Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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12 "DIESSE LT No. 4 Der Vater liegt, den Kopf zur Wand gekehrt, und das Klopfen seines Herzens ist hörbar in der Stille. Sie sitzen dicht aneinandergerückt. Sie ist erfüllt von Zärtlichkeit und weiß, daß sie ihm ganz vertrauen kann. Sie verschlingt jedes seiner Worte und fühlt, daß alles Schwere sich löst von ihrem Herzen. Der Vater dreht sich ihnen zu und betrachtet sie. Auf seinem blassen Gesichte spielt ein so glückliches Lächeln, als wollte er sagen: „Fürchtet euch nicht, Kinder, ich bin einverstanden, von ganzem Herzen einverstanden." Und Vögele fühlt sich so wohl, so wohl. * * * Der Vater ist noch immer krank. Und Vögele holt aus der Sparkasse ein Fünfrubeistück nach dem andern. Der alte Reb Jakob schaut von seinem Bett auf die Kinder und schweigt. Sein Gesicht wird immer bleicher und verschrumpfter, er selbst immer schwächer und schwächer, er fühlt, daß die letzten Kräfte ihn verlassen. Vögele holt weiter Geld aus der Sparkasse. Immer kleiner rwird die Zahl der Marken im Sparbuch. Bald wird nichts mehr da sein. ... Der alte Reb Jakob sehnt den Tod herbei. Er hätte dann I nichts mehr nötig, hätte keinen gestört. I Und Blutstropfen träufeln aus seinem Munde. Immer seltener werden die Blutstropfen und der Marken im .Sparbuch immer weniger. Ein Tropfen Blut — eine Marke aus ..dem Sparbuch. Tropfen und Marken. . . Tropfen und Marken. . . Der alte Reb Jakob hat seinen letzten Blutstropfen ausgehustet,;und Vögele hat den letzten Rubel heimgebracht. Vögele hat an einem Tage ihren Vater und ihre Mitgift verloren. ' * * Vögele sitzt wieder bei ihrer Blitzlampe und näht und näht bis in die Mitternacht. Und mit jedem Stich kommt etwas in ihr -Sparbuch. Jetzt muß die Mitgift viel größer als früher sein. Denn während Jsich die Marken im Sparbuch aneinanderreihen, weben sich weiße Fäden in ihr schönes schwarzes Haar. 'PP£ öflca If ^Oo KORRESPONDENZEN oO/ 5>QS .000 Od (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) London, 19. Januar 1906. An den Redakteur der „Welt"! Sehr geehrter Herr! - Verschiedene deutsche Zeitungen haben den folgenden Artikel, der bei mehr oder weniger variierendemWortlaut demselben Gedanken Ausdruck verleiht, veröffentlicht: „Ein strenges Gesetz über die gewerbliche Sonntagsruhe wird in England vorbereitet. Alsbald hat seitens der führenden Kreise der englischen Judenheit eine lebhafte Agitation eingesetzt, dahingehend, daß den Juden das gesetzliche Recht zugestanden werde, für den Sabbat als Ruhetag zu optieren und dann am Sonntag zu arbeiten und auch jüdische Gehilfen zu beschäftigen. Wer hätte in Deutschland seinerzeit, als das Gesetz über die Sonntagsruhe beraten wurde, den ungeheuerlichen Mut aufgebracht, für ein gesetzliches Ausnahmerecht von Juden einzutreten, im freien Deutschland, wo Christ und leider auch Jude nur an ungesetzliches Ausnahmerecht für Juden gewöhnt sind! Um so befremdlicher ist es, daß den Gegnern des Sabbatprivilegs, deren es ja in England genug gibt, von einer Seite Waffen geliefert werden, von der man sich's am wenigsten versehen hätte. Kein anderer als Herr J. L. Greenberg, Mitglied des zionistischen engeren Aktionskomitees, fühlte sich bemüßigt, in einem Vortrag in Birmingham vor einigen Wochen dafür einzutreten, daß man den Sabbat verlege, wenn man damit alle diejenigen, die ihn heutzutage nicht zu heiligen in der Lage seien, bei der Fahne des Judentumes festhalten könne. Der Sabbat sei für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat. Die tote Hand der Strenggläubigkeit, die die Judengemeinde so geschwächt habe, müsse entfernt, ihr Geist mehr elastisch werden. Wenn schon für die Zionisten die Religion Privatsache ist, so erwartet doch niemand von einem ihrer Führer, daß er es für verdienstlich halte, an den Grundfesten des Judentums rütteln zu helfen, und das in einem Moment, wo liberale Juden aller Grade dabei sind, dem jüdischen Sabbat eine Art gesetzlicher Anerkennung zu erringen. Von einem nichtnationalen jüdischen Organ muß sich Herr Greenberg daran erinnern lassen, daß, wenn er Palästina stets so emphatisch als „nationale" und „historische" Heimat in Anspruch nehme, der Sabbat doch ein viel älteres nationales und historisches Besitztum der Juden sei. Aber bei Herr Greenberg darf man sich über nichts mehr wundern, seitdem er es fertig bekommen hat, die Schaffung eines Zufluchtlandes für die wandernden Judenmassen — wenn es nicht gerade Palästina sei — als ein Unglück für das Judentum zu bezeichnen, derselbe Herr Greenberg, der zu den Initiatoren und Verteidigern des Uganda-Projektes gehört hatte 1 Die Zionisten sollten sich durch solche unklare Köpfe nicht ferner kompromittieren lassen; sie verfügen über stärkere Intelligenzen in hinreichender Zahl." Ich kann mich nicht erinnern, jemals einer so böswilligen Fälschung der Tatsachen begegnet zu sein. Da diese Behauptungen sich gegen mich als Zionisten richten, so erbitte ich mir Raum in den Spalten Ihres Organs, um diese schändliche Verleumdung zu widerlegen. Es ist einfach eine Lüge, zu behaupten, daß ich im Verlaufe meines Vortrages in Birmingham in irgendwelcher Weise die Aufhebung des Sabbats und die Einsetzung eines Sonntag-Sabbats für Juden befürwortet, oder daß ich Juden zu veranlassen gesucht hätte, auf die Heilighaltung dieses Tages, der Israels kostbarstes Erbteil bildet, zu verzichten. Ich strebte danach, in meinem Vortrage dem Wunsche Ausdruck zu geben, daß die Synagoge im vollsten Sinne des Wortes ihren Anschauungen einen weiteren Gesichtskreis geben möge, damit kein Jude, welches auch immer seine Denkungsart und seine Ansichten sein mögen, ausgeschlossen sei, und daß die Synagoge in viel höherem Grade fähig sein möge, alle ihre Gläubigen aufzunehmen, als dies heute der Fall ist. Ich habe noch zu lernen, daß die Befürwortung von Mitteln, durch welche die allmähliche Entfremdung vom Judentum und die Vermischung von Juden mit andersgläubigen Völkern eingeschränkt und bis auf ein Minimum reduziert werden kann, kein notwendiger und hochwichtiger Zweig der zionistischen Propaganda ist. Natürlich müssen alle Mittel angewendet werden, um die Juden für Zion zu erhalten; wir müssen uns auch bemühen, die Juden für das Judentum zu behalten. Diese letztere Notwendigkeit halte ich für eine solche Lebensfrage, daß ich in meinem Vortrage gesagt habe, daß selbst wenn es Juden gäbe, denen es unmöglich wäre, den Sabbat zu heiligen und die deswegen einen Sonntag-Sabbat einsetzten, die Synagoge auch für solche Raum finden und sie nicht versto!3en solle. Ich gab auch der Meinung Ausdruck, daß solche Leute bessere Juden sein würden als diejenigen, die den Sabbat gar nicht heiligen, — was denn doch eine ziemlich selbstverständliche Schlußfolgerung ist Jedermann kann sehen, in welchem Grade der Sinn meiner Bemerkungen entstellt worden ist. Kein Wort über den Teil meines Vortrages, in dem ich für die Aufrechterhaltung des Sabbats nach besten Kräften eintrat; kein Wort auch über meine Auslegung der Tatsache, daß die Nichtaufrechterhaltung des Sabbats der Preis gewesen sei, mit dem wir unsere nichtnationale Existenz bezahlt haben, und daß dies die Zertrümmerung des Ecksteines der Synagoge bedeutet. Es ist auch in dem Artikel nicht gesagt, daß mein Vortrag nicht im entferntesten mit dem Gesetz über die gewerbliche Sonntagsruhe, zusammenhing. Im Gegenteil sucht der Artikel zu beweisen, daß ich der allgemeinen jüdischen Meinung über diesen Punkt in diesem Lande entgegenarbeite, und das ist absolut unwahr. Es ist wahr, daß ich die Jesus von Nazareth zugeschriebenen Worte: „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat," zitiert habe. Soll ein Zionist an den Pranger gestellt werden, einfach weil er die Worte eines der Erlauchten unseres Volkes anführt? Oder =st es die in dem Ausspruch enthaltene Lehre, gegen die ein Einwand erhoben werden muß, unter dem Vorwande, daß sie durch ihren Ursprung notwendigerweise nicht jüdisch ist? Dies wäre lächerlich, besonders wenn wir daran erinnern, daß einer unserer größten Rabbiner eine identische Lehre