Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 ^laasKELT H) Weit schwerwiegender aber ist der Schluß, den man in sachlicher Hinsicht aus den Behauptungen des Herrn Meyerowitz ziehen müßte, der nämlich, daß die Herren Oliven, Hallgarten und Goldberger ihre Solidarität mit dem Prinzipe erklärt hätten, in Angelegenheiten der jüdischen Emigration eine „Vermischung von Geschäftsbetrieb und humanitären Bestrebungen" zuzulassen, daß sie damit einverstanden seien, daß ein Bureau und eine Korrespondenz, deren Erhaltungskosten von der Schiffahrtsgesellschaft Norddeutscher Lloyd bestritten werden, im Namen und unter der Patronanz eines humanitären Komitees, bestehend aus hervorragenden Personen der jüdischen Öffentlichkeit, nach außen hin auftreten. Wir erklären, daß wir an die von Herrn Meyerowitz behauptete Solidarität* zwischen ihm und den Herren Oliven, Hallgarten und Goldberger nicht einen Augenblick glauben, nicht glauben können. Es wäre tatsächlich eine Ungeheuerlichkeit. Wie nun aber die Sachen liegen, werden die Herren gezwungen sein, da Herr Meyerowitz sie öffentlich als Kronzeugen angerufen hat, der Öffentlichkeit die Aufklärung über den wahren Sachverhalt nicht vorzuenthalten. In wrelcher Richtung sich diese Aufklärung bewegen wird, darüber sind wir allerdings nicht einen Moment im Zweifel — auch wenn nicht ein Brief des Herrn Direktors Oliven, datiert vom 23. April 1906, vorläge, in dem es wörtlich heißt: „Ich will Ihnen von vornherein bemerken, daß wir mit dem Bureau Unter den Linden 53 absolut nichts zu tun haben, und ich die nötigen Schritte tun werde, um eine Wiederholung derartiger unangenehmer Verquickungen zu verhindern Und nun ein kurzes Nachwort für unsere Leser. Wir glauben ein öffentlich-jüdisches Interesse zu wahren, wenn wir es verhindern, daß Schiffahrtsgesellschaften zu Leitern der jüdischen Emigration und Herren derEmigranten werden, daß Geschäftsinteressen in einer Angelegenheit maßgebend werden, die ausschließlich der uneigennützigen sozialpolitischen Fürsorge aufgespart bleiben muß. Man beachte an einer Gegenüberstellung, zu welch gefährlichen Konsequenzen eine Vermengung von Geschäft und Sozialpolitik oder Philanthropie führen kann: Eine Schiffahrtsgesellschaft hat z. B. Baumwolle aus einem amerikanischen Staat — sagen wir Texas — nach Europa zu transportieren, hat aber keine Hinfracht. Es wäre ihr natürlich sehr daran gelegen, diese Hinfracht zu finden, wobei es für die Schiffahrtsgesellschaft natürlich ganz einerlei ist, ob das 10000 Ballen Tuch nach Tarif B oder 500 Auswanderer nach Tarif A sind. Da es Tuch nicht zu exportieren gibt, so bemüht sie sich, den Personenverkehr zu heben und macht unter den jüdischen Emigranten Propaganda für den amerikanischen Süden. Gleichzeitig, nehmen wir an, interessiert sich irgend ein jüdischer Philanthrop aus hochherzigen Gründen für die „Zerstreuung" vou Immigranten nach dem Süden. Die Schiffahrtsgesellschaft ist ein Geschäftsunternehmen. Wenn sie Reklame.für ein Land macht so weiß der Durchschnittsemigrant, daß alle Gesellschaften Reklame machen und daß es eigentlich nur auf sein Fahrbillet abgesehen ist Die Gesellschaft darf also wie jedes Geschäftshaus ihre Schiffe und Landungsplätze preisen, so gut sie kann. Damit das nicht zu sträflichem Unfug ausarte, hat übrigens das deutsche und amerikanische Gesetz den Schiffahrtsgesellschaften die Errichtung von Emigrationspropaganda- und Informationsbureaus untersagt. Der jüdische Philanthrop aber muß in seiner Propaganda für das Dispersionland ungeheuer vorsichtig sein. Er muß zehnmal prüfen» ehe er einmal empfiehlt. Was für Italiener, taugt, taugt oft nicht für den Juden; was für den jüdischen Tischler taugt, taugt nicht für den jüdischen Ackerbauer. Er muß das Getriebe alier Landagenten, die Geschäftstaktik aller Schiffahrtsgesellschaften, alle Spekulationen beherrschen durch seine Unabhängigkeit und Uneigennützigkeit. Wenn er ein Informationsbureau auftut, so vertraut der jüdische Proletarier im Osten Rußlands jedem Wort, jedem Buchstaben in den Informationen, die ihm der hilfreiche Bruder des Westens vermittelt. Das muß der Philanthrop wissen, und darum müssen seine Informationen auf der Goldwage gewogen werden. Setzen wir nun den Fall, eine Schiffahrtsgesellschaft käme auf den Einfall, da sie selbst kein Informationsbureau errichten darf, das eines philanthropischen Komitees so für sich zu acquirieren, daß das Komitee den Namen, die Schifrahrtsgesellschaft die Kosten hergibt, aber auch den Informationsdienst besorgt. Was wären die Folgen? Die Schiffahrtsgesellschaft macht unter den Emigranten Propaganda nach ihrem Transporttarif A, sagen wir für Südamerika und weiß natürlich nur das Beste und Schönste wahllos für jeden Emigranten zu berichten. Der Emigrant meint, daß es seine edlen Brüder sind, die ihm gewiß nur das Beste und Schönste raten werden, das philanthropische Komitee aber sieht, daß es allmählich tatsächlich eine Bewegung in weiten Kreisen gibt, die nach Südamerika zielt, und freut sich der guten Tat — bis eines Tages aus den geschäftsmäßigen Übertreibungen des Informationsburaus, der Nachlässigkeit des Komitees und der Gutgläubigkeit der Auswanderer eine unerhörte Katastrophe werden kann, Das wäre ohne jede Übertreibung die natüliche Entwicklung der Dinge, wenn es wirklich geschähe, daß jüdische Komitees die Bureaus von Dampfergesellschaften deckten. Solch eine Deckung aber wäre — wie ein ausgezeichneter Kenner des Emigrantenwesens mit kurzen Worten erklärte, ebenso verwerflich, wie sie im höchsten Grade unsittlich wäre. E oooooooo s^sr NACHRICHTEN ^°<gc ooooooooo Aus der jüdischen Wahlbewegung in Rußland Auf der Versammlung der jüdischen Wähler in Schitomir wurde beschlossen die Wahl zweier jüdischer Deputierten in die Duma durchzuführen, Es wurde vorgeschlagen einen Wahlblock mit den Bauern zu bilden, unter Bedingung, daß diese die Idee der jüdischen Gleichberechtigung unterstützen und verteidigen werden. Sollten die Bauern darauf nicht eingehen, so wird man sich mit den Agrariern vereinigen, wobei die Bauern drei und die Juden zwei Mandate bekommen werden. Das Wahlkommitee in Wilna hat die von der Zionistenkonferenz in Helsingfors festgestellte Wahlplatform fast ohne Modifikationen angenommen. Es wurde nur der Punkt über die jüdische Parlamentsgruppe ein wenig umgeändert. Der Rechtsanwalt Grusenberg, welcher, wie bekannt, seine Kandidatur in Wilna gestellt hat, ist mit dieser Platforrh einverstanden. Im Gouvernement Cherson stellen die Zionisten Temkin und Schwarzman ihre Kandidatur auf. Im Gouvernement Podol kandidieren Sliosberg, Dr. Lander (Zionist) und Silberfarb, im Bessaraber Gouv.: Baron Ginsburg und Rechtsanwalt Schapiro, im Gouv. Wolhynien: Rattner und der Zionist Schabotinski, im Gouv. Kiew: die Zionisten Motzkin und Margolin und der „Sejmist" Mandelberg, in Tschernigow der Zionist Dr. A. Bruck, in Minsker Gouv.: Gertschyk, Gurewitsch und der Zionist Dr. Bruzkus, welcher aus der Wählerliste des Grodnaer Gouvernements ausgestrichen wurde, im Gouv. Mohilew der Zionist Dr. Lurje, in Bialystok: N. Sokolow und Ostrogorski. In Tscherkassi (Gouv. Kiew.) wurden ins Wahlkomitee 23 Zionisten und 17 Parteilose gewählt. In Bialystok, wo N. Sokolow kandidiert, ist, wie uns telegraphisch berichtet wird, die zionistische Wahlmännerliste mit kolossaler Mehrheit (80 '».'o) angenommen worden. Herr N. Sokolow selbst weilt zur Zeit in Bialystok, um sich den Wählern in Wahlversammlungen vorzustellen. Die Zionisten im österreichischen Wahlkampf Die „Neue Freie Presse" schreibt: In Kolomea hat eine zahlreich besuchte Versammlung von Zionisten, Sozialdemokraten und radikalen Ruthenen beschlossen, nur solche Mandatswerber zu unterstützen, welche sich verpflichten werden, dem Polenklub im Reichsrate nicht beizutreten. Die Vertrauensmän ner der zionistischen Partei haben in einer in Lemberg abgehaltenen Versammlung eine Resolution angenommen, nach welcher den Reichsratskandidaten dieser Partei die Verpflichtung auferlegt werden soll, die Bildung eines jüdischen Klubs im Reichsrate anzustreben und den parlamentarischen Klubs anderer Nationalitäten in keinem Fall beizutreten. Die zionistischen Abgeordneten dürfen mit anderen nationalen Parteien Bündnisse und Kompromisse, in welcher Form immer, nur ohne Beeinträchtigung der jüdischnationalen Individualität, abschließen. Die zionistische Vertrauensmännerversammlung beschloß, nicht nur in den sogenannten jüdischen Wahlbezirken, sondern auch in allen