Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 DI E^j Schriften, von denen manche nur in einem bekannten Exemplar vorhanden sind, für die Wissenschaft des Judentums verloren waren. Steinschneider unternahm es, in der Regel den ihm gewährten Urlaub benutzend, einen ausführlichen beschreibenden Katalog der Bodleiana herzustellen, eine Riesenarbeit, die trotz mancher Mängel, die ihr anhaften, ebenso bewunderungswürdig wie ungemein nützlich ist. Er hat damit gradezu Schule gemacht. Denn auf seine grundlegende Arbeit hin, fühlten sich andere Männer der Wissenschaft angeregt; die hebräischen Bücher und Handschriften anderer bedeutender Bibliotheken in dieser Weise den Wissenschaften nutzbar 1 zu machen. Die hervorragendsten seiner Schüler waren der bereits verstorbene Zedner und der noch lebende, leider in seinem gelehrten Beruf erblindete Adolf Neubauer. Steinschneider aber selbst hat auf dieses große Werk, mit dem er Epoche machte, mehrere solche folgen lassen, die ebenfalls von großem Wert für die Wissenschaft sind. Aber das sind ja tote Bücher und vergilbte Blätter! wird mancher vielleicht rufen. Nun, selbst wenn dem so wäre, würde die Lebensarbeit Steinschneiders in ihrer Wertschätzung keinen Abbruch erleiden. Denn das geistige Leben des jüdischen Volkes liegt in diesen Büchern und Handschriften, und zwar zumeist aus jener Epoche, als die Juden in Gemeinschaft mit den Arabern die einzigen waren, welche mit der Fackel der Wissenschaft in das grauenhaft finstere Mittelalter hineinleuchteten. Es war ein großes Mißgeschick, daß für unser Volk um jene Zeit das Mittelalter, d. h. eine geistige Ermüdung und Erschlaffung, begann, als die anderen abendländischen Völker eine Renaissance der Wissenschaften und der Künste erlebten. Dies hatte zur Folge, daß die Bücher, in dem sich der schöpferische Geist der Juden zeigt, entweder gar nicht gedruckt wurden und in irgend einer Bibliothek verschollen blieben oder, selbst gedruckt, in späteren Zeiten keine Beachtung fanden. Es ist somit kein geringes Verdienst, Schriften und Schriftsteller aus dem Mittelalter der Vergessenheit zu entzie'hen und der jüdischen Literaturgeschichte einzuverleiben. Indessen tat Steinschneider viel KE L - 11 mehr. Namentlich in den letzten Jahren seines Schaffens zeigte er das richtige Verständnis für das kulturgeschichtliche Material des hebräischen Schrifttums. Ein Teil seiner Werke und Abhandlungen umfaßt archäologische Untersuchungen, die nur für. den Fachmann bestimmt sind. Von großem Wert sind sie deshalb natürlich nicht minder. Ein anderer Teil hingegen ist der kulturgeschichtlichen Entwicklung des jüdischen Volkes gewidmet. Es sind unzählige Fäden, welche unser Kulturleben mit dem der morgen- und abendländischen Völker verbinden. Die gegenseitigen Einwirkungen und Beziehungen drücken sich so verschiedenartig aus, daß sie kaum erschöpfend nachgewiesen werden können. In der Sprache, in den Lebensgewohnheiten, in der Pflege der Wissenschaften, in der Jugenderziehung, in den religiösen Vorstellungen — in all diesen äußeren und inneren Merkmalen des Kulturlebens drücken sich diese wechselseitigen Beziehungen aus. Steinschneider hat für seine Forschungen ein Gebiet gewählt, das mit seiner eigentlichen Wissenschaft in engster Verbindung steht. Er ging von der Bibliographie aus und alles mündet bei ihm in die Bibliographie. Bücher bedeuten bei ihm Leben, und zwar Kulturleben. Wir sehen, wie die griechischen Schätze der philosophischen und der exakten Wissenschaft durch die Barbarei, die über die alte Welt seit etwa dem 4. Jahrhundert hereingebrochen war, als vernichtet galten, von christlichen Syrern ausgegraben und durch die Vermittlunglernbegieriger Araber und Juden der Nachwelt erhalten und übermittelt wurden. So konnte Steinschneider wertvolle Beiträge zu der Geschichte der Wissenschaften liefern, die Brücke zeigen, die vom Altertum über das Mittelalter in die neue Zeit führt. Es ist unser Stolz, daß an dieser Kulturarbeit das jüdische Volk einen so hervorragenden Anteil nimmt, und dies um so mehr, als mit der Zeit des geistigen Aufschwungs die politische und wirtschaftliche Unterdrückung der Juden das höchste Maß erreichte. So viel man auch über dieses gleichzeitig traurige und erhebende Kapitel der jüdischen Geschichte geschrieben haben mag, noch immer ist es nicht erschöpft und genügend gewürdigt. Steinschneider war Gelehrter, nur Gelehrter, und ich glaube kaum, daß er mit seinen Forschungen eine andere Absicht verknüpfte, als die der Ermittelung der philologischen oder geschichtlichen Tatsachen. Aber gleichviel, ob beabsichtigt oder nicht, er hat das jüdische Volk verherrlicht, indem er nachwies, wie es unter den schwierigsten Verhältnissen und den ungünstigsten Bedingungen, während es nicht für den nächsten Tag in seinem Dasein sicher war, eine solche geistige Beweglichkeit und kulturelle Schöpferkraft bewährte. Während die Juden Kulturwerte schufen, mußten sie stets gewärtig sein, mißhandelt, ausgeplündert, verjagt oder gar tot geschlagen zu werden. Ein Volk, das eine solche Lebenskraft zeigt, ist gewiß unsterblich und. darf an eine große Zukunft glauben, wenn es eine Zukunft haben will. Fern von unserm nationalen Leben stehend, zum Teil sogar es schroff ablehnend, bildet doch Steinschneider den Stolz unseres Volkes. Er ist dies als ausgezeichneter Gelehrter, aber auch in dem, was er als Fach seiner Gelehrsamkeit gewählt hat. Dankbar werden wir anerkennen, daß auch er dem Beispiel unserer Vorfahren folgte und seine Muse nicht zum Schweigen brachte, während draußen die Waffen klirrten. Mehr als sechs Jahrzehnte stand er im Dienst der Wissenschaft des Judentums. Und als der Tod ihn uns vor wenigen Tagen entriß, war er, der Einundneunzigjährige, noch mitten in seinen gelehrten Arbeiten. Eine der Hauptsäulen der Wissenschaft ist geborsten. Moritz Steinschneider hat ein hohes Alter erreicht und ist bis zu seiner letzten Stunde geistig rege und wissenschaftlich schaffend geblieben. Er hat zwei Welten gesehen, die ältere jüdische Generation, die für seine Ideale Verständnis zeigte, und die neue gegenwärtige, die dem allen so fremd gegenübersteht. Als Forscher wird er sich wohl kaum über den gewaltigen Unterschied zwischen einst und jetzt viele Gedanken gemacht haben. In seinen Büchern