Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 OIE^ELT No. tenens verwaltet. Im Jahre 1872 schied dann Jakir Geron aus dem Dienste. Nach einer sehr aufgeregten Sitzung, während welcher zwei r Drittel des Rates ihre Ämter zurücklegten, wurde eine Kommission i gewählt, die Moses Halevi zum Kaimakam ernannte, dessen Wahl auch durch die „Hohe Pforte" am 3. Juni 1873 genehmigt wurde. Im Jahre 1887 wurde der Kaimakam gezwungen, einen Chachani-Baschi zu ernennen und auf diese Weise nahmen die Zwistigkeiten ein Ende, die 17 Jahre gedauert hatten. Dieselben Unruhen begannen aber wieder nach dem Tode des Chacham-Baschi. Jetzt steht wieder der - Kaimakam Moses Halevi an der Spitze der Gemeinde. Die Gemeinde von Saloniki ist entsprechend der von Konstantinopel organisiert. An der Spitze steht ein Rabbiner, der dem Chacham-Baschi untergeordnet ist. Er ernennt 4 Rabbiner, die einen geistlichen Rat zur Behandlung von Erbschafts- und Vermögens fragen bilden. Der weltliche Rat ist, was die Eigenschaftei seiner Mitglieder und die Art ihrer Wahl anlangt, demjenigen di-r Hauptstadt analog konstituiert. Was die Juden, die ausländische Untertanen sind, betrifft, s i sind sie offiziell nicht anerkannt, sondern werden durch den. weltlichen Medjilis repräsentiert. Sie werden durch ein aus ihrer Mitt j gebildetes Komitee von 12 Mitgliedern vertreten, das aber sein Tätigkeit ausschließlich auf Wohltätigkeitsangelegenheiten beschränk Abgesehen von der rabbinischen Judenheit gibt es noch Sektiere 1) Karaiten, mit dem Djemat-Baschi an der Spitze. 2) Samariter, die keinen offiziellen Vorsteher haben und 3) Donme, geheime Ai hänger von Sabbatai Zevi. (Schluß folgt.) MORITZ STEINSCHNEIDER Von Dr. SIMON BERNFELD Wenn ich das Leben des Gelehrten, der am 24. Januar in seiner Studierstube verschieden ist, nach den äußern Schicksalen schildern wollte, so könnte ich dies in wenigen Zeilen erschöpfend tun. Und wollte ich mir wiederum bloß die Aufgabe stellen, Moritz Steinschneiders Schriften und Abhandlungen zu verzeichnen und namentlich anzuführen, so müßte ich dazu ein umfangreiches Heft verwenden. Aber ich will weder seine Erlebnisse schildern, noch ein Verzeichnis seiner wissenschaftlichen Arbeiten geben. Für mich war der verstorbene Forscher nicht allein in seiner Gelehrsamkeit, in seinen bewunderungswürdigen Forschungen eine überaus interessante Persönlichkeit, sondern auch in der Art und Weise, wie er lebte und wirkte. Er zeigte damit ein Stück von dem eigenartigen Leben des jüdischen Volkes mitten in der es umgebenden Kulturwelt. Es ist dies ein Leben, das sich von dem der Umgebung nicht absondern läßt, dabei aber doch isoliert bleibt. Wäre Moritz Steinschneider nicht als Jude geboren und hätte er sein Leben nicht Forschungen gewidmet, die mit dem Judentum aufs engste verknüpft sind, so hätte sich ja sein Schicksal äußerst einfach, aber sehr erfolgreich gestaltet. Seinem Wesen nach war Steinschneider ein akademischer Lehrer, der jede deutsche oder englische Universität geziert hätte; ein Forscher von stupendem, staunenerregendem Wissen, dessen scharfer Blick ein weites und umfangreiches Gebiet beherrschte. Es war fast selbstverständlich, daß er von der hebräischen Sprache und dem hebräischen Schrifttum ausging, — das war ja das Erbe, das er von seinen Vorfahren übernahm. Und als er später das Ghetto seines mährischen Heimatstädtchens Proßnitz verließ, um sich in Prag und Wien zum modernen Forscher heranzubilden, war es ebenso natürlich, daß er sich die Kenntnis des Syrischen und Arabischen aneignete. Das war, wenn ich mich so ausdrücken darf, in seiner Welt „Palästina und die Nebenländer". So wurde Steinschneider fast wie durch ein Fatum darauf hingewiesen, Orientalist, Bibliograph und Kulturhistoriker auf dem Gebiete des Judentums zu werden. Bei seiner großen Begabung und seinem seltenen Fleiß konnte er naturgemäß Großes leisten und die Wissenschaft ungemein bereichern. Die hebräische und arabische Literatur des Mittelalters, die zu erforschen Steinschneider sein Leben lang sich bemühte, bietet ja für die Kulturgeschichte genug wertvolles Material. Aber da beginnt die Leidensgeschichte eines jüdischen Gelehrten, dessen Fach, so wichtig es auch an sich unzweifelhaft ist, von der offiziellen Unterrichtsverwaltung nicht anerkannt wird, und der als Jude überhaupt kein Anrecht darauf hat, wie alle andern Forscher einen Lehrstuhl an einer Hochschule zu erhalten. Das Judentum ist ja dazu gut genug, um verkannt und verlästert zu werden. Daß aber der Staat etwas zu seiner Erforschung tun sollte, das kann man höchstens in Frankreich, oder in England oder gar jenseits des großen Ozeans erwarten, — in Österreich und in Deutschland gewiß nicht. So erging es auch Moritz Steinschneider. Er hat eine neue wissen- 1:J schaftliche Disziplin geschaffen, die der hebräischen Bibliographie er hat die Geschichte der Wissenschaften nach verschiedene Richtungen erheblich bereichert; er hat viel Material für die Kultu geschichte der Menschheit aus den entlegensten und verborgenste Winkeln herbeigeholt; aber dies alles konnte er nur im Nebenan tun. Denn da er kein staatlich patentierter Gelehrter werden konnte so mußte er sich um ein Amt und .eine Beschäftiguug umsehen, di ihm und den Seinigen das tägliche Brot einbrachte. Steinschneidi wählte den Lehrerberuf. Er unterrichtete kleine jüdische Mädche in den Wissensfächern, die gewiß nicht das mindeste mit de Forschungen zu tun haben, in denen er lebte und die seine inner Welt ausmachten. Nahezu ein halbes Jahrhundert war er Dirige; der jüdischen Mädchenschule zu Berlin. In den Stunden der Muß' die ihm dieses Amt ließ, schuf er seine unsterblichen Werke. Anfang der vierziger Jahre verließ der kaum 30jährige (er wuru am 30. März 1816 geboren) seine österreichische Heimat, um Deutschland seinen gelehrten Arbeiten leben zu können. Bezeichne für die vormärzlichen Verhältnisse in Österreich ist der Umstam daß Steinschneider, der damals noch österreichischer „Untertan war, zufolge der preßgesetzlichen Bestimmungen in keiner „auländischen" Zeitschrift ohne vorhergehende Genehmigung der östcr reichischen Zensur etwas veröffentlichen durfte. Um diese B, Stimmung zu umgehen, mußte er für seine gelehrten Abhandlung^ ein Pseudonym wählen. Das tat auch übrigens sein berühmte Landsmann A. Jellemk, der damals zusammen mit dem bekannt Politiker und Parlamentarier Ignaz Kuranda in Leipzig lebte. Stein Schneider dachte aber nicht mehr daran, nach seiner österreichische Heimat zurückzukehren; vielmehr bemühte er sich, sein Zelt dauern in Berlin aufzuschlagen, wo ihm König Friedrich Wilhelm IV. a; 17. März 1848 das preußische Bürgerrecht verlieh. Das beren erwähnte pädagogische Amt, mit dem übrigens ein nur bescheiden Einkommen verbunden war, gewährte ihm das Notdürftigste. So begann nun Steinschneider seinen Lebensberuf. Die It. bräische Bibliographie hat er frühzeitig als das Gebiet erkani das zu bearbeiten er sich berufen fühlte. Die größte Sammlun hebräischer Bücher und Handschriften war damals, und sie ist wohl auch noch jetzt, die berühmte Bodleiana zu Oxford. D Grundstock zu dieser seltenen Bibliothek bildeten die Bücherschäb die in der zweiten Hälfte des siebzehnten und der ersten Half des achtzehnten Jahrhunderts von dem Rabbiner David Oppenhen - gesammelt worden sind. Die wertvollsten Bücher und Handschrift-, hatte seiner Zeit Prinz Eugen in der Türkei erbeutet und dem b kannten Armeelieferanten Samuel Oppenheimer in dankbarer A; erkennung seiner Verdienste geschenkt. In der ersten Hälfte o\ neunzehnten Jahrhunderts wurde diese Büchersammlung, die untc? dessen ein merkwürdiges Schicksal erlebt hatte, um einen Spottpru nach Oxford verkauft. Unter den damaligen Verhältnissen stan mit Recht zu befürchten, daß diese seltenen Bücher und Hau