Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 5 £>i€:XaKelt in dessen Namen man uns wehe, sehr wehe getan hat. Und diejenigen Juden, welche vielleicht in analoger Denkweise zu Ihrem Resultat gelangt sind und den Sabbat tatsächlich auf den Sonntag verlegt, haben auch das nationale Band der Judenheit zerrissen. Sie wurden dabei nur von geistloser Nachahmungssucht nichtjüdischer Sitten geleitet und beriefen sich nicht auf die Lehren „eines unserer größten Lehrer": „Es ist besser, denSabbat in einen Wochentag umzuwandeln, als von irgend jemand abzuhängen". Es kostet einige Überwindung, gegen diese Fälschung und Verwirrung der Begriffe mit Ruhe und Objektivität zu polemisieren. Also einer der „größten Lehrer" sollte einem Grundgesetz der Thora eine solche Bedeutung und Einschränkung unterlegt haben, der Thora, deren Verbindlichkeit mit den entschiedensten, unzweideutigsten Worten für alle Zeiten gefordert wird! Es wird wirklich höchste Zeit, daß die Zionisten, und namentlich die an verantwortlicher Stelle, sich ein wenig um das jüdische Schrifttum kümmern, dem doch auch eine gewisse Bedeutung um die Erhaltung der jüdischen Nationalität durch die Jahrtausende nicht abgesprochen werden kann. Ich erlaube mir, falls Ihnen das Studium des Talmud zu schwierig erscheint, Sie auf den Schulchan Aruch § 242 „Gesetze über den Sabbat" hinzuweisen. Da werden Sie über die wahre Bedeutung dieses Ausspruches des Talmud die Belehrung finden und erfahren, daß keineswegs der „Synagoge" etwa nach dem Beispiel der katholischen Kirche das Recht der Dispensation zustehe, die auch die Aufhebung des Sabbats einmal aussprechen könne, sondern, daß unter besonderen Umständen bei großer Armut eine gewisse Einschränkung in der sonst erforderten Ehrung des Sabbat in Speise, Trank und Kleidung gestattet wäre. Das Sinaiwort: „Gedenke des Sabattages, ihn zu heiligen" besteht auch heute noch mit seinem furchtbaren Ernste, das keine Gesinnungsheuchelei oder ein Kompromiß duldet. Daher ist Ihre Behauptung „daß Leute, die den Sonntag - Sabbat einsetzen, bessere Juden sein würden, als diejenigen, die den Sabbat gar nicht heiligen" vollständig irrig, sie sind beide Abtrünnige, die einen aus Gleichgiltigkeit etwa, die anderen aus Sektirerei. Beide aber führen zum Untergange des Judentums. Wie gesagt, ich nehme keine Böswilligkeit bei Ihnen an, sondern Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse. Sie haben aber absolut keineVeranlassung, den Artikelschreiber „boshaftundniedrigen Geistes" zu nennen. Es sind nicht wenige, die ihm Dank wissen für die entschiedene Verteidigung der uralten, unantastbaren Wahrheiten des Judentums. Es ist ein sehr verdienstliches Werk, die zionistische öffentliche Meinung aufzuklären über die ungeheure Gefahr, die auch dem nationalen Bestände der Judenheit aus derartig irreführenden Anschauungen seiner leitenden Männer erwächst, ganz abgesehen von der Diskreditierung der zionistischen Bewegung. Die gesetzestreuen Zionisten jedoch werden mit ihrer ganzen Kraft gegen die zerstörendeTendenzdervon Ihnen entwickelten Anschauungen im Sinne des altüberlieferten religiösen Judentums kämpfen. Das Schicksal des Zionismus ist damit innig verbunden, und von diesem Gesichtspunkt aus möchte ich das Nordausche Wort dahin variieren: „Der Zionismus wird jüdisch sein, oder er wird nicht sein." Hochachtungsvoll Dr. Franck. Zur Affäre „Auch ein Studienkomitee" Zu unseren Veröffentlichungen in der vorigen Nummer erhielten wir von Herrn Arthur Meyerowitz ein (nicht für die Publikation bestimmtes) Schreiben, worin er auseinandersetzt, daß zwischen dem von ihm geleiteten Bureau des „Norddeutschen Lloyd" und dem „Studienkomitee für jüdische Kolonisation" kein organischer, sondern ein rein persönlicher Zusammenhang bestehe und daß er zur Herausgabe der von ihm geleiteten „Korrespondenz", vom „Vorsitzenden des Komitees für jüdische Kolonisation", ordnungsmäßig bevollmächtigt worden sei. Im übrigen würde nach der bald erfolgenden Rückkehr des Herrn Direktor Oliven die völlige Klärung der Angelegenheit erfolgen. Wir reservieren also loyalerweise Herrn Meyerowitz für eine unserer nächsten Nummern Raum zu einer Schlußerwiderung, die zugleich mit einer avisierten Erklärung seitens des Komitees Gelegenheit geben wird, den richtigen Sachverhalt festzustellen. Indessen veröffentlichen wir noch das nachstehende, auf diese Angelegenheit bezügliche Schreiben: Berlin, den 29. Januar 1907. Frankfurt a. M., Miquelstraße 21. An die Redaktion „Die Welt", Köln. Wir lesen soeben Nummer 4 Ihres Blattes und den darin enthaltenen Aufsatz: „Zur Affäre „Studienkomitee für jüdische Ansiedelungen". Hierauf haben wir das Folgende zu erwidern: Auch wir lehnen eine „Vermischung von Geschäftsbetrieb und humanitären Bestrebungen" ab. Von einer Solidarität des „Studienkomitees" mit der „Auskunftsstelle". U. d, Linden 53, kann seither nicht die Rede sein, schon weil der Vorstand des „Studien - komitees" bis jetzt nicht den Beschluß gefaßt hat, sich die „Auskunftsstelle" anzugliedern. Würde ein solcher Beschluß früher oder später erfolgen, so wird dies unter unbedingter Vermeidung jener „Vermischung" und unter Wahrung unserer Stellung und ihrer Pflichten geschehen. Der Vorsitzende des „Studienkomitees", Herr Direktor Oliven, ist auf Reisen; daher kann er diese Erklärung, die seiner Auffassung und seinen Intentionen entspricht, nicht mit unterzeichnen. Wir bitten um unverkürzte Aufnahme des Vorstehenden und sind mit vorzüglicher Hochachtung Goldberger. . Charles L. Hallgarten. □1 □ □ KONGRESSFRAGEN □ □ □ (In dieser Rubrik wollen wir der Diskussion über Fragen, die voraussichtlich den nächsten Kongreß beschäftigen werden, freien Raum geben) Vom System der Leitung Allmählich rückt uns der achte Kongreß näher, und es wird Zeit sich darüber klar zu werden, was er sein und was er bringen soll. Ich habe es darum mit großer Freude begrüßt, daß die Redaktion der „Welt" die Rubrik „KongreMragen" eingerichtet und der allgemeinen Diskussion zugänglich gemacht hat Organisationsfragen waren es zumeist, die bisher in der Diskussion erörtert worden sind, und eine Frage der Organisation soll es wieder sein, die den Inhalt der nachfolgenden Zeilen ausmachen wird. Aber mit einem Unterschiede: Bisher beschäftigte man sich mit den Details. Man hat viel über den Schekel geschrieben und wie es zu machen sei, daß die Schekeleingänge dem A. C. auch ja vollständig zufließen. Über die Art der Verwendung der Schekelgelder aber, oder mit anderen Worten, wie in Zukunft die Bewegung geleitet werden soll, darüber hat sich bisher noch niemand verlauten lassen. Und man sollte doch annehmen, daß gerade das eine Frage bildete, die schließlich auch auf ein gewisses Maß von Interesse Anspruch hätte. Aber so ist es: Man hat sich so sehr daran gewöhnt, die Frage der Leitung als eine Prinzipienfrage anzusehen (und nichts liegt mir ferner, als zu behaupten, daß es keine ist), daß man schließlich ganz vergessen hat, daran zu denken, daß diese Frage auch eine technische Seite hat und daß das schönste Prinzip mit Leichtigkeit ins Gegenteil verkehrt werden kann, wenn die Mittel, mit denen man arbeitet, nicht die richtigen sind. Ich will die Sache am Kerne erfassen, indem ich eine bedeutsame Erscheinung unserer inneren Entwicklung seit dem letzten Kongresse herausgreife. Es ist außerordentlich bemerkenswert, daß der Zionismus in der abgelaufenen Periode tatsächlich viel mehr Erfolge gehabt hat, als sich die zionistische Leitu ng auf ihr Konto schreiben kann. Und es'kommt dazu, daß die zionistischen Erfolge, die unabhängig von der Leitung erzielt worden sind, vielleicht diejenigen Punkte in der Entwicklungsgeschichte der letzten beiden Jahre darstellen, auf denen die zionistische Zukunft demnächst sich hauptsächlich weiter entwickeln wird: Die Bewegung der Palästinapioniere in Rußland, die Aktion für die nationalen Forderungen der Juden in Österreich und weiter die österreichisch-jüdische Wahlbewegung und das Eintreten der russischen Zionisten in den Kampf um die Duma, das alles und noch mehr ist aufgetaucht und hat sich — soviel wir wissen — entwickelt, ganz abseits von der Leitung der zionistischen Weltorganisation. Die Bewegungen sind entweder ganz spontan aufgetaucht, ohne daß das A. C. sie vorausgesehen und in sie eingegriffen hätte, wie die Bewegung der Pioniere, oder es waren durchaus interne Angelegenheiten der österreichischen resp. der russischen Landsmannschaft, die ihre Schritte» ganz selbständig ohne Ein- und Mitwirkung des A. C. getan haben. Nun kann man