Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 D IE und in seinen Handschriften hat sich ja eben nichts geändert. Ich für meine Person kann niemals den Nekrolog über einen der Mitbegründer unserer Wissenschaft schreiben, ohne das wehmütige Gefühl dabei zu haben, daß man dieser Wissenschaft selbst den Nekrolog schreiben müßte. Sie setzt voraus, daß es ein jüdisches Volk gibt, in diesem Falle ist sie eine lebendige Wissenschaft.. LT No. 5 Andernfalls ist sie bloß Archäologie. Diese Wahrnehmung drängt sich uns unwillkürlich auf, wenn man das Leben Steinschneiders in den Jahren seiner Wirksamkeit rückblickend betrachtet. Er ist vor wenigen Tagen der Wissenschaft und der gelehrten Welt gestorben aber das jüdische Lesepublikum, das er einst zahlreich besaß, ist ihm im Tode um mindestens 30 Jahre vorausgegangen. MENDELE MOCHER SFORIM (Zu seinem 70. Geburtstag) (Schluß) Mendele und der „Entspekter" Bräsig! Der Vergleich scheint paradox. Was hat der gute, drollige „Entspekter" aus Mecklenburg mit dem gescheiten, geriebenen Juden aus Kabzansk gemein? Und dennoch besteht eine Ähnlichkeit zwischen den beiden Typen, eine Ähnlichkeit in der Form der Gestaltung. Und zwar nicht deshalb, weil Abramowitsch und Fritz Reuter beide „Heimatskünstler" im herkömmlichen Sinne des Wortes wären. Abramowitsch ist eigentlich gar kein „Heimatskünstler". Während Fritz Reuter sich abseits des großen Stromes des deutschen Lebens stellt, seinen Gesichtskreis verengert, um ganz in der Nähe, um es besser und schärfer sehen zu können, wenn er auf die großen Aufgaben und Probleme der großstiligen Kunst verzichtet, um, den alten byzantinischen Mönchen vergleichbar, Musterwerke der Miniaturmalerei auszuführen, steht Abramowitsch mitten drin im großen Strom — und will ihn erfassen. Wenn nun das Leben, das er schildert, uns so klein, so pudelnärrisch, so krähwinklerisch erscheint, so liegt die Schuld nicht an der Kunst des Erzählers, sondern an uns, die jenem Milieu entfremdet sind, oder an dem Wechsel der Zeiten. Oder vielleicht trägt die Kunst Abramowitschs selbst manchmal den Grund der Vergänglichkeit der Wirkung in sich? Nehmen wir den Vergleich wieder auf. Fritz Reuter — der in der deutschen Literatur unserm Abramowitsch am verwandtesten ist - ist auch kein richtiger Erzähler im vollen Sinne des Wortes, d. h. er ist kein Plastiker, kein Bildner. Seine Menschen, die er vorführt, haben nicht die Kraft, sich von selbst zu bewegen, — sie müssen aufgerüttelt werden. Das Mittel dazu ist das Symbol. Eine solche symbolistische Persönlichkeit im gewissen Sinne ist der rühmlichst bekannte Inspektor Bräsig („Ut mine Stromtid" usw.). Unter Symbol verstehe ich ungefähr das, was ein neuerer deutscher Ästhetiker in wenigen Worten ausgedrückt hat: „dem Sinnlichen eine Daseinsweise zu verleihen, die es zum Ideellen machte". Wenn wir uns verschiedene Charakterzüge eines Volkes, einer Rasse, einer Persönlichkeit zusammenstellen, so nennen wir diese vielleicht nicht existierende, aber doch die höchste Potenz der Daseinsmöglichkeit besitzende Gestalt ein Symbol. Das Symbol muß nicht immer höher als die Wirklichkeit sein, — es ist ihr oft nebengeordnet. Aber es muß leben. Onkel Bräsig, der Typus, das Symbol des Mecklenburgers, grotesk, wie er ist, steht uns doch menschlich nahe. Wir wissen, daß er eine Idealfigur in seiner Art ist, fühlen aber auch zugleich den Hauch der Wirklichkeit an ihm. Dieser komische „Entspekter" sieht wirklich die ganze Welt, seine Welt, gefärbt durch seine alte Brille, durch die alles so schnurrig erscheint. Es ist ein Leben, das sich vor uns entrollt. Wenn wir aber mit Mendele Arm in Arm wandeln und mit ihm, durch ihn das jüdische Leben betrachten, so sehen wir so wenig, — und was wir sehen, ist so uninteressant. Was hat denn der ewigreisende Mendele überhaupt gesehen, und wen kann er uns vorführen? „Benjamin den Dritten" und „Senderke, die Jüdin", „Fischke den Lahmen" und das übrige Bettelvolk und die sich immer wiederholenden Figuren der kleinstädtischen Heiratsvermittler, Nichtstuer oder der kleinen Gemeindegewaltigen usw. Worum dreht sich das Leben in allen Erzählungen Mendeles? Um nichts, — höchstens um ein Jagen nach dem Stückchen Brot (Das kleine Menschele, Fischke usw.) oder um den Kampf zwischen Aufklärung und Obskurantismus („Vater und Söhne", „Die Aushebung" usw.) und nur in einem einzigen Fall um eine Grundfrage des jüdischen Lebens überhaupt, um das Leben im Golus („Die Mähre"). Gab es denn wirklich in der ganzen Zeit, in der Mendele schaute und schuf, nichts Tieferes zu ahnen, nichts Größeres zu sehen? Damals war noch der Chassidismus mit all seinen weichen Entfaltungen in Blüte. Vielleicht nicht mehr der alte, mystische. Aber die Form blieb noch. Träumer gingen im Ghetto herum. Und wenn ein so fernstehender Dichter, der weder in bezug auf Beobachtungsgabe noch auf künstlerisches Können den Vergleich mit Abramowitsch bestehen kann, — ich meine Zangwill, — die „Träumer des Ghettos" sehen konnte, warum konnte es der Altmeister nicht? Wir erleben jetzt in unserer Literatur die künstlerische Auferstehung des Chassidismus. Und wenn Mendele einen dieser wunderbaren Käuze des Judentums darstellen wollte, einen derjenigen „sechsunddreißig Verborgenenl\ auf denen eigentlich der ganze Bau des Judentums steht, ohne deren Hilfe er vielleicht längst morsch und fahl geworden wäre, — dann gibt er uns eine karikierte, verzerrte Figur des „Benjamin des Dritten" aus Tunejadowka. In unserem Volke schlummern auch nationale Kräfte. Zugleich mit Abramowitsch kam auch Smolenskin und mit ihm die ganze Wiedergeburtsströmung. Warum hinterließ dieses Werden des neuen Judentums keine Spuren an Mendele? Eines der Hauptmerkmale Mendeles ist seine Ironie, und was noch mehr ist, seine Selbstironie. Ironie ist das Gegenteil von Leben. Ironie ist keine innerliche Beziehung zur Welt der Erscheinung, ist Unglaube an den inneren Wert der Dinge. Selbstironie ist Unglaube an sich selbst. Ein Ironiker kann kein Lebensförderer sein, weil ihm der Sinn für Ziele abgeht Die Liebe des Ironikers ist dunkel gefärbt, — und wenn er sich zu einem Wollen, zu einem Ideal durchringt, - dann ist er so klein, so flach. Es kann auch nicht anders sein. Die Ironie hat alle Keime des Neuen zerstört. Und Mendele ist ein Ironiker. Sowohl sein eigener Stil, wie auch seine Darstellungsweise beweisen es. Er leitet z. B. seine Erzählung: „Die Reisen Benjamins des Drittenu folgendermaßen ein: „Sagt Mendele Mocher Sforim: — Gepriesen sei der Schöpfer, ^der den Lauf der Gestirne im Himmel und den Wandel all seiner Schöpfungen auf der Erde bestimmt. Kein Gräslein wagt sich aus der Erde hinauf, bevor nicht ein Engel drauf schlägt und sagt: Wachse, komm hervor! Um so mehr ein Mensch, der hat ja sicher einen Engel, der ihn schlägt und sorgt: Geh, geh hinaus! Um wieviel mehr nun, wenn es sich um die feinen Menschen, um die schönen Jüdchen handelt, — die haben doch wenigstens Hunderte von Engelsscharen, die jeden von ihnen extra hauen und z. B. folgendermaßen reden: Chaikele, teure Seele, geh, borg Geld, soviel du kannst. Geh, geh, kriech aus dem Sumpf. Du Kerl einer! Stiehl dich hinaus in die Welt!" Und eine solche Einleitung zu einer Erzählung, die die Geschichte eines jüdischen Don Quijote darstellt! Welches Volk wäre der geeignetere Boden für einen Don 'Quijote-Typus als gerade das jüdische? Ein fahrendes, unruhiges, suchendes, immer unterliegendes und doch