Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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mm 16 DIE LT No. 5 ja wohl sagen, daß dies ein Zeichen einer gesunden Organisation darstelle, die es vertrage, daß ihre einzelnen Glieder derartige Extratouren machen, ohne daß der gesamte Bau dabei irgend in Gefahr käme. Nun, zunächst ist das letzte Wort über die Aktionen der Österreicher und Russen nicht gesprochen. Wir haben gesehen, daß z. B. die deutschen Zionisten eine ähnliche Aktion durchaus ablehnen und behaupten, daß derartige Dinge mit dem Zionismus absolut nichts zu tun hätten, und in Österreich haben sich Mitglieder des A. C. öffentlich gegen die Wahlaktion ausgesprochen und versucht, darzulegen, daß dieses Vorgehen den zionistischen Grundsätzen direkt ins Gesicht schlage. Anderseits haben manche Blätter berichtet, daß unter den Palästinapionieren große Unzufriedenheit herrsche, weil das A. C. ihre Bewegung nicht begreifen wolle und sich ihr gegenüber völlig passiv verhalte, und insbesondere wurde darüber geklagt, daß das A. C. sich weder zustimmend noch ablehnend äußere, so daß man gar nicht wisse, woran1 man sei. Wie immer, es ist jedenfalls weder für die Einheit noch für das Ansehen der Organisation gut, wenn sie sich plötzlich vor faits accomplis von dieser Tragweite gestellt sieht, und es zeugt auch nicht von einem guten Funktionieren der Leitung, wenn solche Abzweigungen erfolgen konnten, ohne daß eine einzige Kundgebung ihrerseits erfolgte. Nun haben wir ganz gewiß keine schlechte Leitung. Die Männer, die darin sitzen, sind doch schließlich das Beste, was wir haben, und die verschiedenen Richtungen sind in ihren prägnantesten Vertretern darin repräsentiert. Wenn wir das bedenken, leuchtet es uns vielleicht ein, daß, wie die Dinge einmal liegen, nicht die Leitung an sich die Schuld daran trägt, wenn wir manchmal über langsames Vorwärtschreiten der Bewegung klagen oder daran, das der einheitliche Zusammenhang in sehr wichtigen Dingen nicht gewahrt worden ist, sondern das es das System ist, das die Leitung hindert, so umfassend und alles beherrschend zu arbeiten, wie es im Interesse der Sache notwendig wäre. Worin besteht denn das jetzige System? Das A.C. hat ein Zentralbureau eingesetzt, dem die Führung der Geschäfte obliegt. Natürlich ein Bureau ist notwendig. Aber unser Bureau ist im Verhältnis zu unseren Aufgaben viel zu klein und primitiv, daß wir wirklich keinen Grund haben, uns zu wundern, daß ihm als solchem nicht mehr gelungen ist. Wenn wir eine große Lokomotive bauen, erscheint es uns als selbstverständlich, daß wir ihr genügend Kohlen geben, damit sie auch ordentlich und schnell fahre und nicht etwa im Felde stecken bleibe. Als wir die große zionistische Organisation schufen, haben wir aber weder die große Maschine eingebaut, die notwendig war, sie im Gange zu erhalten, noch haben wir für genügendes Heizmaterial gesorgt. Anfangs ging es ja schließlich an, daß lediglich ein verhältnismäßiges kleines Bureau eingerichtet wurde, das nichts anderes zu tun hatte, als die etwa einlaufende Korrespondenz zu erledigen, die Schekelverrechnung zu führen und sich auch ein wenig um die Agitation zu kümmern. Aber die Organisation ist in der Zeit doch mächtig ausgewachsen, und ihre Aufgaben sind ganz gewaltig geworden. Und nun kommt noch dazu, daß die Bewegung früher doch von einem Kopfe geleitet wurde, daß aber heute die Leitung aus sieben Personen besteht, die überall in der Welt verstreut wohnen. Auf dem siebenten Kongreß war die Einsetzung eines derartigen Komitees ein Notexperiment. Aber wer kann denn jetzt noch glauben, daß damit etwas Großes erreicht werden könne? Eine politische Bewegung, eine Bewegung, die nicht weniger bezweckt, als dem jüdischen Volke, daß zerstreut und uneins, sozial, kulturell und religiös zerklüftet ist, Palästina zu verschaffen, damit es dort als unabhängiges Volk wohne, eine solche Bewegung ist doch nicht einfach derart zu machen, daß hin und wieder der eine Mann oder ein anderer zu dem und jenem geht und mit ihm darüber spricht, selbst wenn dieser oder jener ein Minister oder ein Fürst ist. Und es genügt doch auch nicht, daß in dieser Stadt ] und in jener einige Juden, nicht immer die Mehrzahl der Juden, hin und wieder zusammenkommen und ausdrücken, daß es ihr Wille ist, daß Palästina wieder ihnen zu eigen werde. Fürwahr, die Aufgabe ist so ungeheuer groß und schwer, und ist dadurch, daß sie mit dem jüdischen Volke rechnen muß, so furchtbar kompliziert, daß die Mittel, mit denen man arbeiten muß, gar nicht großartig und gar nicht subtil genug sein können. Und das haben wir, glaubeich, bisher übersehen. Und darum meine ich, wird es Zeit, sich darauf zu besinnen. Ob wir Palästina auf die Weise der „politischen" oder „praktischen" Zionisten bekommen wollen, jedenfalls müssen wir für alle Fälle die Werkzeuge, den Apparat und den Mechanismus haben, mit denen wir zu arbeiten imstande sind. Und der nächste Kongreß sollte den ersten Schritt auf diesem Wege tun und sollte sich klar darüber sein, daß darin vielleicht viel mehr die Lebensfrage des Zionismus liegt als indall den Differenzen und Diskussionen, die so lange gegenstandslos sind, als sie nicht in die Realität übersetzt werden können.! Was also müßte geschehen? Wie auch die Frage der engeren Leitung gelöst werden wird, — sei es, daß wir bei dem bisherigen Systeme des siebengliedrigen engeren Aktionskomitees bleiben, dessen Mitglieder nicht notwendig an einem Ort zusammen wohnen müssen, sei es, daß wir ein anderes System annehmen, — in ijedem Falle muß ein Zentralbureau geschaffen werden, daß der Bewegungangemessen und ihrer würdig ist. Dieses Zentralbureau würde gemäß seinen Aufgaben etwa folgende Ressorts haben müssen. : Ein Ressort für die außenpolitische Arbeit. Sie wird immer eine Domäne der obersten Leitung sein müssen, und sie kann auch nur von wenigen Eingeweihten ausgeführt werden. Aber solange wir unsere Präsidenten nicht besolden können und sie aus Männern des täglichen Erwerbs nehmen, so lange haben wir auch erstklassige angestellte Kräfte nötig, die sich mit der politischen Leitung der Bewegung beschäftigen müssen. Und wenn wir schon nur einen solchen Mann in der Leitung resp. im Zentralbureau sitzen hätten, wäre vielleicht schon manches der Hindernisse, die heute unserer politischen Arbeit entgegenstehen, gewiß aber das große Hindernis, das in nichts anderem besteht, als daß die politische Tätigkeit der Natur unserer heutigen Verfassung nach im Nebenamte ausgeübt wird, — man denke, Politik im Nebenarnte! — beseitigt. Sodann das innerpolitische Ressort. Ihm läge die Übersicht und Aufsicht über die Gestaltung und die Schichtung der zionistischen Gruppen und Meinungen ob, es müßte in Zusammenhang bleiben mit den verschiedenen sozialen, kulturellen und nationalen Bedingungen und Forderungen des Tages; es hätte die Arbeit, insbesondere die spezifischen Aktionen der einzelnen Landsmannschaften und Verbände zu beaufsichtigen, mit Rat und Tat einzugreifen und dafür zu sorgen, daß das Wirken der einzelnen Gruppen im Sinne feststehender und konsequenter allgemein-gültiger Grundsätze erfolge. Der Verkehr mit den nichtzionistischen jüdischen Korporationen und Institutionen und ihre Nutzbarmachung für nationale Ziele wäre eine weitere Aufgabe. Natürlich erfordert dies tüchtige, sehr tüchtige Arbeiter, Leute, die das Judentum in- und auswendig kennen, es erfordert viele Reisen und Konferenzen, — kommt es heute vor, daß die Zentrale sich durch persönlichen Augenschein von den Verhältnissen in den einzelnen Ländern usw. überzeugt? — es erfordert Subventionen und Subsidien. Und dann ein Ressort für die agitatorische und organisatorische Tätigkeit, die, wie Kenner der Verhältnisse versichern und wie es aus dem unzusammenhängenden Vorgehen der einzelnen ersichtlich ist, heute lediglich von den Landesorganisationen und manchmal vom Zufalle, der einen Redner einmal in unbekanntes, noch nicht beackertes Gebiet führt, ausgeübt wird. Es wäre noch sehr viel zu tun auf dem Gebiete der Vereinheitlichung und Verinnerlichung der agitatorischen und organisatorischen Arbeit, der Beeinflussung und Information der Presse der gesamten Welt. Weiter natürlich ein Ressort für die administrative Arbeit, welches die Leitung der technischen Arbeiten der Organisation hat, die Rechnungsführung und die Kontrolle, die Einrichtung und Beaufsichtigung der organisatorischen Arbeiten der Unterorganisationen. und Vereine in der ganzen Welt usw. usw. Auch dieses verlangt zum wenigsten eine Anzahl gebildeter und erfahrener Beamten, erfordert Reisen, Drucksachen, Broschüren usw., Dinge, die allein schon so viel an Geld erfordern würden, als heute der gesamte Etat des Zentralbureaus beträgt, und dieser ist nicht so hoch, daß Grund vorhanden wäre, anzunehmen, das heutige Bureau abeite zu teuer. Und zum Schlüsse ein besonderes Ressort für Palästina, das die ganze Palästina-Kommission in sich aufnehmen könnte, das aber in den Stand gesetzt sein müßte, wirklich etwas zu leisten, Bedingungen zu schaffen, Informationen zu geben. Natürlich müßte der Stab der Beamten des Bureaus derart gestellt sein, daß talentierte Kräfte nicht von vornherein von der Mitarbeiterschaft ausgeschlossen wären. So denke ich mir das geänderte System der Leitung. Der gewaltige Nutzen, den es bringen könnte, liegt auf der Hand. Abgesehen von der Tatsache, daß dem Judentum überhaupt ein allgemeines Volksbureau mangelt und es ein großes Verdienst der zionistischen Organisation wäre, wenn sie dem jüdischen Volke dieses Bureau schaffte, das bis zu einem gewissen Grade in der Lage wäre, die Verhältnisse der Judenheit auf der ganzen Erde zu überblicken, überall und zu jeder Zeit auf dem Plane zu sein und nach Möglichkeit einzugreifen und wirksam zu sein, — würde diese Zentrale endlich den Zionismus in dem Sinne aktionsfähig machen,