Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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vertrauendes, ztukunftsicheres Volk, — aus diesem Teige werden die Ritter des Geistes geknetet. Alle Elemente der Don Quijoterie sind vorhanden, sogar die alte Rosinante, die Urahne der treuen „Mähre" von Mendele, fehlt nicht, und Sancho-Panza, Sancho der Dicke, der Sanfte, der Gutmütige, ist in der Figur Senderkes „der Jüdin" vertreten, — und doch anstatt einer großen, blutigen Satire ist eine große Karikatur entstanden. Um ein Satiriker zu sein» muß man objektiv, — ernst sein können. Wenn Rabelais die unglaublichsten Dinge der Welt von seinen Gargantua und Pantagruel erzählt, verzieht er nicht eine Miene. Facta loquuntur. Mendele ist aber kein Satiriker, — er ironisiert nur, d. h. er lacht selbst mit, er läßt seinen Don Quijote sich selbst auslachen. Und dann wird der edle Hidalgo aus Tunejadowka nicht mehr Ritter der traurigen Gestalt, sondern der lächerlichen. Ist es nicht merkwürdig, daß der Phantast Benjamin, der in den Fußstapfen Alexanders des Großen und dessen Pferdes Bucephalos, von denen im alten Märchenbuche „Josiphon", das bei den alten Juden als Geschichtsquelle galt, berichtet wird, Benjamin, der mit Aufbietung aller ihm zugänglichen Mittel sich auf die Suche nach dem Wunderstrom Sambation begibt, vom Kampfe mit Riesen, Molchen und Ungeheuern träumt und dabei das größte Opfer, dessen er fähig ist, bringt, indem er sich entschließt, ganz allein in den Wald zu gehen, was ihm natürlich übel bekommt, da er bei der ersten Begegnung mit einem kleinrussischen Bauern, der an ihn die fürchterliche Frage stellt, wohin er eigentlich gehen wolle, so erschrickt, daß er vor Schreck bewußtlos wird und vom verständnislosen, aber gutmütigen Bauern unter den Kart off elsäcken beherbergt und so in die Vaterstadt gebracht wird, daß derselbe Held ganz so spricht, wie z. B. Fischke der Bettler, oder das „Kleine Menschlein", der nichts weniger als ein Phantast ist usw.? Der Ton der Erzählungen ist nicht individualisiert. So z. B. beginnt die Geschichte von „Benjamin** mit folgenden Worten: „Tunejadowka ist ein kleines Städtchen in einem weitentlegenen Winkel abseits von der Heerstraße, beinahe fern von der Welt. Und wenn es manchmal passiert, daß jemand hinkommt, da werden Tür und Fenster geöffnet, aus allen Gucklöchern schaut man auf den Ankömmling. Die Nachbarn fragen einander darüber aus, — und zwar mehr als vier Fragen. Wer kann er sein, woher konnte er plötzlich wie aus den Wolken fallen, was will er hier, und was meint er damit? So einfach kann doch die'Sache nicht sein! Wie kann man denn sonst so einfach kommen? Wahrscheinlich liegt was dahinter . . . Beinahe mit denselben Worten beginnt die Erzählung „Dos Wunschfingerl*, die einen ganz anders gearteten Wirklichkeitsausschnitt behandelt. So heißt es dort: „Kabzansk! Erinnerst du dich noch des Gastes, der dich im vorigen Sommer besuchte? Da bist du ja aus der Haut gefahren, hast dir den Kopf zermartert. Gott im Himmel! Woher kam er, wer mochte er sein und was will er? Du konntest nicht begreifen, was er damit meine" usw. Wenn zwei so ganz verschiedengeartete Erzählungen auf dieselbe Weise beginnen, im selben Stile gehalten sind, so müssen wir zum Schluß kommen, daß die Schöpfung Abramowitschs nicht eine mannigfaltige objektive sei, sondern ein großer Monolog der einzigen Persönlichkeit, die er geschaffen hat — Mendeles . . . Und darum habe ich zum Ausgangspunkte der Analyse des Abramowitsch'schen Werkes die Figur Mendeles genommen. Was bei Mendele am meisten entwickelt ist, ist das Ohr. Er hört alles, in jedem Laut hört er die Unter-! und Nebentöne, in jedem gesprochenen Wort das Verschwiegene und das noch nicht Gesagte. Darum ist er so realistisch. Die großen Realisten sind nicht immer Menschen des Auges. Wer ein großes, tiefblickendes Auge hat, — der kann gar die Wirklichkeit nicht sehen, denn er blickt tiefer. Er sieht Zusammenhänge, die von einem Realisten gar nicht geahnt werden. Aber ein realistischer Beobachter ist vor allem ein guter Zuhörer. Und deshalb die meisterhafte Dialogform aller Realisten. Mendele versteht z. H. die Sprache des rj Volkes wiederzugeben wie kaum ein anderer. Es ist zwar nicht :. (schwer, im Rahmen des Judentums die Volkstümlichkeit der Sprache ,<jzu bewahren, — schon aus dem Grund, weil die Sprache einstweilen nur Volkssprache, noch ganz undifferenziert ist. Aber pendele versteht sich auf die Kunst, so zu sprechen, daß die Worte in keinem Mißverhältnis zu den Ereignissen und deren Personen stehen. Es ist eine solche saftige Frische in diesen Reden. Dabei übertreibt er nicht, wie z. B. Scholem-Alechem. Er will gar nicht seine Leser auf Kosten der drolligen Sprache Fischkes oder Senderkes oder des Heiratsvermittlers Feiwesch Gottswunder („Die Aushebung44) belustigen, wie es z. B. Scholem-Alechem tut. Mendele findet gar nichts Komisches an diesen Reden. Höchstens ergötzt er sich, wenn Fischke, der Stotterer, auf allen Vieren mit einem neu hinzugekommenen Berufsgenossen, einem lahmen Bettler, auf den Straßen von Odessa kriechend (Fischke sagt „kjiechend"), seinem Kollegen mit Stolz sagt: „Was sagste zu meinem Odess'?" Wie gesagt, Mendele ist kein Satiriker. Er will nicht höhnen. Er erzählt nur, was er sah. Und da er, wie jeder Jude, ein Ironiker ist, so gewinnt seine Erzählung unwillkürlich einen spöttischen Zug. Mendele meint es aber oft sehr ernst. Er möchte wirklich seine Mitjuden auf viele Schäden aufmerksam machen, die sich in ihrer Gemeinschaft eingenistet haben. „Und ich Mendele," sagt er, „der immer darauf bedacht war, unseren Jüdchen nach Möglichkeit Nutzen zu bringen." Er wollte Nutzen bringen. Und deshalb erzählte er von den Bosheiten der Gemeindevorsteher und der Scheinheiligen, deshalb dramatisierte er sogar eine so prosaische, nüchterne Angelegenheit wie die Fleischsteuer („Die Taxe"), deshalb wetterte er in einem anderen Drama gegen die Rabbiner („Die Aushebung"), indem er der Gestalt des Rabbiners Reb Jochenze den Mantel eines Tartüffs, eines Volksbetrügers, umwarf. Aber dort ist auch seine größte Schwäche. Wer lehren will, muß was zu sagen haben. Wer einen alten Tempel zerstören will, muß auch einen neuen zu bauen vermögen. Und was konnte Mendele lehren? Höchstens wird er nach einem Ringen mit den dunklen Gewalten, die der „Aufklärung" unter den Juden entgegenarbeiteten, in die Worte von Pick holz, dem Stabsarzt („Die Taxe") einstimmen, der seinem Freunde Wecker, der der jüdischen Gasse treugeblieben und von ihr verkannt und verhöhnt wurde, zurief: „Fort von hier! Fort von den Juden, von den frommen, «ehrlichen» Juden! . . Und erklärend: . . . „Ich bin ein Jude, ich bin stolz auf mein Judentum, ich liebe die Gesamtheit der Juden. . . Aber ich will nicht wirken unter Juden ... Ich bin Militärarzt im Spital, bringe mir selbst Nutzen, aber auch vielen kranken Menschen und meinem teuren Vaterland, und ich werde geliebt, obwohl ich ein Jude bin . . . Für Juden, das wiederhole ich dir, wirst du nichts tun können. Dieselben Juden, deren du dich annehmen wirst, werden dich mit Feindseligkeit verfolgen. Juden bürden sich selbst das Elend, den Golus auf..." Das sind die Verzweiflungs- und zugleich die Rechtfertigungsrufe, die Mendele, ans Assimilatorisch-Aufklärerische gewendet, als Schlußwort haben muß. Nicht tief genug, um das Leid seines Volkes mitzutragen, nicht frei genug, um ihm ganz den Rücken zu wenden. So bleibt er immer ein Mensch des, „Obwohl", ein Mendele in jeder Lebenslage. Und weil Mendele niemals tiefe seelische Konflikte kannte, vermochte er auch nicht ein großes Drama zu schaffen. Es sind wohl Ansätze vorhanden, vor allem eine starke und feine Beobachtungsgabe. Manche Spuren im Drama „Die Aushebung" stehen nicht hinter Beaumarchais zurück. Es pulsiert oft ein so wahres Leben in den Gestalten dieses Dramas, daß es ein Kunstwerk sein könnte, wenn nicht Mendele dazwischen käme, Mendele der Ironiker. Aus einem Drama macht Mendele durch einen trivialen Sprung ein Lustspiel, das schließlich in ein Rührstück ausgeht. Und so überall, in jedem Werke von Abratnowitsch. Wo der Künstler ansetzt, bricht Mendele durch. Er meint's nicht schlimm, — gewiß nicht, der Gute! Er will ja nur dazwischenreden, einen