Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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die Herren an Sünden gegen das nationale Judentum auf dem Kerbholz haben, — er frische doch seine Kenntnisse an dem in unserer heutigen Nummer veröffentlichten Aufruf der Zionisten „An die Juden Rußlands" auf! — sollte ihm das A-B-C des gegenwärtigen Kampfes zwischen Assimilation und National]udentum nicht einmal geläufig sein? Das können wir doch nicht annehmen. Warum nun „folgt er dem Schlechteren, obwohl er vom Besseren weiß"? Und Dr. Bernfeld erklärt uns: „Es ist in der Tat die höchste Zeit, daß der revolutionäre Paroxysmus aufhöre und einer besonneneren Behandlung der Dinge Platz macht." Da liegt des Pudels Kern. Der Revolutionshasser redet jetzt. Wir wollen ihm beileibe die Lust daran nicht stören. Wir halten es auch nicht für unsere Aufgabe, ihm eine bessere Meinung von der russischen Revolution beizubringen. Wenn er Menschen und Verhältnisse in Rußland besser ansehen und wirklich von Grund aus kennen lernen wollte, — oder müssen für ihn, den Historiker katexochen, die Dinge wirklich erst vom Staub der Jahrhunderte bedeckt sein, damit er sie vorurteilslos betrachten könne? — so würde er wahrscheinlich die Revolution nicht bloß sozusagen vom Standpunkte des guten Staatsbürgers beurteilen und würde dieses Privileg ruhig dem „Berliner Lokalanzeiger" überlassen. Was uns aber an der Stellungnahme Dr. Bernfelds vor allem wundert, ist das, daß er gerade im gegenwärtigen Moment, wo die Zionisten in Rußland auch ohnedies einen schweren Stand haben, gegen sie unter den westeuropäischen Juden — insofern sie sich für jüdische Dinge und die „Allg. Ztg. des Judentums" interessieren — Stimmung macht. Wir wissen ja, daß Dr. Bernfeld uns und nicht der Assimilation nahesteht. Und gerade darum können wir bei aller Hochschätzung unsere Meinung nicht unterdrücken, daß die Art seiner Polemik gegen die Zionisten mehr als eine journalistische Ungeschicklichkeit war. Er lobt in einem assimilatorischen antizionistischen Blatte erster Ordnung die Assimilatoren, weil sie „im allgemeinen ein vernünftiges jüdisches Programm" aufstellen, und tadelt die Zionisten, weil angeblich einige Exaltierte — wer? wo? — vor der Erreichung Palästinas nichts für jüdische Kultur tun wollen. Bei jenen ist er beglückt vom Kleinsten, bei diesen fordert er das Allerhöchste. Und verschweigt die ganze Unechtheit und das ungeheure Manko der „Volksgruppe", deren Tendenz doch die völlige Auflösung der jüdischen Kultur ist, — und verschweigt das Helsingforser Programm der Zionisten, — und verschweigt überhaupt das Historische des Konfliktes um Sein oder Nichtsein des nationalen Judentums in Rußland, er, der gerade ein so leidenschaftlicher Pessimist in Hinsicht auf die nationale Zukunft der russischen Juden ist. Diese Darstellung war gewiß nicht Absicht (wenngleich sie sicherlich zum Teil auf ungenügender Information über die „Volksgruppe" basierte); sie hätte sich vielleicht in einem nationalen Blatte anders gelesen, — dort, wo sie steht, bedeutet sie eine schlimme Entgleisung. Dr. Bernfelds höchste Pflicht wäre es jetzt gewesen, in Westeuropa den zur Assimilation Hinneigenden zu zeigen, daß sie, wenn sie Sympathien und Unterstützung für die Juden Rußlands übrig haben, diese nur einem nationalen Judentum, nicht dem Reform-, Streber- und Taufjudentum zuwenden dürfen. Und das Nationaljudentum führen nun einmal die Zionisten . . . Der rote Schrecken in der Gelehrtenstube. Zu groß ist ja das Unglück nicht, das Dr. Bernfeld angerichtet hat. Er sagt ja selbst: „Wer die Verhältnisse in Rußland kennt, wird längst zu der Überzeugung gekommen sein, daß eine Einwirkung auf die dortigen Ereignisse von außen völlig ausgeschlossen sei ..." Soweit aber dieser Satz eine Einschränkung durch die Tatsachen erfährt, bleibt es bedauerlich, wenn Gelehrtenpolitik westeuropäische Köpfe verwirrt und noch empfänglicher macht für die politische und nationale Reaktion. Und noch ein anderer Typus des „Ge- Noch ein „Gelehrter" lehrten« betritt die politische Tribüne. Diesmal in Rußland. Und der Name dieses „Gelehrten" ist Baron David Günzburg, der einer der Unterzeichner des Aufrufs der „Jüdischen Volksgruppe" und ihr Kandidat in Podolien ist. Baron Günzburg ist ein berühmter „Gelehrter" nach dem Typus des berühmten „Nicht-Schriftstellers" von Amfiteatrow, d. h. berühmt dadurch, daß er noch nichts geschrieben hat, — obwohl er ein „Millionär" und ein „Gelehrter" ist. Außer seiner Baronie, die sein Großvater „Jossei" erworben hatte, und seiner „Slichos-Sammlung", die er selbst sich angekauft hat, — hat David Günzburg wohl wenige Ruhmestitel. Pardon — eines sei doch nicht vergessen: er war seit jeher ein Verächter des Zionismus, — er, der „Aristokrat", der seinerzeit nach Nischni- Nowgorod fuhr, um sich dem Kaiser vorstellen zu lasseh, und glücklich war, daß der Kaiser bereits nach dem ersten Worte sich von ihm abwendete. Und als man ihn zur Brüsseler Konferenz einlud, meinte er hocharistokratisch, er wäre ein russischer Patriot und wolle nicht über jüdische Dinge in Brüssel reden. Ganz famos, — nicht? Ein künftiger Montagu, ohne Montagus Art, Bart, Reichtum und Einfluß. . . . Nun wird er für die Duma kandidieren, — er steigt herab zum Judentum, anderswo geht's ja nicht, trotz der Baronie. Recht interessant, daß sich gleichzeitig sein Bruder Albert Günzburg in London über russische Dinge vernehmen ließ. Er äußerte sich dem Vertreter des „Jewish World" gegenüber, daß die Regierung des Herrn Stolypin nur das Beste für die Juden wolle. Überhaupt, wenn nur nicht diese Revolutionäre wären, — es wäre ja ein Leben wie — in Petersburg .. . Das genügt wohl. Und wir können es uns ersparen, die anderen lächerlichen Verkündigungen des Barons A. de Günzburg wiederzugeben. Aber die Probe ist schon charakteristisch genug für die politische Gesinnung im Hause Günzburg. Nun spannt Herr Winawer Nullen dieser Art an seinen Wagen, die „Jüdische Volksgruppe". Wenn man ein Erster um jeden Preis sein will, muß man wohl so tun. Ob ihm das aber schließlich viel Nutzen bringen wird? Die Parole „Kampf gegen die Zionsten!", „Wahlkampfblüten« die dje )Jüdische Volksgruppe" in Rußland ausgegeben hat, scheint nicht nur dem prinzipiellen Gegensatz zwischen Nationalismus und Assimilation entsprungen zu sein. Eine Zeit lang stritt Partei gegen Partei, — jetzt aber hat die Assimilation in letzter Stunde sich Waffen hervorgeholt, die eines reinen Kampfes nicht mehr würdig sind. Die hochgehenden Wellen des Wahlkampfes werfen plötzlich häßlichen Schlamm aus — Lüge und Denunziation werden als Kriegsmittel angewendet. Das zeigt, daß die Assimilation keinen ehrlichen Austrag der Anschauungen wollte, daß noch armselige Motive der Mandatssucht, des Neides oder des blinden Parteihasses hinter dem vorgeschobenen politischen Programm versteckt sind. Wenn der „Bund" die Zionisten in unerhöhrter Weise verunglimpft, wenn er sie in seinen Blättern mit Schmutz bewirft in einer Art, die die berüchtigte amerikanische Schundpresse in den Schatten stellt, so ist man das bei ihnen von jeher gewohnt gewesen und begreift die heiße Wut des Augenblicks umsomehr, je mehr man es den Bundisten nachfühlen kann, wie sehr es sie, die sich so gerne „die Vertreter des jüdischen Volkes" nennen, schmerzen muß, jetzt in der jüdischen Gasse auf ihre verzweifelte Wahlagitation keinen Widerhall zu finden. Wie anders aber stellt sich die Sache bei den Herren Winawer, Ostrogorski usw. dar, die zwei Jahre mit den Zionisten zusammengearbeitet, die während einiger Monate in der Duma mit den Lewins, Jakobsohns usw. tagtäglich über die jüdischen Fragen zu Rat und Tat vereinigt waren, und die Intelligenz und Urteilskraft genug besitzen, um die reine Hingabe der Zionisten an die jüdische Sache abschätzen zu können. Um so entwürdigender ist es für