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Die Welt · 1907-02-01 · 5 (1.2.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 5 DIE^ Herrn Winawer und seine Genossen, um so jäher zerbricht er das Zutrauen in die prinzipielle Reinheit seiner Motive, wenn er plötzlich in der größten Hitze des Wahlkampfes, knapp vor der Entscheidung, zu dem famosen Geigerschen Mittel greift, die Zionisten zu „Tschuschezemtzi", zu „Ausländern" zu stempeln, die, weil sie Palästina erstreben, kein Recht hätten, die Sache der russischen Juden zu führen, wenn er und seine Genossen die Köpfe von Juden und Nichtjuden mit einer bösen Deduktion verwirren, die einer Denunziation verzweifelt ähnlich ist. Herr Winawer, dem man seine opportunistisch-schwankende Taktik noch verziehen hat, dem man es gestattet hat, Assimilation, gedeckt durch nationale Schlagworte, zu treiben, hätte, auch wenn es alle Mandate gegolten hätte, in solche Tiefen nicht steigen dürfen. Es kann und wird ihm nicht vergessen bleiben, und wenn er durch derartige Mittel siegen wird — solchen Sieges wird er nicht froh werden. Er hat schon jetzt eine Antwort von den Zionisten bekommen*), die ihn darüber belehren wird, daß unreines Spiel kein Glück bringt. Es liegt nur in der Linie der „FremdlingsMnsinuation, wenn der Antizionismus sich einer zweiten Handlung schuldig machte, die allerdings zu verächtlich ist, als daß eine ehrliche Partei — und diesen Titel werden auch die bösesten Feinde den Zionisten nicht rauben — noch Mittel hätte, dagegen anzukämpfen. In Bjelostok hat man einen bereits gewählten Zionisten dadurch ums Mandat gebracht, daß man einen Formfehler in seinem „Zensus" denunzierte, was seine Streichung aus der Wählerliste zur Folge hatte. Von solcher Gemeinheit bis zur Pogromtaktik des „Schwarzen Hundert" ist nur ein Schritt Die Assimilation muß eine sehr stumpfe Waffe in der Wahlkampagne sein, wenn ihre Träger so erbärmliche Hilfswaffen nötig haben. Aber es ist offenbar ihre Losung, lieber mit schmutzigem Schilde aus dem Kampfe heimzukehren,denn mit einem zerschmetterten. Wenn man gewissen Tagespolitikern glauben will, Der Judenring SQ .gt Bernhard aus der Familie der Dernburg — Derenbourg heute der populärste Mann in Deutschland, ja sogar ein gefährlicher Konkurrent für den andern Bernhard, den Reichskanzler, dessen Palais angeblich schon bereit steht für den jetzigen Kolonialdirektor. Wer aber gute Ohren hat, der kann gar wohl hören, wie sich selbst bei des Kolonialdirektors stürmischesten Freunden der Ausbruch ihres Enthusiasmus knapp vor der letzten Steigerung plötzlich dämpft, als stieße er sich dort auf etwas Eisenhartes, Undurchdringliches. Kein großes Rätsel: Die Ahnen der drittletzten Generation, die Juden Derenburg, erheben sich und werfen ihre Schatten auf den christlichen Enkel, der im Sonnenglanz steht. Er kann diese Schatten nicht bannen, nicht er und nicht seine Freunde. Und seine Feinde haben keinen Anlaß, ihn in christlicher Nachsicht das Verbrechen seiner Ahnen, Juden gewesen zu sein, vergessen zu lassen. Aber da nun einmal gute Christen einen Christgläubigen nicht geradeaus „Jud"! nennen können, so ersetzen sie es sinnig *) Vergleiche den folgenden Aufruf: „An die Juden Rußlands!". IE LT 5 durch: „Börsenjobber", „Krämerseele", — und sind sicher, dennoch gut verstanden zu werden. Es ist geradezu komisch, welche Mühe ein Münchener klerikales Blatt sich nimmt, um das: „Hütet euch vor dem schrecklichen Juden!" zu umschreiben. In dem Berichte über eine Versammlung, in der Dernburg sprach, heißt es: „So stand denn Dernburg vor uns im Münchner Kindlkellersaale. Wir hatten Gelegenheit, diesen neuesten Tagesgötzen gebührend zu bewundern. Sein afrikanisches Antlitz ist eingefaßt von pechschwarzem Haar. Der schwarze, in der Fasson nicht sehr ordentliche Bart, der die blassen Wangen bis unter die Augen hinaufkriecht, diese schwarzen, buschigen Brauen über den großen, ein wenig vorstehenden tiefschwarzen Augen, den Kopf immer ein wenig gesenkt wie ein stoßbereiter Stier, die breiten Schultern abfallend, den massigen Leib ohne Strammheit, gibt dieser Mann das Bild, das man sich etwa von einem orientalischen Tyrannen macht: melancholische Brutalität. Dernburg braucht nur ein weißes Linnen um den Scheitel zu nehmen, und gliche einem marokkanischen Ras, brauchte nur einen Tarbusch aufzustülpen, und sähe wie ein Wesier des Großherrn aus... Daß einer der höchsten Beamten des Reiches dieses Faschingskaisermanöver aufführt, ist das Tragikomische unserer unfertigen politischen Zustände. . ." Klingt das nicht wie irgend ein Schreckbild aus einem alten „Judenspieß"? Aber die alten Judenhasser waren naiv. Sie ließen die Juden den gelben Ring ans Gewand heften, damit sie nur ja für aller Auge kenntlich wären: Es thüt jederman nachfragn — warumb die Judn Ringlin tragen: Merckt auff, ich will es sagen fein -- vielleicht mags die recht ursach sein. Erstlich weil sie des Teuffels sindt - drumb man solch zeichen bei ihn findt, Odr weil sie sehr schindn und schabn — müssen sie solche Notani habn . . . ." Jetzt bedarf der Scharfblick des Antisemiten solcher „nota" nicht mehr. Und auch das vorgehaltene Kreuz täuscht sein Auge nicht. War es doch gerade die Parole von den „Pionieren christlicher Kultur", die die Antwort vom „Börsenjobbertum" auslöste! Wir haben es nicht nötig, uns mit den Seelenqualen der Abtrünnigen zu beschäftigen, die, ob sie wollen oder nicht, den Judenring nicht von ihrem Gewand abstreifen können. Wir verstehen nur an dem Beispiele Dernburgs, dem der Schatten vergangener Generationen den Siegesweg verdunkelt, wie natürlich der Prozeß ist, den wir doch stets so widernatürlich finden, daß Judenstämmlinge zu wilden Antisemiten werden können. Es muß fast so sein: Wir werden unter den Schlägen des Judenhasses aus Schmerz und Trotz umso standhaftere Juden, jene macht Schmerz und Trotz endlich zu Feinden und Verfluchern des Volkes und Glaubens, dem sie entstammen. AN DIE JUDEN RUSSLANDS*) Eine Gruppe von Personen hat kürzlich einen Aufruf an die jüdischen Bürger veröffentlicht. Die Mehrzahl der Unterzeichner dieses Aufrufes hat, bis in die allerletzte Zeit, dem Judentum ganz fern gestanden. Sie sind erst „Arbeiter im öffentlichen Leben" geworden von dem Augenblick an, wo Sitze in der Reichsduma zu vergeben waren. Als der „Verband für Gleichberechtigung" gegründet wurde, haben einige dieser Personen durch zwei Jahre *) Dieser Aufruf stellt die Antwort der russischen Zionisten auf ein von der assimilatorischen „Jüdischen Volksgruppe" (der „Organisation des aktiven Kampfes gegen die Zionisten") veröffentlichtes Pamphlet dar. An der Spitze der Volksgruppe, über die wir in Nr. 3 geschrieben haben, stehen bekanntlich Winawer, Ostrogorski, Sliosberg etc. Vgl. hierzu unsere heutigen Ausführungen in der „Revue der Woche" unter der Überschrift: „Wahlkampfblüten'V zusammen mit den Zionisten gearbeitet. Diese ganze Zeit war allerdings auch erfüllt vom Kampfe zwischen diesen Herren, die die Juden nach rückwärts in die Arme der Assimilation zu schleppen suchten, und den Zionisten, die gemeinsam mit den wahrhaften Nationalisten für die Anerkennung der nationalen Rechte und Interessen des Judentums eintraten. Aber das hinderte nicht das Fortbestehen des „Verbandes", der unter dem Einfluß der Zionisten mehr und mehr einen national-jüdischen Charakter erhielt. Man konnte hoffen, daß der Verband auch in Zukunft auf Grundlage des Programmes, das s. Z. in Wilna festgesetzt wurde, werde weiter arbeiten können. Die Zionisten, die immer und überall für die Idee der Einheit des jüdischen Volkes sich einsetzen, haben niemals

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