichstagswähler steht, daß sie also auch in dieser Richtung eine der stärksten deutschen Parteien ist. Nun, darüber wäre noch ein Besonderes zu sagen. Das eigentlich Blamable aber, das Hauptfiasko der deutschen