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Die Welt · 1907-02-01 · 5 (1.2.1907) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 5 DIE ELT schlössen, zu einem „heroischen" Manöver seine Zuflucht zu nehmen. Man wollte den jüdischen Durchschnittswähler erschrecken und vor der russischen Gesellschaft die Zionisten anschwärzen. „Jude! Willst du Gleichberechtigung, — so wähle nicht die gefährlichen Zionisten! Sie werden deine Gleichberechtigung kompromittieren. Alle reaktionären Elemente werden zugleich mit den Antisemiten Jen Zionismus ausnützen, deine Ansprüche auf Gleichberechtigung abzulehnen." Sind denn die Herren so naiv? Glauben sie denn, daß die Reaktionäre und Antisemiten erst einen Vorwand brauchen, um die Juden zu hassen und zu verfolgen? Wissen sie denn nicht, daß luch die französischen Juden, die nicht nur feierlich auf Zion verachtet haben, sondern auch auf ihre Nationalität, von den Verfolgungen der Reaktionäre und Antisemiten gerade so gut zu leiden haben? Und mögen die Herren von der „Volksgruppe" noch so feierlich und noch so oft ihre Ergebenheit für Rußland beteuern, sie werden die Gegner Israels von ihren vorgefaßten Meinungen nicht abbringen, den Erbfeind nicht entwaffnen. Und was die progressiven Elemente Rußlands anbetrifft, so verstehen diese sehr wohl, daß die bürgerliche Gleichberechtigung allen Bewohnern Rußlands erteilt werden muß, weil alle Menschen gleichberechtigt sind und weil das das Interesse Rußlands erfordert, — unabhängig von diesem oder ienem nationalen Ideale. Die besten Elemente der verschiedenen Länder haben schon längst den Zionismus als eine große Freiheitsbewegung anerkannt, die in ihrem letzten Ergebnis den Interessen der ganzen Kulturmenschheit dienen wird. Wir sind überzeugt, daß die russische Judenheit den Aufruf der „Volksgruppe" nach seinem wahren Werte bemessen wird, diesen Aufruf, der einmal den Zweck hat, die Unterzeichner bei den künftigen Herren der Duma herauszustreichen, und zum Zweiten die Absicht verfolgt, eine Pression auf die jüdische Wählerschaft auszuüben. Beides wird in jedem stolzen Juden nur den tiefsten Zorn auslösen. Die Juden werden euch.nicht erlauben, die ihr dem russischen Volke Selbstbetätigung und Demokratismus predigt, von eurem Petersburger Klubzimmer aus allen Juden zu kommandieren, sie zu bevormunden als eine willenlose Masse. Das Schicksal der Juden liegt in ihren eigenen Händen. Die Judenheit organisiert sich und wird sich organisieren, — gewiß aber nicht für die Zwecke, für die ihr sie anwerben wollt, — nicht für Feindschaft und Zwietracht, sondern für die Verstärkung und Entwicklung ihrer nationalen Kräfte und für die Verwirklichung ihrer historischen Aufgaben und Ideale. Wilna, Januar 1907. Das Zentralkomitee der Zionistischen Organisation Rußlands. Bilder aus der jüdischen Wahlbewegung in Rußland Der Wahlkampf im Grodnoer Gouvernement (Von unserem Warschauer Korrespondenten) In keinem einzigen Wahlkreise war der Kampf so leidenschaftlich und heftig, wie im Gouvernement Grodno. Das kommt daher, weil in diesem Gouvernement die Parteien der Zionisten, Zionisten- Sozialisten, Bundisten, Poale-Zionisten, Territorialisten, Assimilanten, die sich —- lucus a non lucendo! — „Jüdische Volksgruppe" nennen und die im Grunde nur die Fortsetzung der frühern sog. „Dergreicher"*) bilden, sich gegenüberstehen und gegenseitig bekämpfen. Eigentliche Chancen hatten nur zwei Parteien: Zionisten und „Dergreicher". In der früheren Duma waren die Juden des Gouvernements Grodno von zwei Deputierten repräsentiert: vom Zionisten Jakobsohn und von Herrn Ostrogorski, dessen jüdischer Standpunkt sich nicht genau bestimmen läßt, weil er überhaupt unter Juden ein „homo novus" war. Herr Jakobsohn, ein eifriger und begeisterter jüdischer Volksmann, der nach den Bjelostoker Massakers der Deputation angehörte, die die Duma damals zur Untersuchung der blutigen Ereignisse nach Bjelostok entsandt hatte, konnte in diesem Jahre seine Kandidatur nicht aufstellen, weil er seinerzeit das Wyborger Manifest mitunterzeichnet hatte und außerdem infolge seines kühnen Auftretens gegen die Armee die Wut mancher russischen Chauvinisten ^egen sich hervorgerufen hatte. Herr Ostrogorski hingegen stellte auch in diesem Jahre seine Kandidatur auf und wurde dabei von den Petersburger frühern Oleichberechtigungsverfechtern und jetzigen sog. „Jüdischen Volksgruppe" energisch und mit allen Mitteln unterstützt. Herr Ostrogorski soll als Kenner parlamentarischer Geschäftsordnungsdetails eine gewisse Bedeutung haben und suchte selbst diese Bedeutung in. einer von ihm verfaßten Broschüre in bombastischer Weise der Öffentlichkeit nahe zu legen und in dieser Weise die Wähler für sich zu gewinnen. Anderseits empfand man in den breitesten jüdischen Volksschichten das Bedürfnis, einen Kenner des Judentums und Vertreter der speziell jüdischen Interessen zu wählen, da es sich darum handelt, diese intensiv jüdischen Zentren Lithauens mit ihrer dichten Bevölkerung und ihren zahlreichen jüdischen Institutionen in wirklich zweckdienlicher Weise vertreten zu lassen. Das Gouvernement hat 28 jüdische Wähler zu wählen. Diese Wähler versammeln sich in Grodno und wählen die Dumaabgeordneten zusammen mit den christlichen Gruppen des Adels, d. h. der Großgrundbesitzer, der Bauern und der sehr dünn gesäeten christlichen Stadtbevölkerung. Letztere ist sehr schwach vertreten, da die Stadtbevölkerung größtenteils aus Juden besteht. Dagegen ist die Großgrundbesitzergruppe ziemlich stark,nationalistisch-solidarisch, steht mit beiden Füßen im Lager der polnischen nationalen Demokratie und ist den Juden nicht besonders gewogen. Die Stellung der Bauerngruppe' den Juden gegenüber ist eine viel sympathischere, weil die Bauern fast durchweg wegen der sie *) So genannt nach dem „Verband für die Erlangung der jüdischen Gleichberechtigung". besonders interessierenden Agrarfrage oppositionell gestimmt und bereit sind, die Sache der Juden nach dem Prinzip „do ut des" aufrichtig zu unterstützen. Daher beruht die richtige jüdische Kombination auf einem Bündnis mit der Bauerngruppe. Insofern die persönliche Tendenz des Kandidaten in Betracht kommt, war die Richtung des Herrn Ostrogorski sehr schwankend und unklar. Schon im vorigen Jahre verriet er gewisse Neigungen, mit den Großgrundbesitzern zusammenzugehen, aber die Entwicklung der Dinge brachte es mit sich, daß zum Schlüsse doch ein Einvernehmen mit den Bauern zustande kam. In diesem Jahre war die Stellung des Herrn Ostrogorski noch viel unklarer, und wenn man gewissen Äußerungen Gewicht beilegen darf, war er auch in diesem Jahre bereit, mit den Großgrundbesitzern Hand in Hand zu gehen. Die ausgesprochenen jüdischen Parteien hingegen haben von vornherein diese Politik des Hinundherwankens verworfen und beschlossen aufs bestimmteste, sich auf die Bauerngruppe nach dem Beispiele des vergangenen Jahres zu stützen. Es bildeten sich daher nicht nur bezüglich der speziell jüdischen Frage, sondern auch inbetreff der allgemeinen Politik große Meinungsverschiedenheiten heraus. Zu den bedeutenderen Zentren des Gouvernements Grodno gehören: Bjelostok, Grodno und Brest. Bjelostok wählt 7 Wähler, Grodno 6 und Brest 5. Dann kommen Bielsk und Slonim mit 2 Wählern, Pruschany, Kobryn, Sokolka und Wolkowyski mit je 1 Wähler. Diese 26 Wähler haben sich dann, wie gesagt, in der Gouvernementsstadt zu versammeln und die Dumadeputierten zu wählen. Es war vorauszusehen, daß wenigstens zwei jüdische Deputierte nach dem Beispiele des vergangenen Jahres in der Gesamtzahl der 7 Deputierten des Gouvernements gewählt werden würden. Unter diesen Prämissen entspann sich der Wahlkainpf. Da die Wahl der Deputierten von dem Charakter und der Richtung der Wähler (Wyborschtschyki) abhängig ist, so bemühte sich jede Partei, ihre Gesinnungsgenossen als Wähler durchzubringen. Es handelte sich also bei den Zionisten darum, eine zionistische Majorität, den Antizionisten hingegen eine antizionistische in der Wählerliste durchzusetzen, damit dann in Grodno bei der Versammlung der letzten Wähler die Deputiertenkandidaten dieser oder jener Pajtei durchdrängen. Die Zionisten bekämpften eigentlich die Kandidatur Ostrogorskis nicht, sie stellten nur ihre nationalen Forderungen in den Vordergrund der Diskussion und beschränkten sich nicht auf die Personenfrage. Erst in den letzten Wochen wurden einige Namen zionistischer und nationaljüdischer Kandidaten genannt. Da die Minimalzahl der jüdischen Vertreter für die Duma aus dem Gouvernement zwei betrug, so konnte man annehmen, daß ein Zionist und ein Antizionist durchdringen würden. Das wäre eigentlich ein natürlicher Kompromiß unter den Parteien gewesen, weil einerseits Herr Ostrogorski vom technischen Standpunkte aus gewisse Quali- 9

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