Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-01-25 · 4 (25.1.1907) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316252--48952-3343869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bei sich: Sollen sich die Kinder nur erst besser kennen lernen, •— dann werden wir weiter verhandeln. Nacht. Eine enge Stube, Schatten huschen über die Wände. Ein neuer Tisch, auf dem eine große Blitzlampe steht. Und am Tische sitzt Vögele und näht, und Elieser liest ihr einen Roman von Schomer vor; Vater und Mutter, die vom schweren Tag müde genug geworden sind, schlafen schon hinter dem Vorhang, der die Stube in zwei Teile scheidet. Manchmal lächelt Elieser, faßt ihre Hand"und spricht zärtlich: „Vögelchen!" „Was willst du, Närrchen?" „Nichts, nichts.44 Und sie näht noch eifriger und denkt selig in sich hinein: Ich hab' dich schon in meinen Händen! Doch du darfst nicht glauben, du nimmst eine von der Straße, wie sie geht und steht, — nur 80 Rubel fehlen noch zu den 300 Rubeln. Zweihundertundzwanzig Rubel liegen schon in der Sparkasse. Und sie zeigt ihm, was sie sonst schon zur Aussteuer fertig liegen hat: Kissen und Wäsche und Bezüge. .. * * * Immer inniger wird ihr Verhältnis, und sie fühlen sich wie Braut und Bräutigam vor der Verlobung. So eine Seligkeit, so eine Freude, so ein Glück für ihre Tochter! So ein prächtiger Mensch, so ein Goldjunge, — denkt die Mutter. Reb Jakob, der Vater, ist schon alt, hat viel gearbeitet sein langes Leben lang in seinem Altkleiderhandel. Er geht durch die Dörfer, gebeugt von der schweren Last der Päcke und Säcke, die er auf seinen Schultern trägt. Gott sei gelobt, daß er noch dieses Glück erlebt hat, solch ein Glück! Alle sind froh. Aber mehr als alle ist es Vögele. Ihre Wangen sind noch rosiger, noch, zarter geworden, die Augen noch dunkler und feuriger. Sie sitzt an der Nähmaschine und näht, und durch das ganze Haus klingt ihr Lied: „Hab* alles bekommen, was ich gewollt, Mag's nur so bleiben im Leben! Einen schönen Bräutigam hab' ich gewollt, Den hat mir der Himmel gegeben! ..." Und Vögele sitzt und näht und näht und singt. Abends kommt Elieser. „Na, wie geht's?" „Wie soll's mir gehen? . . . Wart' einen Augenblick, ich will dir was zeigen." „Was denn?" „Sie steht auf, geht zur Kommode, die in der Ecke beim Ofen steht, nimmt was heraus und versteckt es unter der Schürze. „Was hast du da?" fragt er lächelnd. „Hast ja Zeit," antwortet sie, setzt sich neben ihn und zieht ein mit Seide ausgesticktes Bild unter der Schürze hervor — Adam und Eva darstellend. „Siehst du, das hat eine Freundin von mir gemacht — für uns. Das werden wir in unserem Zimmer aufhängen, auf der Wand zwischen den Betten. „Ober deinem oder meinem Bette?" fragt er. „Wart* nur, Elieser, ich werde dir ein Zimmer ausschmücken, wie ein Paradies, sag* ich dir. Bescheiden, — aber blitzen wird es. Es wird eine Lust sein, zu uns zu kommen." „Und jeden Abend nach der Arbeit werden wir so beisammen sitzen wie jetzt," — und er umarmt sie. „Und du wirst mir von allem erzählen, von allem," sagt sie, eine Hand auf seine Schultern legend, mit der andern ihn beim Bart fassend und ihm tief in die Augen schauend. Und alles um sie herum ist voll von Liebe und Zärtlichkeit, als ob etwas Weiches, Liebes ausgegossen wäre über Wände und Möbel. Alles zwinkert ihren Augen zu, flüstert zu ihrem Herzen liebe, treue Worte. Sie schweigen und versenken sich in ihre Seelen. „Siehst du," sagt sie plötzlich und zieht aus der Kommode das Sparkassenbuch hervor: „Zweihundertvierzig sind schon da, es werden genau dreihundert werden. Du sollst mir nachher keine Vorwürfe machen: Ich hab' dich genommen arm und bloß, „so wie du da gestanden." „Geh!" sagt er zürnend, „du bist schlecht." „Warum? Weil ich dir die Wahrheit ins Gesicht sage?" antwortet sie und schaut ihm lachend in die Augen. Er wendet den Kopf ab, stellt sich böse. „Ach, du Närrchen, kränkt dich das? Ich hab' doch nur Spaß gemacht, verstehst du denn nicht?" So sprechen sie, bis der Kopf der Alten zwischen den Vorhängen sichtbar wird. „Schon Zeit, schlafen zu gehen," sagt sie. Und die jungen Leute verabschieden sich. Der Winter kam. Reb Jakob, Vögeles Vater wurde krank. : Seine Füße wurden schwach, und er legte sich zu Bett. 1 Es reicht nicht auf Essen und Kohlen, -— und Vögele muß I natürlich von ihrem Verdienst beisteuern. Der Alte steht nicht mehr auf vom Bett. Ein böser Husten " quält ihn. Das blasse Gesicht ist ganz eingefallen, auf der Stirn treten die blauen Adern hervor. Der Chirurg kommt und verordnet eine Arznei. y Die Mutter will das letzte Kissen verpfänden. Aber Vögele gibt es nicht zu. Sie händigt der Mutter sofort alles ein, was sie verdient, — aber das reicht nicht hin. Sie trägt ihre Jacke ins Leihhaus. Denn kann sie ihre „Mitgift" anrühren? i Und er, Elieser, kommt jeden Abend. Sie sitzen an dem Tisch, und die Blitzlampe leuchtet hell. „Warum bist du so traurig, Vögele?" „Wie soll ich denn froh sein, wenn der Vater so krank ist? Schon vier Wochen, daß ich keine Kopeke in die Sparkasse getragen habe." „Wozu brauchst du Geld?" „Wie denn? Wozu ich Geld brauche?" fragt sie erschrocken, als ob sie vor etwas Angst hätte, „du wirst mich doch nicht mit nichts heiraten?" „Was heißt das, mit irchts? Du bist mir alles Geld der Welt, mein ganzes Leben wert. Wozu brauche ich Geld? Siehst du diese fünf Finger? Sie können schon verdienen..... Ich hab' zweihundert Rubel in der Sparkasse. Die sind aufbewahrt für schlimme Tage. Wozu hab' ich noch Geld nötig?" Sie schweigt und blickt zu Boden. Dann sagt sie still: „Aber deine Mutter?" „Ich bitte dich! Heiratest du mich oder meine Mutter? Was geht dich meine Mutter an?" Sie schweigt. „Ich sag's dir noch einmal: Ich heirate dich, so wie du stehst und gehst, und du mich auch. Willst du?" Sie führt ihre Schürze an die Augen und weint leise. Es ist ganz stille in der Stube. Ihr Kopf neigt sich auf seine Schulter, und ihr schwarzes Haar bedeckt sein Gesicht. „Wie gut du bist, Elieser!" Und sie entdeckt ihm die heimlichste Sorge ihres Herzens: Wie schwer jetzt ihr Leben ist, wie bitter und hart. .. Schon alles verpfändet, - und für morgen ist wieder keine Kopeke da . . . Er umarmt sie zärtlich, wischt ihr mit ihrer Schürze die Tränen ab und sagt: „Wein nicht, Vögele, wein nicht! Es wird schon alles wieder gut werden. Ich sage dir: Gehe morgen nach der Sparkasse, nimm dort Geld und kauf alles, was bei euch hier notwendig ist. Bis Gott helfen und der Vater wieder gesund werden wird . . . und wieder verdienen wird . . . Dann . . . „Dann —" wiederholt sie stille. „Dann wird schon alles gut sein," sagt er und blickt sie tief an. „So wie du stehst und gehst," flüstert er. Sie schaut ihn voll an, und ein Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. Und ihr ist so wohl, so wohl .... * Am andern Tage ging Vögele zum ersten Male nach der Sparkasse, holte einige Rubel und brachte sie der Mutter. Die Mutter seufzte tief, ihr Gesicht nahm einen schmerzlichen Ausdruck an, und sie zog ihr Kopftuch über die Augen. Der alte Reb Jakob im Bette kehrte sein Gesicht zur Wand. Er weiß, woher das Geld kommt, die paar Rubel, die durch die harte Arbeit seiner einzigen Tochter erkauft waren . . . Andere Väter geben ihren Kindern, und er nimmt ihr weg! . . . Und es ist ihm, als beraube er die jungen Leute. Er wird doch nicht mehr lange leben können — und knapp vor dem Tode beraubt er sie noch ... Der Gedanke quält ihn. Seine Augen bekommen einen glasigen Ausdruck, und die Adern auf der Stirn schwellen noch mehr an. Er vergräbt sein Gesicht tief im Kissen und grämt sich in schmerzlichem Grübeln ... Er will nicht schuld sein an dem Unglück seines Kindes, und er bittet Gott um den Tod . . . * * * Und sie, Vögele, möchte jetzt plötzlich reich werden, ungeheuer viel Geld besitzen. Und hätte sie auch tausend Rubel, und er wäre gekommen: „Da hast du alles!" hätte sie gesagt, „siehst du, Vögele bleibt dir treu. Nimm du alles, du sollst nicht sagen müssen, du hast mich genommen, ohne alles, so wie ich steh' und geh' ..." * * * Sie sitzen an Vaters Bett, sie und Elieser. Ihr Herz ist erfüllt von Freude. Sie hat ein Glücksgefühl wie noch nie, und große Tränen rinnen über ihre Wangen. Sie sitzt und weint, das Gesicht mit der Schürze bedeckend. Und er nimmt sie zärtlich bei der Hand und sagt mit sanfter Stimme: „Vögele, Vögele, hör auf, ich bitte dich!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.