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Die Welt · 1907-01-25 · 4 (25.1.1907) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIEÄELT: No. 4 f7-~ O ff-\) " O (□□□□□□ o O O FEUILLETON o □ □□□□□])o o- — 4/ o EINE GANZ GEWÖHNLICHE GESCHICHTE Von SCHALOM ASCH Übersetzung von Esther Sch neerson-Feiwel Vögele liebte es — wie alle jungen Mädchen — sich recht, recht schön zu machen. An den Werktagen hat sie nicht Zeit genug, sich mit derlei Eitelkeiten zu beschäftigen. Arbeit gibt's, — man darf's ja nicht berufen! -- vollauf, und es heißt auch ordentlich die Hände rühren: Die Wohnung ist schreckhaft teuer, und die Zeiten sind, ach! so schlimm, der Vater verdient fast nichts, und bis zu den dreihundert Rubeln Aussteuer ist's noch weit! Dazu nimmt die Mutter auch noch immer etwas weg davon, wenn's nicht langt für den Sabbat. Bräutigams - davon gibt's so viel wie Hunde auf den Höfen. Aber sie weiß: Jeder Hund liebt einen fetten Knochen. Vögele hat es nicht gern, den Gedanken nachzuhängen. Sie ist jung und hübsch, — auch das weiß sie. Freilich, es ist sündhaft, sich zu überheben. Doch wenn sie vor dem Spiegel steht, sieht sie ein weißes Gesichtchen und rosige Wangen. . . . Und wie hübsch das schwarze Gelock niederfällt!. . . Aber sie bleibt nicht lange vor dem Spiegel, als ob sie Angst hätte, ihre Schönheit zu bereden. Am Sabbat aber, — das ist eine andere Sache. Zeit gibt's genug, und das Sich-Schmücken und -Zieren hat kein Ende. Die Mutter schreit: „Vögele! Hast dich genug herausgeputzt! Bist auch so hübsch genug!" Doch, was verstehen die alten Frauen von derlei Dingen! Wenn's nach ihnen ginge, könnt' man auch ohne Hut und Jacke auf der Straße spazieren! Aber ein junges Mädchen, — das versteht, was „derlei Dinge" wert sind. Dort, auf einer Bank, sitzt Elieser mit seinen Freunden und wirft seine Blicke hinüber zu ihr. Er meint, daß niemand was merkt, schaut hinüber mit seinen Schelmenaugen und stößt seinen Freund an: „Sieh mal, Feuer und Flamme!" Aber sie, Vögele, schenkt ihm nicht die kleinste Beachtung. Sie geht an ihm vorüber, gleichgültig, erhobenen Hauptes, als ob sie's überhaupt nicht anginge. „Schau mir nur nach, schau nur nach, — kannst mir gestohlen werden, mein Teuerster!" Aber wie groß ist dein Verdruß, o Vögelchen, wenn du vorübergehst und er dich nicht bemerkt! Er schaut auf die andere, auf Malka, die mit einem funkelnagelneuen Federhut paradiert. Der neue Staat paßt ihr freilich wie einer Katze ein Schleier, — und doch, er schaut auf sie. Und du drehst dich um, einmal und noch ein zweitesmal, tust zwar, als merktest du nichts. . . (es schickt sich ja auch nicht, etwas zu merken), hinterrücks aber wirfst du doch einen schnellen Blick nach ihm und siehst, wie er mit strahlenden Augen Malka betrachtet, wie er seinen Freund anstößt, als ob er sagte: Da schau mal hin! In solchen Augenblicken, mein Vögelchen, mußte dein Herz von Stahl und deine Galle von Stein sein, daß sie dir nicht bersten vor Verdruß. Aber wenn er dich erblickt, dann verschwindet Malka vom Schauplatz. Da erhebt er sich schnell von der Bank, schleppt seinen Freund mit und folgt deiner Spur wie ein Schatten. „Gutn' Sabbat Euch!" Du nickstihm nur stolz mit dem Kopfe zu!.. Das bedeutet: „Nichts, mir ist's ganz und gar gleichgültig. Ich geh' in die andere Allee..." Aber sieh: Da ist er schon wieder! Schleicht herum wie ein böser Schatten! Wie fein das doch ist! Schaust nicht einmal hin, tust, als wär' er gar nicht da, und gehst deinen Weg, stolz erhobenen Kopfes. Aber er blickt dir nach und geht dir nach. Bis ans Ende der Welt, in die Wüste hinein wird er dir nachgehen. Haha, ist das fein! * * * Es war am Sabbatabend. Sie spaziert im „Park" mit ihrer Freundin — und er ihr nach. Ganz zufällig kamen sie in eine dämmerige Allee und setzten sich auf eine Bank, die von einem großen Ahornbaum beschattet war. Er kommt und setzt sich aufs andere Ende der Bank. Es dunkelt. Und die hohen, dicht belaubten Bäume werfen tiefe Schatten und schließen sie ab von den Blicken der Spaziergänger. Und ein Wind streicht vorbei, lind und zart. Mählich wird's kühler. Und so schön ist es! Heimlich schlagen zwei Herzen höher. Wer wird beginnen? Er räuspert sich. Das soll heißen: Ich bin da. Sie hört nichts: Ich weiß nicht, wer du bist und was du willst. Was gehst du mich an? Beide schweigen. Der Wind streicht sanft vorbei. Der könnte vielleicht verraten, was in den Herzen vorgeht... „Verzeiht, wißt Ihr nicht, welche Zeit es ist?" „Nein, ich weiß es nicht," antwortet sie kühl. Das soll heißen: Ich verstehe ganz gut, was du willst. Aber streng' dich nicht an, es wird dir nicht so leicht gelingen! Die Freundin neben ihr stößt sie an: „Hast gehört?" Sie ärgert sich über die Freundin. Am Ende wird sich die noch einbilden, daß es ihr gilt. Sie will aufstellen, bleibt aber auf ihrem Fleckchen sitzen, als war' sie da angenagelt. „Ein schöner Abend, nicht?" . . . „Ja, — ein schöner Abend.*' So beginnt das Gespräch. Frage — Antwort. Man spricht von allerlei. Zuerst furchtsam, zurückhaltend, mit Herzklopfen, allmählich aber rücken sie näher aneinander heran und werden plötzlich gut Freund. Sie geht nach Hause. Er begleitet sie. Man reicht sich zum Abschied die Hände: „Auf Wiedersehen!" Und noch einmal, und noch einmal treffen sie zusammen. Die jungen Herzen fliegen einander zu. Im Anfang trafen sie sich selbstverständlich zufällig, — immer in Gesellschaft anderer, ihrer Freundin, seines Freundes. Aber allmählich fühlen sie, daß es besser wäre, sich „unter vier Augen" zu sehen. Und man verabredet, sich heimlich zu treffen. Und sie kommen zusammen, hinter der Stadt zwischen Feld und Himmel. Sie gehen und sprechen. Aber sie fühlen, daß es überflüssig ist, zu sprechen, und schweigen am Ende. Abend. Die letzten Sonnenstrahlen schimmern wie Gold auf den Saatfeldern zu beiden Seiten des Weges. Ein kühler Wind streicht über die Halme, die ihre Köpfchen biegen und einander zuneigen und heimlich flüsternde Zwiesprache halten. Der Abend fließt, ohne daß sie es merken, hinüber in die Nacht. Und mit jeder Minute wird es dunkler und bänger, dunkler und lieblicher. „Ich wollte schon längst mit dir bekannt werden, Vögele." „Ich weiß, — du gingst mir nach wie ein Schatten!" Sie schweigen. „Woran denkst du, Vögele?" „Und woran denkst du, Elieser?" Und sie beginnen ein Gespräch, über das, über jenes, über alles in der Welt. Es wird immer dunkler. Sie rücken dicht aneinander. Er faßt ihre Hand. Sie erbebt. Aber seine Hand umklammert die ihre fest und fester. Plötzlich, wie vorn Himmel herab, neigt er sich über sie und drückt seine heißen Lippen auf ihre Wange. Ein Vogel schwirrt vorüber. Sie erschauert, löst ihre Hand aus der seinen. Sie grollt... Er aber weiß, daß . es nicht allzu ernst ist. Sie werden bald wieder traulich miteinander und plaudern, als ob nichts geschehen wäre. So verbringen sie täglich ein paar Stunden auf heimlichen Wanderungen hinter der Stadt. Eines Tages kam Elieser zu ihren Eltern in die Stube. Das erstemal geschäftlich. Er hatte eine Arbeit für Vögele. Später aber, wie's schon geht, kommt man fragen, ob die Arbeit schon fertig ist. Und Vögele stellt sich, als ob sie ihn bisher nicht gekannt hätte, und bietet ihm sittsam einen Stuhl an. Allmählich erstattet er seine Besuche täglich und tritt, ohne erst einen Vorwand zu suchen, frei und leichtgemut in die Stube. Die Eltern Vögeles wußten, daß er ein ehrbarer junger Mann sei, ein braver Handwerker, der schon Geld verdiente. Sie verstehen ganz gut, warum ein jungerMensch zu einem Mädchen kommt. Doch sie stellen sich, als merkten sie nichts. Und sie denken

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