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Die Welt · 1907-02-01 · 5 (1.2.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE^E LT No.,5 fikationen für sich in Anspruch nehmen darf, anderseits aber nicht nur den zionistischen, sondern auch den ganz alltäglichen praktischen p und allgemein nationaljüdischen Anforderungen nicht entspricht, was schon aus der Tatsache hervorgeht, daß auch im vergangenen vi Jahre Herr Jakobsohn, ein organisierter Zionist und Teilnehmer zionistischer Kongresse, eben infolge dieser Motive gewählt worden ist. t In Grodno schien es, daß dieser Kompromiß zustande kommen.} werde. Zwar wurden die 6 Wähler der Stadt Grodno'ausschließlich j aus dem Lager der Antizionisten gewählt, nichtsdestoweniger bekamen ' beide Kandidaten: Ostrogorski und Redakteur Nah um Sokolow eine ' ganz gleiche Stimmenanzahl, und zwar je 15 Stimmen. Nun ist aber' Grodno mit mit seinen 6 Wählern nicht entscheidend. Das wich-j tigste Wahlzentrum bildet Bjelostok mit seinen 7 Wählern, weniger1 bedeutend sind Brest und die übrigen kleinen Städte. Infolgedessen verlegte sich die Energie des Wahlkampfes haupt-/ sächlich nach Bjelostok. Es war von vornherein klar, das Bjelostok zionistisch resp. nationalistisch wählen wird, denn abgesehen davon, * daß die Zionisten Bjelostoks einflußreich sind, ist auch die Stimmung in den breiten Volksschichten für einen Kandidaten günstig, der als Vertreter jüdischer Interessen in der Duma gelten darf. Die' Erfahrung bestätigte diese begründete Aussicht. Im Laufe der vergangenen Woche fanden die Wahlen in Bjelostok statt. Da in den allerletzten Tagen die Territorialisten, die früher aus Parteirücksichten die Zionisten bekämpft hatten, sich letzteren angeschlossen hatten, und da überhaupt die jüdisch denkende Masse den Zionisten, sehr gewogen ist, so war es diesen ein Leichtes, alle 7 Wähler aus ihrem Lager durchzubringen und damit eine absolute Sicherstellung ihres Sieges zu erreichen. Sie verzichteten auf diese Einseitigkeit aus Rücksicht auf die gewünschte Eintracht und zogen es vor, zwei Antizionisten mit in die Wählerliste zu nehmen. So wurden 5 von ihren Gesinnungsgenossen und 2 aus der Reihe der anderen ganz in Obereinstimmung mit der von ihnen vorgelegten Liste mit kolossaler, etwa 90° o der Wählerversammlung betragender Majorität gewählt. Die Sache schien also vollständig erledigt zu sein und war es tatsächlich. Nach dem erreichten Resultat stellte sich die Situation folgendermaßen dar: aus Bjelostok 7 Wähler* darunter 5 Zionisten und Nationale; aus Brest 5 Wähler, lauter Zionisten und Nationale; aus Slonim 2 Wähler, beide Zionisten und Nationale; aus Bielsk 2 Wähler, ein Zionist und ein Zweifelhafter; aus Pruschany 1 Zionist; aus Sokolka, Wolkowyski und Kobryn, 3 Zweifelhafte. Es ergibt sich hieraus, daß unter den 26 Wählern des Gouvernements, die über die Wahl der Deputierten zu entscheiden haben, 14 sichere Zionisten und Nationale waren, und wenn man noch hinzufügt, daß auch die Zweifelhaften mehr nach der nationalen Richtung hinneigen und daß schon in Grodno, obwohl doch die Antizionisten über eine lokale Mehrheit verfügten, die Chancen der Parteien sich als vollständig gleich erwiesen hatten, so konnte es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß die Wahl des nationalen Kandidaten ein fait accompli war. Bjelostok hatte diese Frage in der legalsten Form entschieden. Nun ereignete sich etwas Unerhörtes: Der nationale Kandidat, Redakteur Nahum Sokolow, dessen Kandidatur nicht von ihm selbst, sondern vom lokalen Wahlkomitee, das damit dem Verlangen der Masse nachgab, aufgestellt worden ist, besaß in Bjelostok einen Zensus, wie ihn vielleicht ein großer Teil der früheren und künf-; tigen Dumaabgeordneten besaß und besitzen wird, d. h. einen „Parteizensus." Infolge der von der russischen Regierung noch bis jetzt verweigerten allgemeinen Wahlrechtsordnung schützen sich nämlich die Parteien durch die Aufstellung der Kandidatur von bedeutenderen führenden Persönlichkeiten in den Orten, wo letztere nicht gerade ansäßig sind und wo ihnen der Form halber ein lokaler Zensus erwirkt wird. So wurde dem Führer der Kadetten, Professor Miljukow, „ein Zensus in Petersburg gemacht", viele andere Parteiführer wurden in dieser Weise nicht im Orte ihres beständigen Aufenthalts und nicht auf dem Gebiete ihrer Berufstätigkeit, sondern in anderen Orten und auf ganz anderen Gebieten gewählt. Und wenn die Christen zu diesem notwendigen Schutzmittel greifen müssen, um wieviel mehr sind die Juden dazu gezwungen! Können doch die Juden nur ein kleines Häuflein von Dumaabgeordneten wählen, und ist es doch natürlich, daß in den Fällen, in . denen sie in ihren Wahlorten nicht die Kandidaten haben, die der schweren Aufgabe entsprechend die jüdischen Interessen vertreten könnten, auch sie gezwungen sind, einen Zensus für anderwärts wohnende Stammesgenossen zu erwirken, um sie in ihrem Bezirke wählen zu können! So wurde die Kandidatur Grusenbergs in Wilna auf Grund eines dort erst unlängst geschaffenen Zensus aufgestellt, und so wurde auch die Kandidatur Kalmanowitschs in Kiew aufgestellt, trotzdem ersterer in Petersburg und letzterer in Saratow ansässig ist. So wurde denn auch die Kandidatur Nahum Sokolows von der nationalen Partei in Bjelostok aufgestellt auf Grund eines für ihn erlangten Wahlzensus, und die Wahl wurde mit großer Majorität angenommen. Nachdem dieses Resultat bekannt geworden war, griffen die wenigen Gegner in ihrer Parteileidenschaft zu einem Mittel, das nicht genug gebrandmarkt und der Verachtung preisgegeben werden kann. Man denunzierte den Zensus wegen eines geringfügigen, aber im gegebenen Falle entscheidenden Formfehlers der Einschreibung bei den Behörden. Infolgedessen wurde der Zensus annuliert und die Wahl selbstverständlich rückgängig gemacht. Das bedeutet eine moralische Niederlage für die . . . Sieger. Denn es kam nach der Wahl, die legal und mit einem überwältigenden Siege Sokolows durchgeführt worden war. Nur durch eine hinterlistig beschaffene „Force majeure" von bureaukratischer Seite war das Resultat zunichtegemacht worden. Diese unerhörte Tat rief eine allgemeine Empörung und Aufregung hervor. Das Wahlkomitee demissionierte sofort und eines der hervorragendsten Mitglieder, der Ortsrabbiner Dr. Joseph Mohilewer, der bis dahin eine sehr tätige Propaganda entwickelt hatte, erklärte, sich nach diesem unqualifizierbaren Exzeß ferner bei den Wahlen überhaupt nicht mehr beteiligen zu wollen. Die Wahlkampagne, die nicht nur in Bjelostok, sondern auch in anderen Orten auf Grund von Sokolows Kandidatur geführt und zu einem sicheren Resultat gebracht worden war, wurde nunmehr, was die Person des Kandidaten anbetrifft, gegenstandslos. Es kam aber dabei im Grunde nicht auf die Person an. Nahum Sokolow, anderweitig viel beschäftigt, gab nur dem Drängen der Partei nach, in Bjelostok zu erscheinen und sein Programm dort öffentlich darzulegen. Sein Programm war mit großem Enthusiasmus angenommen, und das in diesem Sinne wirkende Wahlkomitee mit kolossaler Majorität von den Vertretern der Urwähler bestätigt worden. Nunmehr aber arteten die weiteren Agitationen und Reibungen infolge des Zwischenfalles der Denunziation in einen Parteikampf aus, der in diesem Augenblicke nichts Ersprießliches erwarten läßt. Im Laufe der letzten paar Tage, nach der Auflösung und Demission des früheren, einzig richtigen und legalen Wahlkomitees, wurde eine Reihe von stürmischen Versammlungen abgehalten, um neue Wähler durch die Vertreter der Urwähler wählen zu lassen. Es handelte sich nicht mehr um die durch die Force majeure ungültig gemachte Wahl des früheren Kandidaten, der bereits zurückgetreten war, sondern um die Frage, ob jetzt nationale oder antinationale Wähler die Majorität erlangen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Majorität im Grodnoet Gouvernement national sein wird, es läßt sich aber zur Stunde noch nicht voraussehen, welche Kandidatur für die Duma letztere unterstützen wird. Die Wahl Ostrogorskis ist wahrscheinlich, läßt sich aber auch nicht mit absoluter Bestimmtheit voraussagen, da arn Ende alles von der Stellung der verschiedenen nichtjüdischen Gruppen zueinander abhängig ist. Die Erbitterung in nationaljüdischen Kreisen, die durch die Denunziation hervorgerufen worden ist, war so tief, daß es nicht ausgeschlossen schien, daß letztere, so empfindlich in ihrem Rechtsgefühl verletzt und in so schnöder Weise provoziert, Ostrogorski zu Falle bringen werden. Es wäre dies ein leichtes, weil tatsächlich die große jüdische Mehrheit national gesinnt ist. Es wäre aber nicht einer großen jüdischen Partei wie der zionistischen würdig, in dieser Weise Revanche zu üben, und es dahin zu bringen, daß kein einziger jüdischer Vertreter aus dem Gouvernement Grodno durchgeführt werden soll. Die Besonnenen, die sich von Parteihader nicht leiten lassen, scheinen geneigt zu sein, Ostrogorski jedenfalls zu wählen, und in dieser Richtung hat auch der frühere Gewählte der zionistischen Partei seinen moralischen Einfluß ausgeübt. Es ist aber möglich, daß noch ein zweiter jüdischer Kandidat dürchgebracht werden wird. Cher die Person des neu zu Wählenden läßt sich noch nichts voraussehen, aber jedenfalls wird es ein nationaler Kandidat sein.

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