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Die Welt · 1907-02-01 · 5 (1.2.1907) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 DIEX&ELT No. 5 Witz erzählen, sich zum Besten geben in seiner breiten Tausendsprungweise. Aber er verdirbt das Kunstwerk. Wenn er wenigstens * aus vollem Halse lachen würde! Wir würden mit ihm einstimmen.; Aber er lächelt ja nur. Ein Jude, der 52 Jahre alt ist, eine tief gefurchte Stirn, eine Frau Jente und „mindestens ein halbes Dutzend Kinder" hat, kann sich den Luxus des Lachens nicht gönnen. Er lacht nicht einmal unter Tränen, wie man von Gogol sagte. Denn Gogol war ein Seher, der seine furchtbaren Visionen durch die Fratzen seiner erbarmungslosen Phantasie verscheuchte, er war ein Visionär der Welttiefen-Absurditäten, des Lachens des Teufels, — Abramowitsch blickt nicht so tief und seine Seele blutet nicht; Gogols Helden sind lächerlich, sie jagen ihmeine rcrystische Furcht ein, — Mendele jagt niemals Furcht ein. Er ist ein guter, gescheiter, lieber Kerl. Schade nur, daß ihn die Aufklärung und der Wunsch, sich auch mit modernen Lebensfragen zu beschäftigen, manchmal müde machten. So fühlen wir z. B. in der Erzählung: „Die Opfer", wo die Psychologie einer „Verlorenen" gegeben werden soll, daß Mendele nicht bei dem Schreiben dieser Erzählung zugegen war. Es fehlt sein sprühender Witz, sein alter, aber noch immer wärmender, wohltuender Humor. Witz? Es ließe sich ein Band vollschreiben über die Eigentümlichkeiten des Mendeleschen Witzes. In gewisser Hinsicht ist es ja gar kein Witz. Es ist eine Selbstironie, die traditionell wurde und mit der Zeit ihre Schmerzlichkeit verlor, ohne an Reiz eingebüßt zu haben. Aber es hieße in die tiefen Schächte der jüdischen Volksseele hineinsteigen. Ich aber wollte nur von Mendele, unserm alten, guten Bekannten reden, — Mendele als Abramowitsch, Mendele als Symbol einer Epoche des jüdischen Lebens — und noch weiter hinaus, — denn Mendele hat das Ewig-Jüdische an sich. Ich weiß nicht, ob Mendele mit seinem Wägelchen noch jetzt herumfährt. Wahrscheinlich nicht. Die Wege sind zu unsicher. Oder vielleicht ist er gar nach Amerika ausgewandert und „peddlert" dort. Aber wenn er uns in dieser oder jener Vermummung entgegentreten wird, in ganz unerwarteten Verhältnissen, dann werden wir vertrauensvoll ihm die Hand entgegenstrecken und im selben breiten, altjüdischen Tone sagen: „Scholem Alechem Reb Mendele? Wohin des Weges?" Und Mendele wird antworten .... •-)• * * Abramowitsch — Mendele ist etwas eintönig? Vielleicht kann es anders sein. Ich erinnere mich an die Charaktergestalt des großen Humoristen Englands, Charles Dickens, die in seinen Briefen deutlich hervortritt. Welche Fülle, welche Mannigfaltigkeit des Lebens. Lehrjunge, Advokatenschreiber, Reporter im Parlamente und im Lande, der alles sah, was zu sehen war, Salons und Kirchen, Gefängnisse und Kloaken. Ein Mensch der ungestümen Leidenschaften, der ungeheuren Lebenskraft. . . Und als Rahmen zu diesem Mannebilde das mächtige Britenreich! . . Ja, — Dickens konnte vieltönig, schildernd sein! Aber der arme Mendele! Wo wuchs er auf, und was sah er? Welche Stürme hat er erleben können, er, der von allen Seiten eingeengt, eingeklaust war? Wenn Mendele vielleicht jetzt jung wäre, — er wäre anders geworden. Jetzt regen sich starke Leidenschaften, große Fragen auch bei uns. . . Mendele ist alt, — aber nicht tot. Vielleicht kehrt er zu uns verjüngt wieder, — nicht mehr als Mocher Sforim, nicht mehr als mittelalterlicher Jude, sondern als moderner Jude, der das neue jüdische Leben nach seiner Art beleuchten wird. Der alte Mendele hat zum großen Teile seine Pflicht getan. Guten Abend, Reb Mendele! A. Cor. OD ED; O O O O jj fr ~ =^Oo □o; KORRESPONDENZEN >QB stau (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Offene Antwort auf den offenen Brief des Herrn J. L. Greenberg Altona, den 28. 1. 07. Sehr geehrter Herr! Selbst auf die Gefahr hin, als einer der anonymen Artikelschreiber zu gelten, der Ihnen in den von Ihnen selbstskizzierten Ausführungen entgegengetreten ist, erlaube ich mir, Ihnen auf den an den Redakteur der Welt gerichteten offenen Brief auf demselben Wege zu antworten. Ich bemerke von vornherein, daß ich anfangs der auch von derJüd. Rundschau vertretenen Anschauung war, daß Sie die Ihnen zur Last gelegten Äußerungen nicht getan haben könnten. Anderseits bezweifle ich keineswegs Ihre bona fides, von der ich auch heute überzeugt bin. Was mich aber veranlaßt, Ihren offenen Brief nicht unerwidert zu lassen, ist der in ihm zutage tretende bedauerliche Mangel an richtigem Verständnis für das Wesen des Judentums und seiner Gesetze. Ich vermute faßt, daß auch die betr. Artikelschreiber vor Ihrem — gestatten Sie mir den Ausdruck — Amhaareztum erschreckt waren und daher so aus dem Häuschen gerieten. Ich habe Ihren offenen Brief aufmerksam durchgelesen und linde nunmehr den Vorwurf völlig berechtigt, Sie hätten empfohlen, den Sabbat unter gegebenen Verhältnissen auf den Sonntag zu verlegen. Mein Herr, die Verhältnisse sind nie so dazu geeignet gewesen, wie in unserer Zeit, und Sie werden Tansende von Juden kennen lernen dürfen, „denen es unmöglich wäre, den Sabbat zu heiligen und die deswegen einen Sonntag-Sabbat einsetzen sollten". Sie behaupten alle, es wäre ihnen unmöglich. Und ich behaupte, sicher mit sehr vielen anderen, daß es ein solches Argumentbei dieserFrage nichtgeben kannoderdarf. Der jüdische Sabbat ist nicht eine rein soziale Einrichtung, wie sie die Wissenschaft zur Wohlfahrt des Einzelnen und der Gesamtheit für notwendig erachtet. Der jüdische Sabbat knüpft, schön rein äußerlich betrachtet, in der Darstellung über seine Einrichtung und Begründung Jcfr. Exodus Kap. 15, 4 ff.) an ein Dogma des Judentums, nämlich die Überzeugung von der Fürsorge Gottes für jedes einzelne seiner Geschöpfe an. Kein Mensch, der von dieser Fürsorge wie beim Manna in der Wüste, ernstlich überzeugt ist, wird das Argument für die Verlegung des Sabbats oder seine Verlegung gelten lassen können. Aber diese Überzeugung fehlt, und doch ist es die Grundlage des Judentums. Wäre sie vorhanden, würden die Juden einig sein in dem Willen, den Sabbat nach der Väter Weise zu heiligen, sie bedeuteten eine Macht im wirtschaftlichen Leben, und es bedürfte keiner Petitionen oder parlamentarischen Bemühungen um die Rettung des Sonntags für die jüdische Geschäftswelt. Es ist klar, daß bei derartigen Anschauungen, die dem historisch überlieferten Judentum entsprechen, der Synagoge eine ganz andere Bedeutung zukommt, als sie von Ihnen charakterisiert ist. Sie ist ihrem Wesen nach keine „Kirche" der christlichen Nationen, die zur Abrundung des nationalen Lebens dient, die ihren Anschauungen je nach Bedürfnis einen weiteren oder engeren Gesichtskreis einräumen mußte, ganz wie es bei der Ausbreitung des Christentums etwa in der Anlehnung an bestehende Volksbräuche geschah, deren tiefere Bedeutung dem neuen Geiste vielleicht dazu diametral entgegengesetzt war. Die Synagoge als Versammlungsort der Gemeinde, sollte zugleich ihren geistigen Mittelpunkt bilden, in dem alle Bestrebungen der Volksgemeinschaft zusammentreffen. Sie hat keineswegs dekorative Bedeutung, die etwa uns in gehobenen Momenten des Einzel- oder des Volkslebens wirksam wurde. Sie ist dem Gottesdienste gewidmet, aber der jüdische Gottesdienst endet nicht mit dem Verlassen der Synagoge, er beginnt erst damit. Ihre Sonntagsfreunde mögen ruhig die Synagoge am Sonntag aufsuchen, sie verschließt ihnen die Tore nicht; aber sie können nicht verlangen, daß man eine Komödie aufführt. Warum sollten denn die in der Türkei lebenden Juden nicht den Freitag für den Sabbat beanspruchen? Sie hätten in Konsequenz Ihrer Anschauungen sicher nichts dagegen und dürfen sich auch für den Freitag auf den Stifter des Christentums berufen, der, nebenbei bemerkt, einen Ausspruch des viel älteren Talmud zitiert. Wir haben übrigens gar keine Veranlassung, uns als Juden auf diesen „Erlauchten" zu berufen, der mit seinem Wirken doch schließlich das Judentum und seinen Bestand als selbständige Nation aufgelöst,

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