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Die Welt · 1907-02-01 · 5 (1.2.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRO. KÖLN, 1. Februar 1907 pnrf? nWtf DDtf "v No. 5. DI DI REVUE DER WOCHE □ □1 Gelehrtenrepublik Es ist eine oft bemerkte Erscheinung, daß Philologen und Historiker vielfach Konservative, ja arge Reaktionäre sind. Treitschke war ein Ultra-Konservator, Taine ist im Laufe seines Lebens allmählich ein Feind der Revolution geworden: Es scheint, daß das Studium menschlicher Taten und Gedanken zu einer tiefen Skepsis führt. In unserer jüdischen Welt bemerken wir dieselbe Erscheinung. Achad-Ha'am ist ein Gegner der revolutionären Bewegung; unser Freund, — sein Jünger Klausner, predigt mit Prophetenton, gegen den Strom zu schwimmen. Und als dritter im Bunde geseilt sich zu ihnen als verneinender Geist der sonst ihnen und ihren Anschauungen fernerstehende Gelehrte, unser geschätzter Mitarbeiter Dr. S. Bernfeld. Zu wiederholten Malen schon hat er seinen starken Unwillen gegen die russische Freiheitsbewegung öffentlich geäußert. Nun kommt der Tag der Entscheidung: der Tag der Wahlen. Es ist ein wichtiges, folgenschweres Ereignis. Vom Ausfall der Wahlen und der Weiterentwicklung der Dinge hängt das Schicksal eines ungeheuren Reiches und vor allem das Geschick des russischen Judentums ab. Wer Augen hat und sehen will, kann und muß sehen, daß die Juden sich unmöglich den reaktionären Elementen im Reiche anschließen können. Es wäre unklug und unmoralisch zugleich. Sobald sie mit dem russischen Volke das Glück teilen wollen, müssen sie ihm auch in der Stunde des Leids beistehen, und dann: es ist ja ihre eigene Sache, um die es sich handelt. Ein freies Rußland heißt für sie: Freiheit und Rechte, ein reaktionäres bedeutet für sie Knechtung und Elend. Wer würde also den Mut haben, den Juden jetzt zu raten, sich von der Freiheitsbewegung abzuwenden? Und von welcher Freiheitsbewegung? Stolypin hat ja auch die „Kadetten" als Revolutionäre erklärt! Ist ja nach der Ansicht der Regierung und ihrer ausländischen Freunde überhaupt jeder Konstitutionalist ein Revolutionär! Dr. Bernfeld tut es dennoch. In einem Artikel über die „Dumawahlen in Rußland" in der letzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" verdammt er wieder einmal die arme russische Revolution in Grund und Boden. Die arme Revolution! Er geht von einer merkwürdigen Annahme aus. Er ineint, daß das russische Wahlrecht, wie es jetzt besteht, eigentlich ein sehr gutes sei. Er sagt geradezu: „Die Wahl für die Duma ist keine üflfcfcte, aber eine ziemlich allgemeine." Das ist wahrhaftig eine töeüheit! Wenn unter einer „allgemeinen" Wahl eine solche verstanden wird, bei der es in einer Stadt von 40 000 Einwohnern etwa 3—4000 Urwähler (unter den günstigsten Umständen, denn nach den jüngsten „Senatserklärungen" ist die Zahl noch geringer) gibt, wenn das ein Idealwahlrecht ist, — dann allerdings ist Rußland ein Musterstaat und Amerika eine Despotie. Wenn man an die Frage der aktuellen russischen Politik mit solch optimistiscfien, regierungsgläubigen Voraussetzungen herantritt, ist es natürlich, daß man jeden, der die Güte und Weisheit Stolypins und Gurkos und des Feldgerichtssvstems nicht voll und ganz anerkennt, zu einem Trottel und Anarchisten stempeln muß. Dr. Bernfeld tut es in gewissem Sinne. So knüpfte er an den Aufruf der famosen „Jüdischen Volksgruppe" der Herren Winawer, Ostrogorski, Sliosberg & Co. einige Betrachtungen, die mit den obenerwähnten Voraussetzungen vollständig im Einklang stehen. Wir haben seinerzeit*) den Aufruf der „Volksgruppe" besprochen und seinen wahren Wert gezeigt. Dr. Bernfeld stellt jedoch dem Aufruf ein lobendes Zeugnis aus: „Er ist im allgemeinen vernünftiggehalten." Was soll das heißen: „im allgemeinen"? „Im allgemeinen" hat der schlimmste Reaktionär manchmal auch recht. Was kann nicht „im allgemeinen" wahr sein? Wenn wir „im allgemeinen" behaupten, Herr Winawer meine es ehrlich mit den Juden, so mag es „im allgemeinen" zutreffen. Und dann, was heißt das „vernünftig"? In der Politik gibt, es Notwendigkeiten, Realitäten. Dr. Bernfeld sollte es wissen, daß man den Satz: „Was vernünftig ist, — ist wirklich", auch umkehren kann. Wir könnten „im allgemeinen" den positiven Teil des Programmes der „Volksgruppe" (der große negative Teil ist nichts als gehässigster Antizionismus) um so weniger bekämpfen, als die darin aufgestellten Forderungen aus der Helsingforser Plattform der Zionisten entlehnt sind. Die Zionisten haben ein Maximal-Programm aufgestellt, die „Gruppe" begnügt sich mit einem Minimum. Gut — aber warum tritt dann Dr. Bernfeld, der doch ganz genau weiß, daß eine Partei ohne Ideale zum Tode verdammt ist, daß sie ein Höchstes anstreben muß, wenn sie auch nur Geringes erreicht, für die „Gruppe" ein? Warum billigt er gewissermaßen deren brutalen Kampf gegen die Zionisten? Weiß er denn nicht, daß den Herren Winawer, Syrkin, Sliosberg usw. die Zukunft des jüdischen Volkes und der jüdischen Kultur so gleichgültig ist wie nur irgendetwas, daß sie zumeist nichts als „Erreicher" sind, und das heißt manchmal „Mandaterreicher". Sollte ihm wirklich all das unbekannt sein, was *) Vgl. unsere Ausführungen in der „Revue der Woche: „Die „Zionisten im russischen Wahlkampf" in Nr. 3 d. J.

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